Nachwirkungen

Ein Junge schaut durch das Fenster eines Schulbusses. Er wirkt müde, verstört, verloren. Haarfransen hängen ihm in die Stirn, die Lippen sind leicht geschürzt, die Backen aufgeblasen. Die Augen hält er weit geöffnet; trotz der Erschöpfung sieht er genau hin. Wir wissen nicht, was er gerade denkt. Aber wir wissen, was er sieht. Draussen, vor […]

Nachwirkungen

Ein Junge schaut durch das Fenster eines Schulbusses. Er wirkt müde, verstört, verloren. Haarfransen hängen ihm in die Stirn, die Lippen sind leicht geschürzt, die Backen aufgeblasen. Die Augen hält er weit geöffnet; trotz der Erschöpfung sieht er genau hin. Wir wissen nicht, was er gerade denkt. Aber wir wissen, was er sieht. Draussen, vor der Kirche, wird ein kleiner weisser Sarg mit Blumengebinde in den Leichenwagen geschoben. Viele Menschen haben sich versammelt, einige fallen einander schluchzend in die Arme oder halten sich aneinander fest. Einzelne haben die Hände vors Gesicht geschlagen, andere pressen die Lippen zusammen, um die Tränen zu unterdrücken. Beerdigt wird ein sechsjähriger Junge, der bei dem Amoklauf in der Grundschule von mehreren Kugeln durchsiebt worden war.
Der junge Zaungast im Bus ist kein Angehöriger. Aber vielleicht hat er den Toten gekannt oder ist mit dessen Cousin befreundet. Womöglich hat er die Elementarschule bis vor kurzem selber besucht. Der Bus bringt ihn heute wieder zum Unterricht. Vier Tage nach der Bluttat hat man die Schulen wieder geöffnet. Der Tatort bleibt die nächsten Monate abgesperrt. Aber das Städtchen ist voller Mahnmale mit Blumen, Teddybären, Luftballons, Kreuzen. Und jeden Tag werden Tote begraben. Nach dem Entsetzen hat die grosse Trauer um sich gegriffen, gepaart mit Angst, Hilflosigkeit, Fassungslosigkeit. Die Suche nach neuem Halt kostet enorme Kraft. Auch davon spricht das Gesicht des Jungen im Bus.

Nach Amoktaten kreist die öffentliche Aufmerksamkeit meist um vermeintliche Ursachen, um die Gewohnheiten oder die Biographie des Täters. Wenig Beachtung finden die Folgen. Der Einbruch der Gewalt hinterlässt nicht nur Tote und Verletzte. Er versetzt ganze Ortschaften und Regionen in eine Art Schockstarre. Sobald die Berichterstatter, Amtsträger, Politiker und Amokbummler abgezogen sind, versuchen die Menschen, in den Alltag zurückzukehren. Doch nichts ist, wie es war. Die kollektive Verstörung dauert an. Sie erfasst nicht nur die Hinterbliebenen und Überlebenden. Der Kreis der Leidtragenden umfasst auch fernere Verwandte, Nachbarn, Freunde, Kollegen, Bekannte. In der Gesellschaft der Ohrenzeugen setzt sich die Bestürzung fest. Auch wer nicht dabei war, dessen Weltvertrauen kann lange Zeit erschüttert bleiben. Ein Schulkind kennt die Schwester eines erschossenen Jungen, ein anderes hat dem Mädchen früher einmal Nachhilfeunterricht erteilt, wieder andere treffen es regelmässig im Sportverein, beim Einkauf, im Schulbus. Obwohl wenig geredet wird, bleiben die Begegnungen überschattet von dem tödlichen Ereignis. Menschen jeden Alters registrieren subkutan die Ängstlichkeit ihrer Umwelt und befürchten bei geringsten Anlässen die Wiederkehr des Unheils. Es genügt ein Reizwort, ein knallender Feuerwerkskörper, eine Polizeisirene oder ein Gerücht, um Weinkrämpfe, Zittern oder Schreianfälle auszulösen. Bis in die Albträume der Unbeteiligten reicht die Macht der Gewalt. Schon der unvermeidbare Weg am Tatort, Friedhof oder einer Mahnstätte vorbei kann Menschen unversehens zurückkatapultieren in die angstvolle Vorstellung des Unheils. Auch gutgemeinte Gespräche oder wiederholte Gedenkzeremonien spenden kaum Trost. Sie reissen die Wunden auf und unterminieren die seelischen Grundfesten aufs neue. Wo Gewalt nur Ohnmacht hinterliess, ist ein altes Gesetz sozialer Gemeinschaft aufgehoben. Geteiltes Leid ist nicht halbes Leid, sondern neues, wiedererwecktes Leid.

Verlassen blickt der Junge aus dem Fenster. Unter dem Gesicht steht der Name des Tatorts. Bis vor einigen Wochen war die Siedlung kaum jemandem bekannt. Nun wirkt der Name wie ein Signalwort. Er ist nun in die weltweite Liste der grossen Verbrechen eingetragen, neben Blacksburg, Erfurt, Dunblane, Utøya. Der Betrachter des Photos erkennt ihn sofort wieder. Er hat die lauten Gesten der akuten Erschütterung noch im Gedächtnis. Das Bild indes zeigt die unmerklichen, unsichtbaren Nachwirkungen, von denen niemand berichtet und die der ferne Zuschauer längst vergessen hat.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»