Nacht des Monats mit Emil Zopfi

Nacht des Monats mit Emil Zopfi
Emil Zopfi, photographiert von Michael Wiederstein.

Im Schein der Stirnlampe, zwischen Schwaden und leuchtenden Schwebeteilchen, flackert die Funktionsjacke meines Bergführers zwei Meter über mir. Mein Puls rast. An einer Wurzel ziehe ich mich bergauf, mein rechter Fuss steht im Schlamm, dann rutscht er weg. Die linke Hand greift in die Leere, dann einen Ast. «Erfahrene Alpinisten sind hier in den Tod gestürzt», sagt Emil Zopfi, als er mir die Hand reicht. Er führt mich durch das Gewirr von Routen, vorbei an drohenden Abgründen, entlang der Fixseile und über metallene Leitern in Richtung Gipfel.

Gut, zugestanden, es ist nur der Zürcher Üetliberg (869 m ü.M.). Aber es ist schon seit zwei Stunden dunkel und der Weg weitgehend unmarkiert. Gerade wuchtet sich Emil über eine Kante, dann ist er verschwunden. «Der Denzlerweg ist die abenteuerlichste Route hinauf. Und Abenteuer», höre ich ihn sagen, «wolltest du doch?» Als ich zu ihm aufschliesse, steht er an einer Gabelung und freut sich offenkundig, dass ich fand, was ich suchte. Langsam komme ich wieder zu Atem, richte meine Stirnlampe neu aus. «Der Denzler war übrigens Bäcker. Jeden Morgen stieg er in den 1880/90er Jahren mit einer frischen Ladung Backwaren hier herauf, für die Hotelgäste auf dem Kulm.» Hartes Brot, meine ich. Ja, eine Direttissima sei das, fügt er lachend an, schneller gelange man nicht auf Zürichs Hausberg. Emil erzählt gern und viel, herrlich unaufdringlich – und ich frage mich, woher der 70jährige die Puste dafür hat. Wir machen Rast.

Emil Zopfi hat in den letzten Jahrzehnten einen enormen Beitrag zur publizistischen Erschliessung der Alpen geleistet – heute erschliesst er mir, eher symbolisch, die Üetliberg-Nordostflanke, wo auch sein neuster Roman, der im Herbst erscheint, spielen wird. Eine schwere Kindheit habe er gehabt, sagt er, als ich ihn frage, wie er Bergliterat wurde. Mutter früh gestorben, ein Fräulein Rottenmeier als Ersatz, keine Lehrstelle gefunden. Emils Alpinismus begann in den späten 1950ern, in einem Industriebetrieb im Zürcher Oberland. «Ein an seiner Maschine Arien singender Lehrling legte mir die klassische Literatur nahe. Goethe, Schiller. Mir, dem ungelernten Laufburschen. Grossartig! Und dann empfahl er mir auch das Leben am Kletterseil – damals noch aus Hanf.»

Seit der ersten Klettertour an der Südwand des Altmann haben ihn die Berge und das Schreiben darüber nie mehr losgelassen. Sie – und Emil Zopfi meint die «richtigen» Berge, nicht den «Uto» – bedeuten Freiheit für ihn. Deswegen setzt er ihnen Denkmale zwischen Buchdeckeln, von den Mythen bis zum Glärnisch, von den Churfirsten bis zum Tödi. Der Üetliberg fehlt in dieser Reihe noch. Emil hat bis vor kurzem an seinem Fusse gelebt – und schafft die fast vierhundert Höhenmeter vom Albisgüetli nach Kulm in unter 30 Minuten. So auch heute. Bei Landjägern, Bürli und Gipfelbier sitzen wir über dem Zürcher Lichterteppich. Der gelernte Ingenieur erzählt von seinen 24 Jahren im Glarnerland, wo er mit seiner Frau im eigenen 200jährigen Haus Schreibseminare abhielt, berichtet von Auslandsaufenthalten in England, den USA, Deutschland, Israel. Überall hat er Freunde, überall hängt er mit ihnen am Seil.

Heute kommen wir ohne aus: Über den Planetenweg erreichen wir bald eine Abzweigung. Ein Gedenkstein erinnert an den Alpinisten Friedrich von Dürler, dessen Geschichte Emil im historischen Roman «Schrot und Eis» erzählt. «Dürler war 1837 einer der ersten Besteiger des Tödis – damals eine Sensation. Tödlich abgestürzt ist er aber hier, am Üetliberg. Einige Freunde und er, etwas angeheitert aus dem 1840 eröffneten Gipfelrestaurant kommend, wetteten, wer von ihnen zuerst im Tal sei. Dürler nahm eine steile Holzschleife, machte seine Rechnung aber ohne das Eis, das häufig bis zum Frühling in den Nischen liegt. Er stürzte über eine Felsstufe und schlug sich den Kopf auf. – Achtung!»

Emil hält mich zurück, denn den Föhreneggweg ereilte das gleiche Schicksal wie den Dürler: er rutschte ab. Im Schein unserer Lampen taucht nun einzig ein metallenes Geländer auf, das in die leere Dunkelheit ragt. «Mein Lieblingsweg», sagt Emil, während er sich den Schnauz glättet und das bizarr verformte Gestänge betrachtet. «Vor ein paar Wochen weggespült.»

Vorsichtig tasten wir uns den rutschigen Hang hinab. An zwei weiteren Stellen fehlt es an Weg, trotzdem stellt sich nun jene innere Ruhe ein, die Abstiege nach langen Wanderungen im Hochgebirge umfängt. Auch wenn Zürichs Hausberg sicher nicht in diese Kategorie fällt: als ich mich von Emil verabschiede und nochmal zu ihm hoch schaue, wirkt der «Uto» mächtiger als je zuvor.