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Nacht des Monats  mit Irena Brežná
Bild: Irena Brežná, fotografiert von Vojin Saša Vukadinovic´.

Nacht des Monats
mit Irena Brežná

Vojin Saša Vukadinović lernt Flamenco mit Irena Brežná.

 

In identitätstrunkenen Zeiten ist Irena Brežná ein Lichtblick. Während vielerorts denjenigen gehuldigt wird, die die Frage nach der «Herkunft» als etwas Besonderes verkaufen und doch nur Larmoyanz und Langeweile anzubieten haben, besteht die Basler Schriftstellerin darauf, «in der Sprache zuhause» zu sein. So lautet der Untertitel ihres jüngsten Buches, des 2018 erschienenen «Wie ich auf die Welt kam». Hervorzuheben ist auch ihr Roman «Die undankbare Fremde», der ihr 2012 zuvor den Eidgenössischen Literaturpreis bescherte. Im vergangenen Jahr ist die 1950 in der damaligen Tschechoslowakei geborene Schriftstellerin, die seit mehr als einem halben Jahrhundert in der Schweiz lebt, mit dem Hermann-Kesten-Preis und mit dem Kulturpreis der Stadt Basel ausgezeichnet worden.

Dort treffen wir uns an einem Februarabend in einem nicht ganz zentral gelegenen Quartier. Es ist nasskalt und in dieser Gegend, in der manche Menschen tagsüber in Büros sitzen, während andere nicht ganz alltägliche Einkäufe tätigen – eine neue Badewanne, ein neues Auto –, nichts mehr los. Bis auf ein Gebäude, das diverse soziale und religiöse Vereine nutzen. Im Erdgeschoss ist eine Moschee. «Da sind die Männer», sagt Brežná augenzwinkernd, «wir Frauen unten.» Gemeint sind die Teilnehmerinnen eines Flamencokurses, die sich dienstags im Kellergeschoss treffen. Während wir die Treppen hinabsteigen, erklärt die Autorin, dass hier Sevillanas getanzt werden: «Das ist der Volkstanz aus Sevilla, woher unsere Lehrerin stammt. Sie spricht Spanisch, das ich nicht beherrsche, aber was sie mit dem Körper sagt, verstehe ich – allerdings nur, wenn sie spricht und vortanzt. Wenn ich hier rauskomme, weiss ich nicht, was ihre Worte ausdrücken. Und ich würde nicht kommen, wenn sie im Unterricht Hochdeutsch oder Dialekt sprechen würde.»

Als wir auftauchen, schallt es schon «Un, dos, tres, cuatro – ¡aquí!» durch den Raum. Kursleiterin Alejandrina Cisneros-Henschen erklärt einer Schülerin vor Kursbeginn ein paar Schritte. Wir kommen sogleich ins Gespräch. Erste Lektion: Blosse technische Finesse reicht keineswegs, im Flamenco ist Ausdruck alles. Zweite Lektion: Tanzen ist Trumpf, okay? Brežná hat sich inzwischen umgezogen und präsentiert den standesgemässen Dress: «Ich tanze seit zwölf Jahren. Ich habe etwa zehn Röcke.» Auf die Frage, was ihre Leidenschaft bedinge, erklärt sie: «Das ist wie ­Mathematik. Präzision, volle Konzentration. Wenn ich nur eine Sekunde an etwas anderes denke, falle ich raus. Der Blick, die Körperhaltung und die Füsse entscheiden.» Das Aus-der-Rolle-Fallen ist wörtlich zu nehmen, denn Sevillanas zeichnen sich durch vier prägnante Konstellationen der Tanzpartner aus: «Begegnung. Verführung. Streit. Versöhnung.»

Dann heisst es plötzlich «¡Hola chicas!» und los geht’s. Neun Frauen unterschiedlichen Alters und mit diversen sozialen Hintergründen, allesamt mit langjähriger Erfahrung und in traditioneller Aufmachung, die von den Schuhen mit unabdinglichen Absätzen über die ebenfalls unverzichtbaren bunten Röcke bis zum passenden Haarschmuck hinauf reicht, stehen zu spanischer Musik auf der Tanzfläche. Es ist nicht klar, ob Cisneros-Henschen instruiert oder kommandiert. Hier werden nicht nur Schritte eingeübt, sondern Bewegungen, Gesten, Haltungen, Posen und Schwünge, die erhebliche Koordination erfordern. Handgelenke und Ellenbogen sind im Dauereinsatz. Zur immer komplexeren Abfolge der Rhythmen gesellt sich der Gebrauch von Fächern und Hüten, was in Kombination mit den Röcken der Teilnehmerinnen rasch den Anschein erweckt, dass der gesamte Raum ausgefüllt wird. Brežná macht bei all dem ­einen auffallend gelassenen Eindruck, gekonnt absolviert sie noch die komplizierteste Bewegung.

Die Kursleiterin und ein harter Kern an Teilnehmerinnen überziehen die Dauer der Lehrveranstaltung äusserst grosszügig. Man merkt, was ihnen das Tanzen gibt. Und es fällt auf, wie irrelevant die Frage nach der Herkunft hier ist. Lustig, dass beiläufig den männlichen Gläubigen eine Etage drüber recht sündig von unten eingeheizt wird. Die denkwürdigsten Vorgänge in Sachen «Heimat» ereignen sich eben dort, wo man sie nicht erwartet. Eine lässigere «undankbare Fremde» als Irena Brežná ist gegenwärtig kaum vorstellbar.

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