Nacht des Monats in der Gig Economy
Jérémy, fotografiert von Lukas Leuzinger.

Nacht des Monats in der Gig Economy

Eine Nacht unter Freiberuflern in Genf.

 

Hört man Gewerkschaftern zu, ist Jérémy zu bemitleiden. Als Uber-Fahrer hat er kein festes Einkommen, Geld verdient er nur, wenn Aufträge hereinkommen, und Sozialversicherungsbeiträge bezahlt die Plattform keine. Doch Jérémy scheint sich im vermeintlichen Prekariat ganz wohl zu fühlen. «Das ist der beste Job, den ich je hatte», erzählt er, während er meine Frau und mich vom Bahnhof Genf ins Quartier Champel chauffiert.

Die Idee unserer Reise in die Rhonestadt ist es, einen Abend in der «Gig Economy» zu verbringen. Der Begriff bezeichnet ein Arbeitsmodell, in dem Dienstleister – meist via Online-Plattformen – für einzelne Aufträge engagiert und bezahlt werden, ohne festangestellt zu sein. Eine wachsende Zahl von Angeboten funktioniert mit diesem Modell – von Fahrdienstvermittlern wie Uber über die Übernachtungsplattform Airbnb bis zu Kurierdiensten wie Smood.ch oder Freelancer-Vermittlungen wie Upwork. Gig Economy bedeutet Flexibilität: für die Kunden, für die Unternehmen – aber auch für die Arbeitnehmer. «Niemand sagt mir, wann und wie viel ich arbeiten soll», sagt Jérémy, ein Mittvierziger, der seit drei Jahren für Uber unterwegs ist. «Ich habe meine Freiheit.» Das bedeutet allerdings auch, dass er mit seinem eigenen Auto fährt und für Versicherung und Altersvorsorge selber sorgen muss. Dennoch ist er zufrieden mit dem, was ihm unter dem Strich bleibt. Zuvor fuhr er für einen Limousinenservice. «Dort fuhr ich zwölf Stunden am Tag für einen Lohn, den ich heute in sechs Stunden verdiene.»

Die Genfer Regierung hingegen sieht in Uber eine Gefahr. Im November hat sie entschieden, den Dienst zu verbieten, bis der Konzern seine Fahrer regulär anstelle und Sozialleistungen zahle. Weil der Konzern Beschwerde gegen den Entscheid einlegte, muss das Verwaltungsgericht entscheiden. Bis dahin kann man die App weiterhin verwenden. Jérémy sagt, er würde problemlos anderweitig Arbeit finden, sollte Uber der Stecker gezogen werden. «Doch einige Fahrer hätten gar nichts mehr.» Der Entscheid des Kantons sei ein rein politischer – die Regierung habe vor allem die mächtige Taxilobby zufriedenstellen wollen, die sich die Konkurrenz vom Hals schaffen wolle.

Genug der Klagen über die Politiker: Wir sind am Ziel. In einem Wohnblock empfangen uns Sergey und Evgeniya, bei denen wir via Airbnb eine Übernachtung gebucht haben. Einquartiert werden wir im Wohnzimmer ihrer einfachen Wohnung. Das Paar kam vor 13 Jahren aus der Ukraine nach Genf. Sergey arbeitet als selbständiger Berater, Evgeniya ist als Fotografin tätig. Ihr Wohnzimmer als Schlafgelegenheit an Touristen zu vermieten, bringt ihnen ein willkommenes Zusatzeinkommen. «Ausserdem kommen wir in Kontakt mit Leuten aus unterschiedlichsten Ländern», sagt Sergey. Auch bei Airbnb-Gastgebern wie ihnen will der Kanton aber ein Wörtchen mitreden: Seit 2018 dürfen Zimmer oder Wohnungen nur noch für maximal 90 Tage pro Jahr auf Airbnb vermietet werden. Der Staatsrat will damit die Verdrängung von Mietern verhindern. Wie viel die Massnahme bringt, ist zweifelhaft. In Sergey und Evgeniyas Wohnzimmer jedenfalls wird kein Mieter einziehen.

Inzwischen ist es dunkel geworden; der Hunger meldet sich. Wir bestellen bei Eat.ch Burger von einem Restaurant in der Nähe. Keine halbe Stunde später steht ein Kurier vor der Tür. Er ist kurz angebunden, für ein Gespräch hat er keine Zeit – die nächsten hungrigen Kunden warten. Auch in der Gig Economy gilt: Flexibilität ist relativ.

Nach dem Essen machen wir uns auf in die Stadt. Uber-Fahrer Adil, der uns diesmal mitnimmt, ist weniger gut auf die Plattform zu sprechen als sein Kollege Jérémy. Viel zu viel knöpfe das Unternehmen den Fahrern ab, klagt er. Anfangs seien es 10 Prozent des Fahrpreises gewesen, heute 25 Prozent. Adil nutzt Uber als Überbrückung zwischen anderen Engagements. Vor vier Jahren registrierte er sich. Dann nahm er einen Job als Busfahrer an, fuhr Touristen vom Flughafen in die Walliser und französischen…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»