Nacht des Monats  mit Alex Oberholzer
Alex Oberholzer, fotografiert von Lukas Rühli.

Nacht des Monats
mit Alex Oberholzer

Alex Oberholzer ist Filmkritiker. Doch welches sind eigentlich seine Lieblingsfilme?

«4 Sterne? Um Gottes willen, Alex, wie kannst du nur! Dieser Film ist grauenvoll. Grau- en-voll!» Solche Sätze vergnügten mich sehr – damals, in den späten 1990er Jahren auf Star TV im «Movie Talk» mit Alex Oberholzer und Wolfram Knorr. Das Schöne daran: Auch den Adressaten des Vorwurfs schien es zu vergnügen. Und: Der lustvolle Streit des gegensätzlichen Kritikerpaars war eine effiziente Methode, um schnell ein Bild vom neuesten Blockbuster oder Arthouse-Erzeugnis zu vermitteln.

Alex Oberholzer hat 50 Meter vor dem Eingang des Café Boy parkiert, wo wir zum Abendessen abgemacht haben. Ich helfe ihm aus dem Auto und schiebe ihn im Rollstuhl ins Restaurant. Er kam ohne rechte Hand und ohne rechten Fuss zur Welt. Einjährig erkrankte er zudem an Kinderlähmung und verlor einen Grossteil seines muskulären Stützapparates. «Früher konnte ich 3 Kilometer gehen, heute kaum noch 30 Meter.»

Beim Warten auf die Vorspeise erklärt mir Oberholzer, wie es zu seiner TV-Präsenz kam: «Star TV bot mir damals diese Sendung an. Sie wollten, dass ich jede Woche einen anderen Filmkritiker einlade. Ich sagte: ‹Völlig unmöglich, die meisten Filmkritiker sind Autisten. Mit denen kannst du nicht reden›.» Einen einzigen habe er sich vorstellen können: Wolfram Knorr. «Ich kannte ihn bloss von den gemeinsamen Pressevisionen, hatte aber noch nie ein Wort mit ihm gewechselt, weil er dermassen arrogant war. Ich konnte mir kaum vorstellen, dass er zusagt, mir, dem jungen Schnösel. Trotzdem fragte ich ihn, ob er mal mit mir so eine Sendung machen würde. Er antwortete lapidar: ‹Ja, könnwer machen.› Zu meiner grossen Verblüffung meinte er nach dem ersten Talk, das habe ihm jetzt derart viel Spass gemacht, das müsse man doch regelmässig machen.» Und so geschah es. Zuerst auf Star TV und jetzt im Bernhard-Theater in der monatlichen Matinee von Moritz Leuenberger – der sich damals, als Vorsteher des UVEK, im «Tages-Anzeiger» die Ungeheuerlichkeit erlaubt hatte, den privatfinanzierten «Movie Talk» von Oberholzer und Knorr seine Lieblingssendung zu nennen.

Über Oberholzers körperliche Behinderung wusste ich lange nichts. «Da bist du nicht der einzige!» Einmal habe ihn eine Leserbriefschreiberin gefragt: «Warum haben Sie immer ihre rechte Hand in der Jackentasche? Halten Sie einen Talisman fest?» – «Ich antwortete: ‹Nein, ich habe dort leider keine Hand und möchte darum nicht mit ihr herumfuchteln.› Die Frau war schockiert, entschuldigte sich tausendmal, dabei hatte ich mich eigentlich gefreut über die Frage. Das ist ja immerhin aufmerksam.»

Weniger erfreulich war Oberholzers Adoleszenz. Die ersten 10 Lebensjahre hatte er im Kinderspital verbracht, dann: «Ein Sprung in den Güllentrog. Vorher bin ich im Paradies aufgewachsen. Die Welt endete am Gartenhag des Kinderspitals. Und plötzlich werde ich in diese Gesellschaft hinausgeworfen. Das war grauenvoll. Ich wollte wie im Spital mit anderen Kindern spielen gehen. Bei der Wahl der Teams das übliche ‹Du kommst zu mir, du zu mir, du zu mir›. Am Schluss stehe ich noch da, peinlich genug, aber dann sagen sie sogar: ‹Geh aus dem Weg, wir fangen jetzt an.› Ich ging ab dann nicht mehr raus. Nur noch zur Schule und nach Hause.» Später schloss Oberholzer ein Studium in Mathematik ab – nicht weil er das besonders mochte, sondern weil ihm der Berufsberater im Gymi sagte, er finde ohnehin nie eine Stelle, aber Mathematiker brauche man immer.

Sein Leben änderte sich mit seiner ersten Freundin, sagt er. «Dabei hatte ich das Thema früh ad acta gelegt. Und plötzlich verliebt sich eine in mich! Das hat mich nachhaltig erschüttert!» Die Liebesgeschichte endete zwar unglücklich, aber er habe sich gesagt: «Das Schönste habe ich jetzt hinter mir, ich mache ab sofort nur noch, was ich will.» Er studierte also nochmals: Literaturwissenschaft, Kunstgeschichte und Publizistik. Da das Stipendium schon verbraucht war, musste er sich das Studium – und seine exzessiven Kinobesuche – selber finanzieren. Die Lösung in doppelter Hinsicht: Filmkritiker! Zuerst bei der Jugendzeitung «21i». Ab dann habe er sich nie mehr bewerben müssen. «Der ‹Züritipp›, der ‹Beobachter›, der ‹Sonntagsblick›, alle kamen auf mich zu.» Irgendwann auch Roger Schawinski von Radio 24, bei dem er sich nach Geburt seines ersten Kindes – unterdessen hat er vier, alle erwachsen – festanstellen liess. Und dann eben: das Fernsehen. «Durch die ganze Medienpräsenz werde ich anders wahrgenommen. Noch immer schauen mir Leute nach, aber nicht mehr wegen der fehlenden Hand oder dem Rollstuhl, sondern weil sie denken: ‹Hey, den kenne ich doch vom TV!› Ich gestehe: Das hat meine Brust schon aufgebläht und tut mir immer noch gut.»

Wir sind mit der Hauptspeise schon durch, und ich habe Oberholzer noch immer nicht nach seinen Lieblingsfilmen gefragt. «‹L’année dernière à Marienbad›. Und: ‹Casablanca›», sagt er. Seine These: Ihren Lieblingsfilm haben fast alle im Alter zwischen 18 und 22 gesehen – Herz und Seele seien dann noch frisch. Danach habe es ein Film schwer, auf diese Liste zu kommen. Als einziger habe es bei ihm noch «Les amants du pont-neuf» geschafft. Bei so viel Liebesdramen wird mir fast ein bisschen zu warm ums Herz. Ich frage darum nach Serientipps – und hoffe unterschwellig, im Gegenzug meine eigenen zum Besten geben zu können. «Bei Serien bin ich absoluter Laie. Ich schaue sie grundsätzlich nicht, denn sie fressen zu viel Zeit. Aber: Es ist schön zu wissen, dass da noch eine neue Welt ist, die ich kennenlernen kann, wenn ich noch weniger mobil bin. Ich komme dann auf dich zu!» Das würde mich sehr freuen.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»