Nacht des Monats
Joël von Mutzenbecher vor einer Aufnahme von Louise Bourgeois (2004) am Ausstellungseingang, fotografiert von Vojin Saša Vukadinovic´.

Nacht des Monats

Vojin Saša Vukadinović denkt mit Joël von Mutzenbecher über Sex nach.

 

Das Treffen mit Joël von Mutzenbecher beginnt mit einer psychedelisch anmutenden Einlage von oben. Staub aus der Sahara hat den Himmel verfärbt, alles ist in gelblich-graues Licht getaucht. Es macht den Eindruck, als sei es bereits dunkel, noch bevor an diesem Frühabend im März tatsächlich die Nacht einkehrt. ­Einen abgefahrenen Eindruck macht auch die Vorschau zur Ausstellung «Louise Bourgeois x Jenny Holzer» im Kunstmuseum Basel, die wir uns ansehen möchten. Dort kuratiert Holzer, die jüngere der beiden Künstlerinnen, Werke von Bourgeois. Zu sehen sind hunderte Arbeiten, die zwischen 1941 und 2010 entstanden sind.

Kunst war für Joël nie etwas Abwegiges. Sein Grossvater Werner von Mutzenbecher ist bekannter Basler Maler; der Enkel besuchte von klein auf Ausstellungen mit ihm, und zu Hause hingen seine Bilder an der Wand. So kommt es, dass der Comedian einen untrüglichen Richtwert zur Bewertung von Kunstwerken parat hat: «Macht’s etwas mit einem oder nicht?» Damit wappnen wir uns für die Exponate, von denen wir bereits wissen, dass sie thematisch vor allem körperliche Lust umkreisen, wiewohl eingebettet in weitaus grössere Fragen nach Liebe, Mutterschaft und der zyklischen Form des Lebens. Wir ahnen, dass uns Nippel, Erektionen und diverse Körperöffnungen in nicht zu knapper Zahl erwarten dürften, und rechnen mit expliziten Reaktionen auf explizite Inhalte. Als wir den ersten Raum betreten, werden wir jedoch sogleich überrascht. Eine geführte Gruppe betrachtet in geradezu andächtiger Stille Bourgeois’ Arbeiten. Wir wollen nicht stören und sputen voran.

Eben weil es bei Bourgeois um Sex geht, unterhalten wir uns auch über diesen, zumal das Thema immer wieder in ­Joëls öffentlichen Darbietungen auftaucht. «Wenn jemand unter 12 Jahre alt ist im Publikum, finde ich das grenzwertig», bekundet er, der ohnehin viel darüber nachdenkt, wie anders über das Sujet gesprochen werden könnte, das – wie überall – in der Sparte Comedy zu den Dauerbrennern zählt: «Sex ist immer das einfachste Thema.»

Er tritt zu nah an eines der Exponate, die Alarmanlage geht los. Sofort nähert sich eine Museumsmitarbeiterin, die wir für eine angehipsterte Besucherin gehalten hatten, und weist freundlich, aber bestimmt auf die Grenzüberschreitung hin. Bourgeois’ Werke ziehen alle Aufmerksamkeit auf sich.

Vor einem der vielen Gemälde, die weibliche Konturen zeigen, parodiert Joël auf Wunsch nochmals Vujo Gavrić, eine TV-Persönlichkeit, die früher öfters in seinem Programm auftauchte: «Bisch e subberschöne Frau», monologisiert er im Tonfall des gänzlich von sich selbst überzeugten Typen in Richtung des Bildes. Ich kriege mich nicht mehr ein, Joël ist allerdings weniger angetan: «Parodie ist ein Effekt, die grössere Kunst ist aber etwas komplett Eigenes», erklärt er. Witzeschreiben bezeichnet er als einen sich «konstant verändernden Prozess», der hauptsächlich darin bestehe, Ideen aufzuschreiben, um mit rohen Gedanken an das Publikum heranzutreten. Was vor diesem entstehe, werde dann weiterverarbeitet: «Ich schreibe auf der Bühne.» Sich Sachen auszudenken, funktioniere unter Druck sowieso besser.

Ob Bourgeois’ Kunst, die vor uns hängt, auch so zustande gekommen war? Angesichts der quantitativen Dimension ihres Œuvres ist eher davon auszugehen, dass sie absolute Ruhelosigkeit zum Programm hatte. Holzer wiederum, deren prägnante Sätze für die Dauer der Ausstellung an Basler Gebäude projiziert werden, arbeitet viel mit der Unmittelbarkeit von Einzeilern, die den Betrachter vor den Kopf stossen. In technischer Hinsicht ist ihr Vorgehen dem eines Comedian nicht unähnlich, beide operieren mit knappster Einwirkzeit, und beide sind darauf bedacht, etwas aus dem Unbewussten des Publikums hervortreten zu lassen. «Ein guter Joke ist ein guter Joke», summiert Joël, der mittlerweile vor allem Interesse daran hat, sein Soloprogramm zum Erlebnis zu machen, sein Verhältnis zu dieser Verfahrensweise.

Als wir das Museum verlassen, haben wir reichlich gelacht, aber noch mehr gesehen, das verarbeitet werden möchte. Vielleicht findet es alsbald seinen Weg…

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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