Nacht des Monats mit Simon Libsig

Nacht des Monats mit Simon Libsig

Eigentlich ist alles schiefgegangen. Die von Simon Libsig vorgeschlagene Schlauchbootfahrt auf der Reuss: abgesoffen im bis eben prasselnden Regen. Die Alternative aus gegrillten Cervelats in den Weinbergen hoch über Ennetbaden: vor- und fürsorglich wegen andauernder Trockenheit verboten von der Gemeinde. Nicht einmal das Feuerholz hat man uns gelassen. Wer Petrus und die Bürokraten gegen sich hat, kann schon einmal ratlos werden: nun sitzen wir da. Cervelats kalt, Finger kalt, zwischen Weinreben mit Ausblick, aber ohne Plan. Simon schüttelt ob dieses frustrierenden Verlaufs grinsend den Kopf. «Später hat’s noch ein Konzert im Ventil-Club. Die Band war schon mal hier. Klang nach Beatles.» Er wühlt in seiner Tasche und verbringt die folgenden fünf Minuten damit, die erste Packung Fertig-Hörnlisalat seines Lebens zu öffnen. «Das Besteck ist unten», sage ich, als er ratlos am Plastik herumnestelt. «Nun ja…», meint er, «ich bin eben besser mit Texten.»

Der melancholisch-optimistische «Poet», wie sich Simon Libsig aus Mangel an treffenden Bezeichnungen nennt, lebt von genau diesem menschlichen Scheitern im Kleinen, das uns gerade widerfährt. Häufig sitzt er auf Parkbänken oder in Cafés und beobachtet die Vorbeiströmenden, die ihm ihr Alltäglichstes präsentieren. Er sieht das leicht nervöse Zupfen des Mädchens an ihrem Kleid, damit es richtig sitzt. Er sieht den beleibten Mittfünfziger, der seine Speckfalten prüfend zusammenkneift und dann aufsieht, um sich zu versichern, dass ihn niemand beobachtet. Er sieht das Stolpern, das Händeschütteln und sogar das Träumen. Simon Libsig beobachtet. Dann schreibt er alles auf. Bündelt, komponiert neu. «Poesie funktioniert wie Mathematik», sagt er, als er zum Salat ein trockenes Semmeli aufbricht. «Texte haben ein Ergebnis. Ich kann das Ergebnis prüfen und feststellen, ob es richtig oder falsch ist. Und wenn es nicht stimmt, knoble ich am Text, bis er richtig ist, also Gefühle auslöst.» Dann nach einer kurzen Pause: «Wir könnten auch ins Freibad einbrechen. Ich habe extra zwei Badehosen eingepackt!»

Wir entschliessen uns zunächst für die Rückkehr in die Stadt. Simon hat zu jedem zweiten Gebäude auf dem Weg eine Geschichte parat, auch an seinem Elternhaus kommen wir vorbei. Hinter den Fenstern brennt kein Licht mehr. Eigentlich hätte er Arzt werden wollen, sagt er. Wie sein Vater. Dann entschied er sich für ein Studium der Politikwissenschaften. Nach Stationen in Berlin und Paris kehrte er mit Abschluss zurück in den Aargau, bewohnte drei Jahre lang ein WG-Zimmer ohne Heizung – unter dem Dach eines langsam zusammenfallenden Asylhauses. Dort wohnt heute Julia, eine Freundin von Simon, mit der wir kurz darauf auf dem Trottoir vor dem Badener Casino sitzen und die Limousinen zählen. Sie kennt die Geschichte von Simons beruflicher Initialzündung bereits: «Durch Zufall habe ich einen Vorbericht zum ‹National Poetry Slam› in Bern gesehen und wusste sofort: Das will ich machen! Nichts anderes.» Er fuhr hin, deckte sich am Büchertisch begeistert mit Material ein und studierte. Er schrieb eine Nummer für seinen ersten Slam im Aargau, den er gar selbst ausrichtete – und wurde auf Anhieb Zweiter. Kurz darauf reiste er allein nach Deutschland und gewann den Münchner Poetry Slam im Substanz-Club. Von da an lief es.

Mittlerweile wird er vom Kanton bezahlt, um in Schulen Schreibkompetenz zu vermitteln. Keine Agentur, kein Management und wenig Freizeit, so tourt der Poet auf eigene Rechnung durch die Schweiz und Deutschland. «Das Übelste war ein Auftritt in einer Shopping-Mall, am Aufgang einer Rolltreppe, stehend auf einem Podest. Zur Weihnachtszeit!» Es dauerte keine zehn Minuten, da erklärte Simon der Veranstalterin bereits, dass er sich das so nicht vorgestellt habe. Ein Verslischmied zum Vorbeilaufen, das ist er nicht. Denn Bücher, sagt er, wolle er schreiben. Er konzipiere einen Roman. «Das Geplante», sagt er augenzwinkernd, «kommt aber selten…

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