Nacht des Monats mit Markus Lüscher

Nacht des Monats mit Markus Lüscher
Alpe Spluga, photographiert von Michael Wiederstein.

Berghütten können auch für Bergfreunde schrecklich sein. Nicht, weil nachts im Massenschlag immer jemand schnarcht. Auch nicht, weil das Essen selten gut ist oder jemand das gesamte Warmwasser aufgebraucht hat. Sondern weil die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dort nicht die Ruhe zu finden, die man sucht.

Das liegt vor allem an den abendlichen Gesprächen «spezieller» Hüttenbesucher am gemeinsamen Esstisch. Unklar ist, ob die häufig zweifelhafte Qualität der hier stattfindenden Konversationen der dünnen Höhenluft geschuldet ist. Letztere sorgt aber mit Sicherheit dafür, dass man dem Tischnachbar ab 16 Uhr nicht mehr gen Tal entkommen kann. Klar, es gehört zum Abend am Berg, dass nach einem eindrücklichen Aufstieg auch am Tisch dar­über geredet wird. Über den schönsten gesehenen Wasserfall, die gute Pause nach dem steilen Stück auf ca. 1800 m, das Schneefeld unterhalb des letzten Anstiegs – und von mir aus auch über das draussen wütende Gewitter, in das man gar nicht erst hätte hineinlaufen sollen. Für Hüttenbesucher, die die Ruhe nicht nur suchen, sondern sie auch finden wollen, kann aber der Hüttenkoller, der etwa eine gelangweilte Wandergruppe aus dem Rheintal erfasst, mehr als anstrengend sein.

Ich erinnere mich an meine letztjährige regnerische Ankunft auf der Alpe Spluga – einer unbewarteten Schutzhütte auf etwa 2000 m oberhalb von Giumaglio im Maggiatal. Die genannte 7köpfige Gruppe bestand aus durchnässten Menschen, denen die lang ersehnte Ruhe auf der Hütte schon nach wenigen Sekunden unangenehm, ja offenbar unerträglich wurde. In ihrem Ennui analysierten sie erst die Fertignudeln (Konsistenz, E-Gehalt der Käsesauce, Analogkäse?, sogar das Ablaufdatum), dann den Granittisch («rustikal», schön «und so tessinerisch»), das andere Besteck («zuhause haben wir ja schöneres»), die Trockenleine über dem Ofen («tolle Idee»), die dort noch tropfende Falke-Wandersocke (deutsche Qualität!) und die nicht vorhandene Aussicht bei Regenwetter (echter Hüttenallrounder). Sogar den anwesenden Tessinern trieb es die Schamesröte ins Gesicht. Bald kauerte ich deshalb draussen im Eingang eines teilweise verfallenen Nachbarhüttchens und rauchte. Vom Granitdach floss unablässig Wasser, ein nach dem Palaver unglaublich angenehmes Plätschern und Giessen erfüllte die Luft. Blitze beleuchteten das Waschküchengrau, gefolgt von einem sich langsam entfernenden Donner, womit wir dann schon bei exakt zwei wahrnehmbaren Geräuschen wären.

In dieser «natürlichen Stille» fiel er mir erstmals auf. Auf einer Steinbank unter einem Vordach sitzend, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, mit einem Glas Merlot in der einen Hand, ein gelbes Reclambändchen in der anderen, lesend. «Alfred Andersch», sagte er, bevor er aufsah und durch den Regen lugte. «Den kann man unmöglich da drin lesen.» Er machte eine kopfschüttelnde Bewegung in Richtung des Esstischs im Hütteninneren. Dann schwieg er wieder. Ich kramte den Wein aus meinem Rucksack. Wir stiessen an.

«Hüttenabende sind immer nur so gut wie die Leute, die sie mit dir teilen.» Er lächelte, stellte sich bald vor. Und ja, Markus Lüscher, Architekt aus Zürich, und ich, wir hatten dann einen guten Hüttenabend – vor der Tür und im Regen. Wir unterhielten uns über schlecht integrierte deutsche Schriftsteller in Berzona, über die ungeahnten Potentiale der traditionellen Tessiner Bauweise für zeitgenössische Zürcher Architekturbüros – und über den geplanten Weiterweg. Ganz leise, sogar so leise, dass man aus dem Hütteninneren bei einer Regenpause die Kommentare zum Salzstreuer, zum nicht vorhandenen Dessert und zu Blasenpflastern mitbekam.

Vor ein paar Tagen habe ich Markus Lüscher wiedergetroffen. Durch Zufall, in einem Wasserfallplanschbecken, wieder auf 2000 m, diesmal aber oberhalb der Leventina. Er erkannte mich erst, als er mich bat, doch ein Photo von ihm, seiner Frau Regula und seinen drei Kindern zu machen. Die folgenden zwei Abende verbrachten wir an denselben Esstischen und unter denselben Hüttendächern. Wir redeten viel und das meist, ohne überflüssige Worte zu verlieren. Beim Abstieg nach…

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»