Nachts ist’s kälter als draussen

Vom Stillsitzen hält er wenig. Die meisten Sätze führt er nicht zu Ende. Für uns macht er eine Ausnahme. Kabarettist Piet Klocke über deutsche Hysterie, dadaistische Konkurrenz aus Bayern und sein gestörtes Navigationssystem.

Nachts ist’s kälter als draussen

Herr Klocke, Sie spielen auf der Bühne den zerstreuten Professor. Haben wir es hier mit einer explizit deutschen Figur zu tun?

Ja, die Figur… wie soll ich sagen? Sie ist sicher etwas bürokratisch. Hektik und Zerstreutheit gibt es aber ja nicht nur unter Deutschen. Deutscher als die Zerstreuung ist vielleicht das Hysterische.


Hysterie, die Grundbefindlichkeit der Stunde. Die Deutschen sollen derzeit ganz Europa retten, wissen aber weder, ob sie dazu wirklich willens sind, noch, wie sie es anstellen sollen.

Es geht mir mehr um die Berichterstattung in den Medien. Ich sage immer: die Informationen sind mittlerweile so schnell, dass man gar nicht weiss, ob die dazu passenden Ereignisse überhaupt schon stattgefunden haben! Und der zerstreute Professor, der in diesem Fall eher alltagsuntauglich ist, ist morgens um fünf schon so gut informiert, dass er gar keine Lust mehr hat, aufzustehen.


Das habe ich jetzt nicht genau verstanden. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Nehmen Sie den Tsunami in Japan vor einem Jahr, als man im deutschen Fernsehen zum achttausendsten Mal die gleiche Riesenwelle über Japan hinwegrollen sah – aus immer wieder neuen, erschreckenden Perspektiven und mit noch mehr Geschrei und neuen Todesopferzahlen. Das kann doch für den einen oder anderen schon, nun, ähm, irgendwie überfordernd sein. Das gleiche gilt für BSE, H5N1, FSME und ESM. Für medial geschürten Katastrophismus habe ich kein Verständnis, da kriege ich einen Hals. Deswegen mache ich auch kein politisches Kabarett, glaube ich.


Jetzt sind Sie aber schon recht politisch gewesen…

Glauben Sie mir: man kann sich nicht bis in die Unendlichkeit über Tagespolitik aufregen, und das würde ich. Meine Kunstfigur ist auch ein grosser Schutz für mich persönlich – um nicht an den Dingen um mich herum zu verzweifeln. Ich beneide so manch anderen um seine Oberflächlichkeit. Sie befähigt ihn, nach Katastrophen einfach darauf zu hoffen, dass bald die Sonne wieder scheint – und er zur Tagesordnung übergehen kann. Beneidenswert! Ich kann mir ja die Namen mancher Politiker nicht einmal merken – wenn ich die schon sehe, wird mir ganz anders. Jeder weiss doch, was da hinter verschlossenen Türen alles abläuft…


Offenbar ja nicht.

Da haben Sie vollkommen recht!


Gut. Andersherum: Sie haben ein Buch mit dem schönen Titel «Kann ich hier mal einen Satz zu Ende…?!» geschrieben…

…genau. Ich behandle den Menschen mit seinen alltäglichen Unvollkommenheiten. Alltägliches Scheitern ist eine schöne Sache!


Inwiefern?

Ich möchte den Leuten Wärme mitgeben, ihnen zeigen, dass niemand vollkommen ist. Auch auf der Bühne. Leute, die nur mit ihrem Zynismus allein auf der Bühne sind, machen mich wahnsinnig. Die gibt es nicht nur in Deutschland, aber dort bringen die Nachrichten ja neuerdings schon so viel Realsatire, dass viele meiner Satirikerkollegen Gefahr laufen, arbeitslos zu werden. Die Realität ist schon so absurd, dass man auf der Bühne gar nichts mehr daraus machen muss. Die generelle Unübersichtlichkeit sorgt übrigens auch dafür, dass man niemandem mehr vertrauen kann.


Ist denn Piet Klocke vertrauenswürdig?

Das weiss ich nicht. (lacht) Aber der Zuschauer sagt immerhin: Gott sei Dank – es geht noch schlimmer als bei mir!


Das alte Prinzip der Clowns.

Mein Vorbild war eher der deutsche Kabarettist Werner Finck, dem auch im Kopf so schnell die Assoziationen kommen, dass er gar nicht mehr weiss… ja. Sehen Sie!?


Wollten Sie nie Clown werden?

Nicht wirklich. Ich war ein introvertierter Typ. Ich hatte keine eitlen Motive, wollte gar nicht auf die Bühne tapsen. Die Bühne ist mir beinahe widerfahren.


Sie waren Mitglied einer Jazz-Punkband und haben Filmmusik gemacht. Nun zieren Sie sich doch nicht so.

…und auch sehr erfolgreich! Aber der Filmmusiker sitzt auch eher als zurückgezogener Dienstleister vor zwei Bildschirmen. Mit einem gecrackten Sequenzer-Musikprogramm – bis morgens um halb vier. Und fragt sich dann: Habe ich eigentlich schon zu Mittag gegessen? Irgendwann kamen dann die Privatsender auf, und die wurden rasch so zahlreich, dass das Niveau nicht mehr haltbar blieb. Sendezeit musste da plötzlich gefüllt werden…


Man rief Sie an, um Sendezeit zu füllen?

Man rief mich an und sagte: Wir wollen Filmmusik! Qualität wie in Hollywood, das aber in 14 Tagen! Piano, habe ich gesagt, alles braucht seine Zeit. Vor allem anständige Arbeit. Man kann ja nicht innerhalb von zwei Tagen eine Arbeit abgeben, die eigentlich einen Zeitraum von einem halben Jahr benötigt. Zu einem Typen bei Sat 1 habe ich dann einmal gesagt: In meinem Keller habe ich noch drei Disketten, da steht drauf: Liebe, Tod, Hass. Könnt ihr haben, kopiert euch was runter! (lacht) Apropos kopieren: Ich habe mich erst kürzlich wieder gefragt: wo ist eigentlich das Urheberrecht hin? 


Ist es weg?

Scheint so. Kürzlich bin ich in Deutschland aufgetreten, und in der ersten Reihe sassen drei Azubis mit Block und Kugelschreiber. Und dann denke ich mittlerweile schon: morgen siehst du deine Ideen in irgendeiner Fernsehshow, allerdings vorgetragen von irgendeinem Künstler, dem sie zugeschrieben wurden und der nicht einmal weiss, woher die Gags tatsächlich kommen. Nicht nur Literaturpreisträgerinnen und Verteidigungsminister machen das so, sondern auch Kabarettisten.


Macht denn das Urheberrecht überhaupt Sinn?

In seiner jetzigen Form nicht. Aber ich finde durchaus, dass man a) für seine Ideen bezahlt werden und b) diese dann auch gewürdigt werden sollten. Dieses ständige Kopieren ist eine Unart. Und das muss man auch mal sagen.


Haben Sie die  Filmmusik deshalb an den Nagel gehängt?

Nein, mir fehlte dafür die Zeit, als ich mein Hobby des Musiktheaters zum Beruf machte. Hier kam dann auch der Piet Klocke zum Vorschein, den man heute aus dem Fernsehen kennt. Hin und wieder verspüre ich eine Art Sehnsucht nach der Filmmusik… aber als
Komödiant lebt es sich finanziell eben besser.


Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie Ihre Nummern im eigentlichen Sinne schreiben. Das wirkt improvisiert.

Und Sie haben recht, das geht auch kaum. Gott sei Dank! Den, der das schreiben kann, will ich mal sehen! Und erst den Lektor! Der ruft nach zwei Stunden seinen Arzt an und sagt: «Ich habe da ein ganz spezielles Problem…» Aber mal im Ernst: Weil ich assoziativ arbeite, habe ich eine andere Strategie. Am besten lässt es sich geographisch erklären: Ich nehme mir eine Strecke vor. Von Zürich nach Hamburg etwa. Ich mache mir Stichpunkte, wo ich am besten vorbeifahren könnte. Basel vielleicht, oder Frankfurt. Plötzlich aber kommt mir auf der Fahrt der Gedanke: über Belgien könnte man noch einen Abstecher machen! Und in Moskau wollte ich schon immer mal zu McDonaldʼs gehen. Irgendwann komme ich aber trotzdem in Hamburg an! Weil ich keine Pointen habe, ist der Weg wichtiger als das Ziel. Und der Zuschauer muss diesen Umweg mitgehen, man muss spüren, dass ich mich verlaufe – und er muss das vervollständigen, was ich durch den Umweg verpasse! Ergo: wenn die Assoziationen zu irrsinnig sind, merke ich das an der Reaktion der Leute: denn dann gibt es keine!


Wie gehen Ihre Fans damit um, wenn Sie Ihre Bühnenfigur und die Art des Auftritts verändern?

Im Moment fuchtle ich auf der Bühne nicht mehr so viel herum wie noch vor ein paar Jahren. Ich breche auch nicht mehr so stark die Sätze ab. Wenn ich heute auf der Bühne stehe, hat der Auftritt eher einen philosophisch-dadaistischen Touch.


Dadaisten hatten in der Öffentlichkeit immer einen schweren Stand…

…na dann habe ich ja Glück! Mein neues Programm kommt gut an. Ausserdem musste ich mich ja mit dem alten, noch chaotischeren Auftritt eh dem bayerischen Ministerpräsidenten Stoiber geschlagen geben. Dessen Ausführungen zu den Reisewegen von München in die ganze Welt, bekannt von YouTube, konnte ich nicht mehr toppen. (lacht) Für mich gilt: nur Dada wäre bloss Selbstbefriedigung.


Vergessen wir also Ihren politisch ambitionierten Kollegen in München. Wie ist Ihr Kontakt zu Kollegen in der Schweiz?

Ich kenne den Simon Enzler aus dem Appenzell. Der hat da mal ein Kabarettfestival gemacht. Und Ursus und Nadeschkin. Die Kollegen halt, die auch hin und wieder in Arosa beim Humorfestival spielen. Da ging ich gern hin – vor allem, weil ich mir dort mit Michael Mittermeier wilde Verfolgungsjagden im Schneemobil liefern konnte.


Tauschen sich die Komödianten nicht über die Landesgrenzen hinweg…

Soll ich Ihnen etwas sagen? Es läuft sehr viel ohne Humor ab in diesem Geschäft. Ich versuche immer wieder, da Kontakte zu halten. Aber es gibt in diesem Betrieb so viele Verrückte, die vor lauter Ehrgeiz nicht mehr geradeausschauen können. Und so einer bin ich nicht.


Also sind viele Komödianten privat gar nicht lustig?

Nein. Und wieso sie auf der Bühne hin und wieder mal lustig sind, hat einen ganz einfachen Grund: Sie haben Autoren, die ihnen die Programme schreiben. Von einem Comedian können bis zu sechs Autorenfamilien ernährt werden. Und es sind unglaublich viele Kollegen, die durch diese Praxis austauschbar werden. Wenn Sie denen die Unterlagen wegnehmen, bleibt da nichts!  


Wie halten Sie es mit den Ghostwritern?

Ich sage mir: wenn mir nichts mehr einfällt, höre ich einfach auf. 

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»