Nacht des Monats  mit Corinna T. Sievers
Corinna T. Sievers, fotografiert von Michael Wiederstein.

Nacht des Monats
mit Corinna T. Sievers

Ein saftiges Picknick bei der schönsten Grillstelle der Goldküste.

Als Schriftstellerin hat sie lange eine Nischenexistenz geführt. Die ersten drei Romane von Corinna T. Sievers verkauften sich zwar gut, gleichwohl gab und gibt sich der hiesige Literaturbetrieb betont distanziert, denn die seit 2004 am Zürichsee wohnende Deutsche schreibt Geschichten, die in ihrer expliziten Darstellung alles Geschlechtlichen im oft bieder-verkopften Schweizer Literaturkuchen dann doch die Ausnahme sind. Das änderte sich erst 2018: Kieferorthopädin Sievers – sie hat eine eigene Praxis in Erlenbach am Zürichsee – las beim Ingeborg-Bachmann-Wettlesen in Klagenfurt, und zwar eine Szene, in der eine Zahnärztin genüsslich ihren Patienten vergewaltigt. Einen Preis gewann sie nicht, aber die Achtung von Jury und Publikum, was sich auf ihr mediales Image auswirkte: Aus der vermeintlich morbiden Dentistin wurde die kalt und doch zart analysierende Feministin mit der literarischen Knochensäge. Seither überschlagen sich die Literatur­redaktoren des Landes beim Spiel mit heiss und frostig: Journalistisches Feature reiht sich an Feature, intellektueller Erguss an Erguss.

Ergiessen soll es sich auch heute: Laut Wetterradar nähert sich eine Regenfront. Dumm, dass Corinna nun unter Kuhglockengeläut im Weidedrehkreuz feststeckt: Eine Ledertasche vorn, eine andere, mit Picknickutensilien gefüllte, auf dem Rücken, Schirme hat sie auch noch dabei, aber irgendwo hat sich hinten unten jetzt was verkantet. «Kannst du anschieben?», fragt sie. Ich schiebe also, das Leder knarzt, das Kreuz quietscht, dann ein Ruck – und schon der Höhepunkt: Vor uns, gebettet in eine grasige Mulde, die schönste Feuerstelle der Goldküste! Überragt von einer seit 1885 hier wachenden, ihre Krone sanft über die einfachen Holzbänke wölbenden Eiche; Berge auf der einen, Löwenzahn auf der anderen Seite. Bis auf unser asynchrones Schnaufen ist es völlig ruhig, kein Mensch weit und breit – die von ihr ausgesuchte Idylle: fast trügerisch. Corinna legt also ab, packt aus, wickelt festes Fleisch aus weissem Papier, drapiert pralle Trauben auf einem hölzernen Brett. «Magst du?», fragt sie und reicht mir einen mehligen Laib samt Brotmesser.

Ja, natürlich! Ich entkorke den Wein, schichte Buchenscheit um Buchenscheit – die in Plastik schwitzenden Anzünder reicht sie mir wortlos, aber mit einem Lächeln. Bald knistert es, wir stossen an, sie setzt sich, schlägt ein Bein hoch und ein Buch auf, liest drei Zeilen, und, aha, schon geht es um die Vögelei.

Also um alte Männer, die Geschlechtsverkehr literarisieren: zwei Texte von Walser, mit dem sie eine intensive Brieffreundschaft unterhält, einer von Roth. Mal reiben sich Körper wie Schmirgelpapier; mal zwickt’s den Unterleib des reifen Erzählers schon beim Anblick gut gepflegter Gärten; ein andermal erfreut sich einer an süssen Crèmetörtchen, die ihm ums Gemächt geschmiert wurden, auf dass sie sogleich fachfraulich weggeschleckt würden. Was in der Reihung etwas blöde klingt, kriegt durch den seltsam unbeeindruckten «Cold Sievers»-Sound bei Bise am Lagerfeuer die richtige Drehung: Auf der Suche nach dem ganz, ganz grossen Gefühl, sagt sie, sei die Enttäuschung über das vergleichsweise Profane jedes neuen, herbeigesehnten «Vollzugs» stets vorprogrammiert. Ironischerweise stellt die bekennende «Erotomanin» (wie ihre erzählerischen Vorbilder) nicht irgendwann ernüchtert die Suche ein, ganz im Gegenteil: Die Suche wird zur eigentlichen Lust, zur Obsession. Und dar­über soll man schreiben, bestenfalls obsessiv.

Grundsätzlich, so die Autorin, sei es dann erschreckend, wie wenig hiesige Bildungsbürger heute noch läsen. Es habe sie deshalb nicht erstaunt, dass die Mutmassung des Klagenfurt-Jurors Klaus Kastberger – «Ich habe mich gefragt, was am Montag in Ihrer Praxis los sein wird!» – keine reale Entsprechung fand. Wie bitte? Keine Patienten, die schlangestehend um eine «Behandlung» bitten, keine gestrichenen Termine von Moralistinnen? Nicht mal besorgte Blicke der Nachbarn? Alles Fehlanzeige, sagt Corinna: «Eine belesene Patientin meinte mal im Hinblick auf ihren Mann – ebenfalls mein Patient – zu mir, ich solle ihn ‹ruhig übernehmen› – dann hätte…

«Unverzichtbare Lektüre:
eine intellektuelle Zündkerze, die das
Weiterdenken in Gang bringt.»
Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
über den «Schweizer Monat»