Nacht des Monats
Ilma Rakusa, fotografiert von Vojin Saša Vukadinovic´.

Nacht des Monats

Vojin Saša Vukadinović zieht mit der maskierten Ilma Rakusa um die Häuser.

 

Ungarisch, Slowenisch, Deutsch, Französisch, Englisch, Russisch, Serbokroatisch… Ilma Rakusa ist mit Leichtigkeit in all diesen Sprachen zu Hause, während die Werke, die sie den hiesigen Leserinnen und Lesern in den vergangenen Jahrzehnten erschlossen hat, durchweg gewichtig sind: Lyrik und Prosa von Anna Achmatova, Marguerite Duras, Imre Kertész, Danilo Kiš oder Marina Zwetajewa etwa, um nur einige Autorinnen und Autoren zu nennen, deren Arbeiten sie übersetzt hat. Die «geborene Kosmopolitin und Europäerin», wie sie 2019 anlässlich der Verleihung des Kleist-Preises genannt wurde, schreibt zudem selbst – siehe zuletzt ihren Band «Mein Alphabet», der sich als autobiografischer Streifzug durch die Welt der Wörter präsentiert, die tatsächlich ihr Leben ist.

Ginge es nun darum, das Alphabet zur Abendgestaltung zu machen, böte sich an, Scrabble zu spielen, Buchstabensuppe zu kochen oder in altem Schriftgut längst vergessene Adjektive aufzustöbern. Hoch oben auf dem Zürichberg, wo Rakusa umringt von meterweise Büchern lebt und arbeitet, widmen wir uns aus aktuellem Anlass jedoch lieber der Frage der Bedeutung. Ab wann büsst ein Begriff seine Mehrdeutigkeit ein, um hauptsächlich für etwas sehr Bestimmtes zu stehen? In einer Zeit, in der das Wort «Maske» eine sprachenübergreifende und globale Vereindeutigung ohnegleichen durchlaufen hat, vergegenwärtigen wir uns seines originären Gebrauchs, der nunmehr gänzlich von der Pandemie und deren Vorsichtsmassnahmen verdeckt scheint. Rakusa interessiert sich nämlich für Masken im althergebrachten Sinne, also vor allem im Zusammenhang mit Tanz und rituellem Theater, wobei sie «ganz besonders das japanische Nô-Theater fasziniert», wie sie berichtet: «Dank der Masken, Kostüme und festgelegten Bewegungen bekommen Figuren und Handlung hier eine Symbolkraft, die kathartisch wirkt. Mein persönlicher Umgang mit Masken ist spielerisch-theatralisch. Wenn ich mir eine venezianische Colombinen-Maske aufsetze, geniesse ich die Freiheit, für Momente eine andere zu sein – und durch dieses Anderssein Dinge in mir zu aktivieren, die sonst verborgen schlummern.» Das probieren wir prompt aus, um daraus ein Spiel zu machen – zunächst für uns selbst, dann für andere: Was geschieht, wenn das Gegenüber im Verborgenen bleibt, aber mit grösster Selbstverständlichkeit in einen Dialog tritt?

Rakusas Wahl fällt heute Abend auf ein fernöstliches Modell aus ihrer Sammlung. Im Flur hält sie sich diese Maske vor das Gesicht und wird umgehend zu einer anderen. Wir sprechen eine Weile nicht, und plötzlich ist es, als ob Gastgeberin und Gast auch ohne Worte auskämen, denn wir beginnen tatsächlich über jene «Symbolkraft» zu kommunizieren, die dieser Selbstkaschierung zu eigen ist. Daraufhin stellt sich uns die unmittelbar politische Frage, was mit einer maskierten Gesellschaft passiert, in der entweder aus Gründen des medizinischen Schutzes der einzelnen wie der Allgemeinheit alle das Gesicht bedecken oder aber die Hälfte der Bevölkerung zur geschlechtlichen Markierung und Beraubung der Sinne wie der Sinnlichkeit ihr Antlitz verbergen muss.

Uns interessiert zudem, was geschieht, wenn wir mit einer anderen Maske als denjenigen, die gegenwärtig unter dieser Bezeichnung geläufig sind, öffentlich in Erscheinung treten. Allerdings ahnen wir schon, dass wir damit die falschen Assoziationen wecken dürften – gleich zwei Maskierte, die hier nachts um die Häuser ziehen, das wäre wohl rasch zu viel des Guten. Darum teilen wir uns besser auf: Gesichtsbedeckung bei der einen, dezente Kostümierung bei der anderen Person. So läuten wir bei Rakusas Nachbarn, einem Anästhesisten, der nun zwar eine Maskierte und einen Fes tragenden Unbekannten vor sich hat, sich aber dennoch kein bisschen über diesen Anblick wundert, obwohl die beiden Gestalten auch noch in seiner Muttersprache Serbisch zu ihm reden. Herrje! Zu klären bliebe, wie ein in dieser Gegend umherschleichender Fuchs reagieren würde, falls er auf uns träfe – aber die Wege kreuzen sich heute Nacht nicht. «Verfremdung als Erkenntnisgewinn. Spiel als höhere…

«Jeden Monat frische Denküberraschungen! Eine gehaltvolle und elegant gestaltete Zeitschrift.»
Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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