Nacht des Monats
Christoph Held: fotografiert von Vojin Saša Vukadinović.

Nacht des Monats

Vojin Saša Vukadinović isst mit Christoph Held Kürbissuppe im Schrebergarten.

 

Den Alten gehört die Zukunft. Das ist keine simple Umkehrung eines bekannten Ausspruchs, sondern die nüchterne Beschreibung dessen, worauf sich viele westliche Gesellschaften erst noch einstellen müssen: Denn ein beträchtlicher Teil ihrer Bevölkerung wird in den kommenden Jahrzehnten alt sein, genauer gesagt sehr alt – und überdies sehr hilfsbedürftig.

Einer, der sich den Herausforderungen von morgen heute widmet, ist Christoph Held. Der Gerontopsychiater und ehemalige Stadtarzt von Zürich ist nicht nur hauptberuflich mit den gesundheitlichen und sozialen Problemen befasst, die mit der demografischen Entwicklung zusammenhängen, sondern verarbeitet diese auch zu Prosa. Als «Chronist einer langjährigen Veränderung und Ahnungslosigkeit, die zu Leid und Not führt», wie es in seinem 2017 erschienenen Band «Bewohner» etwas zurückhaltend heisst, dokumentiert er, was im Alltag gern verdrängt wird. Die Ahnung, eines Tages selbst gebrechlich und dement zu sein, behagt niemandem; dass Held eine Sprache für die Situation derjenigen findet, die es bereits sind, macht seine Schriften umso eindrück­licher. Momentan arbeitet der 1951 geborene Autor an einem neuen Erzählband. Eine der Geschichten handelt von einem ­demenzkranken Professor, der mit «der Diagnose» konfrontiert ist und hierüber ein nächtliches Selbstgericht hält.

Zu den Vorzügen der Stadt Zürich zählt, dass das Grüne nie weit weg ist. Für unsere Zusammenkunft geht es in eine innerstädtische Schrebergartenanlage, die komfortabel mit dem Bus erreichbar ist. In Witikon pflegt Held einen Garten, in dessen Mitte eines dieser typischen Holzhäuschen steht. Daneben gibt es eine selbstgezimmerte Sitzgelegenheit in Form eines kleinen Schiffs, an der Lichtgirlanden baumeln. Ein seltsamer Zufall: Von hier aus fällt der Blick direkt auf die Klinik Burghölzli, wo psychiatrisch behandelt wird. Zudem weckt das «Schreber-» im Wort ­ohnehin die Assoziation mit Sigmund Freuds gleichnamiger Fallstudie einer Psychose.

«Schrebergärten sind eine geriatrische Angelegenheit», sagt Held während der blauen Stunde beim Spaziergang hangabwärts, vorbei an Kürbissen, Zierchili, Schilf, Dahlien, Astern und anderen Pflanzen, die auch an diesem Oktoberabend noch schön anzusehen sind, bisweilen gar blühen, obwohl es eindeutig auf den Winter zugeht. Mir werden Nachbarslauben gezeigt und erläutert, wie schnell die zugehörigen Gärten verwildern, wenn nach Aufgabe eines Pächters nicht der nächste folgt. Das komme öfters vor, denn besonders populär sei das Verweilen in der Gartenlaube bei Jüngeren nicht. In der Ära der Billigflüge locke unentwegt die Ferne, und das Internet verstelle den Sinn für das Abschalten vor Ort. Gleichwohl verstehe ich die generationelle Kluft nicht so ganz, denn spontan kommen mir hier sofort Ideen. Der kühne ­Gedanke wird mir allerdings ausgeredet, noch bevor ich ihn ausgesprochen habe: «Übernachten ist hier verboten.» Na gut.

Held serviert eine wärmende Kürbissuppe und erzählt aus der Praxis: von Städtern, die an Wahnvorstellungen leiden und sich zuhause so einbunkern, dass sie nicht mehr aus den eigenen vier Wänden hinausfinden; von Wohnungsauflösungen am frühen Morgen, die er amtsärztlich begleitet hat; von den Pflegeheimen, deren titelgebende «Bewohner» den Lebensabend zubringen. Aber auch vom Reh, das sich einmal in diese Anlage verirrte, äusserst unglücklich im Zaun hängen blieb, geschossen wurde und als Futter im Zürcher Zoo endete. Von der Vergänglichkeit allen Lebens erzählt dann eben auch ein Ort wie dieser. Entscheidend ist allerdings, dass Held auffallend sanft davon berichten kann.

Wir nehmen Bus und Tram zurück in die Stadt. In beiden ­sitzen jeweils junge Menschen, die wohl noch nie einen Gedanken an das Alter verschwendet haben, am allerwenigsten, wenn sie spätabends öV fahren. Und woher sollten sie auch wissen, dass vor ihnen der örtliche Experte für zugehörige Probleme schlechthin sitzt? Botschaften für ihre Zukunft, die sie eines ­Tages vielleicht doch zur Hand nehmen werden, hat Held ihnen jedenfalls vorab bereitgestellt.

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»