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Nacht des Monats mit Rolf Lyssy

Nacht des Monats mit Rolf Lyssy

«Ich könnte heute abend nackt übers Bellevue laufen», sagt Rolf Lyssy vergnügt. «Und hätte keine Sorgen um mein Image!» Sein braungebranntes Gesicht lacht mit jeder Altersfalte, seine Augen sind wach wie die eines kleinen Jungen. Der wohl bekannteste Schweizer Filmemacher verdankt seine Unbeschwertheit einer schweren Krise.

Wenige Stunden zuvor auf der Dachterrasse des «Eden au Lac» ist er noch nicht so gutgelaunt: Rolf Lyssy nippt an seinem Wasser und blickt über den See. Eben ist er aus den USA zurückgekommen. «Wenn ich meinen Sohn besucht habe, in New York, fühle ich mich jedes Mal wie vollgepumpt mit Energie», sagt er. Unten hupt ein Rundfahrtschiff, von den Alpen her zieht ein Gewitter auf. In Zürich, wo Rolf Lyssy sein ganzes Leben verbracht hat, ist es, wie es immer ist. «Hier lässt die Euphorie rasch nach», fügt er nachdenklich an. Es sei die Kleinheit des Landes, die ihm und anderen Filmemachern die Arbeit erschwere. «Wer hier Filme macht, braucht eine psychopathische Ader! Man steht sich auf den Füssen, blockiert sich gegenseitig. In der Schweiz können dabei 100 000 Leute deinen Film schauen und er hat sich noch immer nicht amortisiert.» Und wenn ein Film hierzulande dann doch einmal überdurchschnittlich erfolgreich werde, so sei das auch wieder eine heikle Sache, denn Erfolg mache suspekt, so Lyssy, und stelle die weitverbreitete Mittelmässigkeit des Schweizer Films in Frage.

Was der Schweizer Film denn brauche, frage ich, das könne doch alles nicht so schlimm sein. «Der Schweizer Film braucht, wie jeder andere Film auch, egal welcher Nationalität, in erster Linie gute Geschichten. Und die sollten möglichst in unserer Sprache, und die ist nun mal der Dialekt, auf die Leinwand gebracht werden.» Das Schweizer Publikum habe ein Recht darauf, Filme in der eigenen Sprache zu sehen. Pause. Ja, sicher.

Ob man denn wohl mehr fördern müsse, will ich wissen. Ach, so Lyssy abwinkend, kaum zu bremsen, mehr Geld gebe es ja jedes Jahr, besser werde die Situation dadurch nicht. «Verglichen mit anderen Ländern haben wir in der Schweiz viel zu viele Filmproduktionen, die Subventionen beanspruchen und so dafür sorgen, dass die Förderungsbeiträge trotz eines wachsenden Geldkuchens immer kleiner werden.» Und das ärgert ihn. «Wenn ich einen Film mache, will ich sagen können: ‹Ich habe das Geld nicht zum Fenster rausgeworfen, sondern nach bestem Wissen und Gewissen ein gutes Produkt realisiert.› Ob dann viele oder wenige Zuschauer ins Kino gehen, lässt sich nicht vorhersagen. Ich möchte, dass die Menschen, die meine Filme sehen, nicht das Gefühl haben, die Zeit im Kino zu vertrödeln.» Punkt. Pause. Ein Bier, bitte.

Mir gegenüber sitzt einer, der zeit seines Schaffens mit der Schweiz und ihrer Filmförderung gehadert hat, aber trotzdem gern hier lebt. Einer, der Woody Allen liebt, und einer, der gern auf Bongos trommelt. «Das habe ich mir selbst beigebracht. Auf einem Küchenschemel mit Schlagzeugbesen.» Vor dem Radio habe er als Junge gesessen, American Forces Network in Munich gehört und einfach mitgespielt. Die erste Passion. Heute spielen andere mit ihm, von November bis Mai jeweils am Donnerstag in der Bar des Hotels Eden au Lac. «Das Great American Songbook – seit 10 Jahren.» Rolf Lyssy, Drehbuchautor, Filmregisseur und: Jazzfreund.

Im Mai 1998 ging er freiwillig in die Psychiatrische Universitätsklinik, um seine Depression behandeln zu lassen – und das, obwohl sich einige Kollegen mehr Sorgen um seinen Ruf machten als um seine Gesundheit. «Wenn du mal so tief abgestürzt bist, dann ist dir ein für alle Mal egal, was die Leute über dich denken», sagt er, lacht laut. In einer narzisstisch geprägten Welt wie der Filmszene könne das sogar von Vorteil sein. «Ich habe Jahrzehnte gebraucht, um diesen nutzlosen Ballast aus Eitelkeiten loszuwerden. Dabei ist die Erkenntnis vom tiefsten Punkt meines Lebens eine ganz einfache: Umgib dich nicht mit Leuten, die zu viel Wert darauf legen, überall und immer richtig anzukommen.»

Dabei klingt Rolf Lyssy nicht vermessen, sondern gelassen. Seine Stimmung hat sich in den vergangenen Stunden sichtbar aufgehellt. «Wer sich stets nach anderen richtet, wird immer Schwierigkeiten haben, sich selber zu finden», sagt er, nickt und trinkt seinen Espresso. Wir verabschieden uns am Bellevue, es ist gegen halb zwölf, mein Kopf schwillt. Aber: ich habe den Eindruck, Rolf Lyssy hat sich selbst gefunden. Und: er ist immer noch (gut) angezogen.

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