Nacht des Monats mit Mélanie Huber

Nacht des Monats mit Mélanie Huber
Mélanie Huber, photographiert von Claudia Mäder.

Es ist kurz nach halb zehn, als ein Mann mittleren Alters blutüberströmt zur Bar spaziert. Ein Messer in der linken Brust, ein Glas in der rechten Hand, beobachtet er, wie elf Iraner gegen gleich viele Nigerianer anrennen, und wendet sich alsbald ab. Es ist Pause – auf dem Feld nun ebenso wie im Theater, wo sich die Schauspieler zwischen ihren Auftritten in der Kantine verpflegen und ich mit Mélanie Huber auf den Feierabend anstosse.

Das kann die junge Regisseurin an diesem Junimontag mit bestem Gewissen tun. «Sehr fein» sei die Probe gewesen und sie selber überrascht, wie viel schon «lebt» in der Inszenierung, die sie erst vor einigen Tagen mit Schauspielern und Musikern zu erarbeiten begonnen hat. In sieben Wochen entsteht auf der Bühne allmählich die Welt, um die Mélanies Gedanken schon seit Monaten kreisen: Ein Kosmos von Kontoren, voll absurder Komik und existentieller Tragik, blassen Männern und bluesigen Klängen – Herman Melvilles «Bartleby, der Schreiber», den die 33jährige im September zur Saisoneröffnung im Zürcher Schiffbau zeigen wird.

Auf der Probebühne, wo zuvor bis acht geübt wurde, hängen Bilder von amerikanischen Krägen und Köpfen an der Wand und in der Luft eine Konzentration, wie man sie kaum mehr kennt. Weder Geklingel noch Geschwätz, nur Text. Satz um Satz, nein, Wort um Wort sprechen sich vier Schauspieler durch die Anfangsszene des Stücks. Immer wieder lässt Mélanie Passagen wiederholen, Intonationen ändern, den Puls der Sprache schneller und langsamer gehen, bis Bartleby, dieser «mitleiderregend anständige» Mensch, im gesprochenen Wort auf eine Weise daherkommt, die sein Wesen wiedergibt.

Feine Musikalität und verschrobener Humor zeichnen die Aufführungen der Zürcherin aus, die heute, nach Regiestudium und zweijähriger Assistenz am Schauspielhaus, freischaffend ist. «Reich werde ich nicht, aber es reicht, und schliesslich ist auch die Passion ein Lohn», sagt sie, glücklich, sich inzwischen das ganze Jahr über auf verschiedenen Bühnen zu bewegen und dazwischen intensiv mit Texten zu leben. Denn wenn sie sich für eine Geschichte entschieden hat – was sie oft zusammen mit Stephan Teuwissen tut, ihrem Dramaturgiepartner, der auch die Stückfassungen schreibt –, seziert sie zunächst einmal akribisch ihr Buchstabenmaterial. Während in der Kantine eine hochtoupierte Puffmutter vorbeistelzt, zeigt mir die geerdete Theaterarbeiterin ihr Textbuch, in dem fast jeder Satz mit Zeichnungen und Formationen versehen ist. Einige davon wurden zuvor durchgestellt – ausprobiert.

«Versuch mal, die Arme in die Seite zu stemmen und überzeugt den Chef zu spielen», bittet sie auf der Bühne die Hauptfigur ihres Männerquartetts. Ihre Instruktionen sind sacht, aber die Positionen klar. «Chef spielen» tue sie indes nicht aus Lust am Führen, sondern aus Freude am Schöpfen von Welten, die stimmig nun mal nur mit Übung würden. «Du kriegst ja nie genug!», feixt ein Schauspieler, als die Regisseurin ihn zur Extrasingprobe aufbietet. «Menschen lächeln», singt der deutsche Landsmann dann aber gleich gefügig, derweil seine Nationalmannschaft einen Elfmeter versenkt – was der Regieassistent aus dem Augenwinkel auf seinem iPad beobachtet. Für die Crew, sagt Mélanie, sei das Proben in dieser frühen Phase zwar noch eine «normale Arbeit», die auch Raum für anderes lasse. Gleichwohl spielt ihr Trupp schon jetzt nicht nur mit, sondern bringt sich selber in Stellung, regt an, bringt ein und setzt durch: «Es gibt nichts Geileres, als recht zu haben», lacht einer, als die Regisseurin im Probenprotokoll eine Position festschreiben lässt, die er soeben spontan erfunden hat.

Auch wenn nicht jede Produktion so harmonisch verläuft: Genau dieses gemeinsame Erspielen eines eigenen Universums löst letztlich Mélanies Theaterbegeisterung aus. Es ist das Gefühl einer direkten, durch keine Technik vermittelten, sondern in Echtzeit durch unterschiedliche Menschen entstehenden Gegenwart, das sie am Theater liebt – und schon auf die Probebühne zu…

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»