Nachtgang

Eine Stunde nach Mitternacht eilen sieben Nonnen durch die Pforte der Finsternis. Hoch wie ein Haus ist der Eingang, vor ihnen liegt ein langer, spärlich beleuchteter Weg. Ob er ein Ende hat, ist ungewiss. Kein Licht winkt in der Ferne, kein fahler Schimmer, keine goldene Helle des Tages. Dennoch gibt es nur eine Richtung, eine […]

Eine Stunde nach Mitternacht eilen sieben Nonnen durch die Pforte der Finsternis. Hoch wie ein Haus ist der Eingang, vor ihnen liegt ein langer, spärlich beleuchteter Weg. Ob er ein Ende hat, ist ungewiss. Kein Licht winkt in der Ferne, kein fahler Schimmer, keine goldene Helle des Tages. Dennoch gibt es nur eine Richtung, eine Rückkehr ist undenkbar, weder nach links noch nach rechts können sich die Frauen wenden. Die meisten Lichter hinter dem Portal hat man ausser Funktion gesetzt. Fast allein sind sie unterwegs, nur ein einzelner Bus kommt ihnen entgegen, ein leerer Nachtbus, dessen Passagiere vor kurzem am letzten Halt ausgestiegen sind.

Von weit sind die Frauen gekommen, einige tragen eine Reise­tasche in der Hand oder über der Schulter. Dicke Mäntel oder Jacken haben sie sich über den Habit gestreift, eine Nonne verbirgt Kopf und Haube unter einer Kapuze. Es ist kalt in dieser Nacht, zügig schreiten sie aus, um sich warm zu halten – und um rechtzeitig anzukommen. Sie scheinen sich ihres Weges sicher zu sein. Vielleicht sind sie den schmalen Pfad entlang der Mauer schon einmal gegangen, mehrfach in ihrem Leben sogar, ohne ihn jedoch weiter beachtet zu haben. Immer hatten sie an etwas anderes gedacht, nie hatten sie die Dunkelheit rundum bemerkt. Auch jetzt gehen sie, als sei das Ziel nahe, als sei der Weg nur eine begrenzte Strecke, eine Passage, die man mit raschem Schritt hinter sich bringt.

Früh haben sie sich aufgemacht. Es sind noch über acht Stunden. Rechtzeitig werden sie ankommen, zusammen mit all den anderen, die sich mitten in der Nacht auf dem grossen Platz einfinden werden. Zehntausende werden da sein und viele Stunden werden sie in froher Erwartung verbringen. Teilhaben wollen sie alle an dem Augenblick, da der Nachfolger Christi erscheinen und in feierlicher Liturgie in sein Amt eingeführt werden wird. Nach der Wiederkunft des Herrn sehnen sie sich, nach seinem Segen, nach dem Glück der Gemeinschaft. Jeden, der an diesem Tag den Platz aufsucht, wird die Menge willkommen heissen, trotz der stillen Rivalität um die besten Sichtplätze. Binnen Stunden werden sich die Zuschauer zu einer Millionenherde vermehren. Über die Stadt und den Erdball sind die Gläubigen dann vereint. Immer mehr werden hinzukommen. Die grosse Zahl entschädigt für die lange Geduldsprobe.

Alle wollen sie die Wonnen der Masse geniessen: Erlösung, Gleichheit, Befreiung von den Bürden der Vereinzelung. Der Anlass erregte weltweit Aufsehen, Dutzende von Präsidenten, Kanzlern, Ministern und Prinzessinnen reisten auf vielen Wegen nach Rom, um bei der Inauguration des Papstes dabei zu sein. Eine neue Bescheidenheit verkündete das neue Oberhaupt des Katholizismus, Barmherzigkeit gegenüber jedermann und Mitleid mit den Elenden. Zwar trug er nicht das härene Gewand seines Namenspatrons Franziskus, aber er kündete von einem neuen Licht am Ende der Finsternis. Auch sein Weg führte an diesem Tag von der Unterwelt des Kirchenstaats auf den taghellen Platz. Am Grab des Petrus begann die Prozession, mitten in der unterirdischen Totenstadt mit ihren zweigeschossigen Grabbauten, den prachtvollen Eingängen, verzierten Fenstern und bemalten Wänden.

Das Photo von den sieben Nonnen indes ist ein Meisterstück metaphysischer Verzerrung. Winzig erscheinen die Figuren im riesigen Eingang zur Unterwelt. Vom Ende des Tunnels ist nichts zu sehen. Kundige erinnert das Bild an John Martins Illustrationen zu Miltons «Paradise Lost» aus der Frühzeit der Industrialisierung: ein monumentaler Schlund als Pforte zur Hölle. Der Photograph hat sich so postiert, dass der Nachtgang geradewegs in die Finsternis zu führen scheint. In Wahrheit ist der Tunnel südlich des Petersplatzes am Fusse des Gianicolo kaum länger als 300 Meter. Nicht einmal fünf Minuten benötigten die Nonnen für diese Passage. Das Weitwinkelobjektiv hat den Durchgang
zu einem gigantischen Gewölbe gedehnt, in dem…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»