Léa Carrel

Léa Carrel

Sie wird den ganzen Abend über kein Wort mit mir reden. Sie wird einfach weiter in ihrem 3 x 3 Meter grossen Glaskasten zwischen ihren Plüschtieren liegen und schlafen. Lang und gut schlafen. Trotz der Schläuche an ihrem Brustkorb. Die Ruhe hat sie sich verdient, sie liegt schon viel zu lang hier. Léa Carrel ist zweieinhalb Jahre alt und seit Juli im Zürcher Kinderspital. Léa verklebt. Von innen.

Sie hat eine seltene Stoffwechselkrankheit: Ihr fehlt ein Enzym zum Abbau eines komplexen Zuckermoleküls. Nach und nach verstopfen Zuckerreste ihre Organe. Trotzdem piepst ihr Puls ruhig und regelmässig durch die abendliche Transplanta­tionsstation, polyphon mit dem Puls vier anderer kleiner Patien­ten. Viel Platz ist hier nicht. «Stellen Sie sich unsere Abteilung wie einen Flughafen vor», sagt PD Dr. Tayfun Güngör, als er sich neben Léas keimfreien Glaskasten setzt. Der leitende Arzt reicht mir eine Apfelschorle. «Ein Flughafen mit fünf Landebahnen. Und in der Luft kreisen jede Menge Flugzeuge, die alle gleichzeitig um Landeerlaubnis bitten. Es sind schweizerische, deutsche, slowenische – und es sind zu viele für den Flughafen. Die einen haben mehr Kerosin im Tank, die anderen weniger. Wen holen Sie zuerst runter?» «Die mit dem beinahe leeren Tank», antworte ich. Der Mann im weissen Kittel nickt. «Léa war so eines.»

Jeden Tag muss der leitende Arzt abwägen, wen er in der Luft lässt – und wem er eine Landeerlaubnis erteilt. Das klingt dann wie folgt: «Leukämie versus schweren Immundefekt mit schwer zu behandelnder Pilzinfektion.» Ich schaue ihn fragend an. «Letzterer kann akuter sein», sagt Güngör. Léas «Tank», so entschied er, sollte hier wieder gefüllt werden. Er und sein Team griffen ihrem Körper dabei mit der Transplantation von Knochenmarkstammzellen unter die Arme: «Die Stammzellen sind – wenn Léas Körper sie annimmt – in der Lage, das ihr fehlende, aber lebenswichtige Enzym endlich in Eigenregie zu bilden.»

Schon mehrere Monate im voraus hatte Tayfun Güngör die weltweiten Spenderdatenbanken vom Schweizer Knochenmarkspendezentrum in Bern durchsuchen lassen, um mögliche Spender zu finden. Das ist seine Aufgabe: die Koordination von Knochenmarktransplantationen auf Monate hinaus, aber minutiös, damit die Stammzellen innerhalb weniger Stunden nach der Entnahme transplantiert werden können. Der Zeitplan ist eng, oft lassen die im Zürcher Kinderspital behandelten Immun- und Krebskrankheiten keine Verzögerungen zu.

In der Schweiz gibt es etwa 43 000 registrierte Freiwilligenspender. Die Zahl klingt zunächst eindrücklich, eine Spenderquote von etwa 0,6 Prozent der Gesamtbevölkerung ist aber bei genauer Betrachtung ziemlich lausig. In Deutschland liegt sie bei 5,6 Prozent, in den USA bei 2,3 Prozent. Knapp sechs Wochen vor Léas geplanter Transplantation ist denn auch ein anonymer Spender zwischen New York und Los Angeles gefunden. Als ihm bald darauf am Beckenkamm das Knochenmark entnommen wird, wartet hinter der OP-Tür schon ein Kurier, der die Stammzellen umgehend über den Atlantik nach Zürich bringt. Hier werden sie Léa per Infusion verabreicht. «Schon etwa eine Stunde danach haben die Zellen den für sie passenden Platz in Léas Körper gefunden. Nun tickt erneut die Uhr», sagt der leitende Arzt. Léas Immunsystem hätte, so erfahre ich, die rettenden Trojanischen Pferde zwischen ihren eigenen Zellen rasch eliminiert; deswegen schalteten Güngör und sein Team es vor der Infusion der Stammzellen aus. Beim langsamen Wiederhochfahren passiert, was nicht passieren soll: Léas eigener Körper stösst die Zellen ab. «Kein neuer Treibstoff.»

Nach einem weiteren gescheiterten Versuch mit einem Fremdspender entschliesst man sich, es mit einer Eigenspende aus der Familie Léas zu versuchen. «Das ist eigentlich die dritte Wahl», sagt Güngör. «Die Gefahr einer Abstossung ist dabei vergleichsweise hoch.» Aber: die Zeit wurde knapp, sein Team brauchte «schnelle Zellen».

Vor sieben Stunden spendete Léas Mutter die ihren. Und seit etwa zwei Stunden sollten sie einen neuen Platz in Léa gefunden haben. Tayfun Güngör, der eigentlich längst Feierabend hat, schaut zu der kleinen, zähen Dame aus Lausanne. Diesmal muss sie es schaffen.

Nachtrag: Diese «Nacht des Monats» fand im frühen November 2012 statt. Dr. Tayfun Güngör meldete sich vor wenigen Tagen, um die Redaktion über Léa Carrels Zustand zu informieren: «Sie hat wieder Benzin im Tank». Bisher hat Léa also die Stammzellen ihrer Mutter nicht abgestossen und kann voraussichtlich noch vor Weihnachten das Kinderspital Zürich verlassen. Die Redaktion dankt Dr. Tayfun Güngör und Léas Familie an dieser Stelle für die freundliche Unterstützung. Wir wünschen allen Beteiligten alles Gute für 2013!

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»