Nacht des Monats mit Albert «Bärtel» Wyss

Nacht des Monats mit Albert «Bärtel» Wyss
PistenBully 600 und Albert Wyss, photographiert von Michael Wiederstein.

Als Albert den Motor startet, tönt vom Armaturenbrett her kein «Bing» durch die spärlich beleuchtete Fahrerkabine. Eines, das frostige Temperaturen und potentiell prekäre Verkehrsverhältnisse anzeigt, meine ich. Kalt ist es zwar –  «–8,0 °C» steht auf der Anzeige über Albert «Bärtel» Wyss’ Kopf – Eis wie Schnee sind meinem Chauffeur und seinem Gefährt aber herzlich egal: Albert und ich, wir hocken auf fast 500 PS, einem prallgefüllten 300-Liter-Dieseltank und rumpeln auf Ketten über den 2000 Meter hohen Saanerslochgrat im Berner Oberland. Das Radio spielt «When I come around» von Green Day.

«PistenBully 600» heisst unser Gefährt. Albert, der erfahrene Pistenmaschinenführer, steuert Ungetüme dieses Kalibers seit 13 Jahren über Schweizer Skipisten. Zuerst in Grindelwald, wo er aufwuchs und bald als gelernter LKW-Chauffeur ein Auskommen in ertragsarmen Wintern suchte, nun hier im Saanenland, täglich ab 16 und bis mindestens 1 Uhr, bei Schneefall erst ab 4. Kaum ein Wintersportler ahne, dass Wyss und seine Kollegen die halbe Nacht lang fahren müssten, um das Weiss zu präparieren, sagt er. «Wir sind die Heinzelmännchen vom Berg.» Albert mag seinen Job, er sei ein «Schneemensch», sagt er. Einmal habe er an einer Antarktisexpedition teilnehmen wollen, sei dann aber doch zum Ende der hiesigen Saison «nur» nach Neuseeland gereist, habe die dort beginnende Saison gefahren – und sei pünktlich zum Skiauftakt wieder in Zweisimmen gewesen. «Anderthalb Jahre Winter – grossartig!»

Vor uns weist das Raupenflutlicht auf die geschlossene, aber vom Tagesbetrieb verschlissene Pistendecke, die sich nach und nach zu verkürzen scheint und dann, plötzlich, nach zwei Metern ganz im Dunkel verliert. Albert stoppt die Maschine, öffnet die Tür, springt hinaus und verschwindet aus dem Lichtkegel. Kalter Wind strömt in die Kabine, es ist still. Am Heckfenster rotiert der Wunderbaum, Duftsorte «Relax». Ein Scheppern in der Kälte, dann ein «Klick». Feine Eiskristalle im Xenonlicht. Der Motor ruhig, schön gleichmässig. Zu meinen Füssen ein 30 Zentimeter breiter, schräger Plastikeinsatz in der Windschutzscheibe. Wofür? Und war da nicht eben noch Musik? Dann kommt Albert wieder, setzt sich, zieht seine Handschuhe aus. «Du hast keine Höhenangst, oder?», fragt der Pistenraupenführer. «Nein. Wieso…?»

Keine drei Sekunden später kippt die Raupe vornüber in die Dunkelheit. Kurz ist die ganze Frontscheibe schwarz, dann findet das Licht wieder weissen Boden, ich rutsche beinahe aus der Sitzschale, Schneeklumpen rollen durchs Sichtfeld, meine Schuhe stehen auf dem – nun bloss noch logisch erscheinenden – Plastikeinsatz in der Frontscheibe. In absurdem Winkel zieht die Welt vorbei. Albert lacht, dreht den Folkpunk lauter – und wir donnern hangabwärts.

«Damit wir nachher mit Schnee vor dem Pflug wieder hinaufkommen, habe ich uns ans Seil gehängt», sagt er. Mit Unterstützung der schwenkbaren Winde, die hinter der Kabine montiert ist und sich automatisch dem Motor und seiner Drehzahl anpasst, erreichen wir mit dem 13 Tonnen schweren Präzisionsgerät bald die Hochtalsohle Chaltebrunne, kehren um und fahren die rote Piste aufwärts. Ich liege im Cockpit, vor mir ein unglaublicher Sternenhimmel, davor: der hin und her schwenkende 360°-Windenarm, das zuckende Stahlseil, an dem sich die Raupe Meter um Meter den Berg hocharbeitet. Albert lässt den Pflug herunter und vor der Stahlbarriere wickelt sich postwendend eine Art Pasta-Teigwelle aus Schnee, die sich – durchrutschend unter dem Pflug – neu verteilt, von einer Fräse am Heck des Gefährts aufgelockert und schliesslich von einem «Finisher» geplättet wird. «So entstehen die Rillen, die die ersten Skifahrer am Morgen noch auf der Piste sehen.» Manchmal gehört er selbst zu ihnen. Zwar habe er nach 13 Jahren – und durch ein tonnenschweres Gefährt hindurch – ein «Gspüri im Füdli», was die Konsistenz des Schnees und den besten Umgang mit ihm angehe. Besser sei es aber, die Probe…

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»