Nacht des Monats mit «Monopoly Socialism»
Monopoly Socialism, fotografiert von Nicolas A. Rimoldi.

Nacht des Monats mit
«Monopoly Socialism»

Sind Kapitalisten die besseren Sozialisten?

 

Zwei Jungfreisinnige fordern zwei Sozialisten heraus, den ewigen Systemstreit zu beenden. Wir sind in einer Wohnung in Luzern, essen Kartoffelchips, trinken Bier und spielen «Monopoly Socialism», eine nur in den USA erhältliche Edition, die ich zu meinem 25. Geburtstag geschenkt erhalten habe. Während im herkömmlichen Monopoly jenem Spieler Reichtum gewiss ist, der geschickt Investitionen plant und bei Fehlkalkulationen alles verlieren kann, operiert unser Monopoly mit umgekehrten Vorzeichen: «Winning is for capitalists» lautet das aufgedruckte Credo. Getreu der kollektivistischen Ethik steht über dem Individuum die Gemeinschaft: Jeder Spieler trägt Verantwortung für ihr Wohl, ob er das möchte oder nicht. Ausgaben, beispielsweise Brillengläser und Heizungen für alle, werden vom System angeordnet und werden, sollten die privaten Projektgewinne erschöpft sein, aus dem Gemeinschaftstopf finanziert. Ziel des Spiels ist, eine Stadt zu revitalisieren; also investieren wir nicht in Hotels, sondern in Gemeinschaftsprojekte. Privatbesitz existiert zwar, man wird jedoch fortlaufend enteignet. Scharfsinnig merkt die Jungsozialistin an, dass die Existenz einer Bank ein systeminhärenter Fehler sei. Der Gemeinschaftstopf reiche aus. Ob Systemkritik im realen Sozialismus willkommen ist?

Musikalisch untermalt wird der Abend von der CD «Moscow Nights» des «Roter-Stern-Chors der Roten Armee». Über dem Spieltisch hängt ein Plakat der FDP aus dem Jahre 1919, auf dem das bolschewistische Monster in Übergrösse abgebildet ist (damals war die FDP klar von der SP zu unterscheiden). Noch nicht eine Runde ist gespielt, schon bricht eine hitzige Debatte aus, weshalb das eine System das bessere sei und das andere andauernd versage. Überquert ein Spieler das Start-Feld, erhalten alle 50 Währungseinheiten, von denen mindestens fünf an den Gemeinschaftstopf geliefert werden müssen. Während die beiden Sozialisten meist den vollen Betrag abgeben, wissen die Jungfreisinnigen, dass nur aus Eigeninitiative echte Solidarität entsteht: Sie bezahlen immer den Minimalbetrag. Der Sozialist augenrollend: «Alles scheitert an den Kapitalisten!» Wer sich nicht dem moralischen Zwang ergibt, wird umgehend getadelt: «Ihr arbeitet gegen das System!»

Ich lande unglücklicherweise im Gefängnis, was vom sozialistischen Team wohlwollend quittiert wird: «Zum Glück ist wenigstens einer im Knast!» Als im weiteren Spielverlauf nach mehreren Mahnungen beider Seiten der Gemeinschaftstopf auszutrocknen droht, ertappe ich mich dabei, den Roten zu folgen, damit das sozialistische System nicht kollabiert. Ich handle im Sinne des Systems. Jedoch erdreistet sich meine Teampartnerin, ihre Projekte in kapitalistischer Manier selbst entwickeln zu wollen, was natürlich nicht toleriert wird: «Es war wohl die falsche Person im Gefängnis.» Weitere Zufallskarten: «Sie scheinen es sich zu gut für sich selbst einzurichten. So funktioniert der Sozialismus nicht.» Oder: «Wählen Sie als Gemeinschaft einen Spieler aus, um fünf seiner Chips zurückzufordern.» Süffisant enteigne ich den Sozialisten: «Eigentumsrechte sind eine grossartige Sache, nicht wahr?» Er entgegnet empört: «Es gibt keinen Wettbewerb, arbeitet zusammen!»

Man freut sich, gegenseitig Unterstützung zu leisten und zum Wohl der Gemeinschaft beizutragen. Mehrfach können wir den Systembankrott abwenden. Gerne hätte ich den Abend zusammengefasst mit den Worten: «Uns ist das Geld anderer Leute ausgegangen.» Doch zu meinem Erstaunen kollabierte unser sozialistisches Experiment dank grosszügiger und erzwungener Kooperation nicht. Am Ende des Spiels herrscht Gleichstand – unabhängig davon, wer wie grosszügig respektive gierig war. Der Systembankrott trat nicht ein. Wir lassen den hochvergnügten Abend mottogerecht ausklingen und stimmen die Internationale an. Völker, hört die Signale! Die Erklärung ist nämlich simpel: In der Theorie erscheint vieles machbar. In der Praxis jedoch zeigte sich stets: Sozialismus funktioniert nicht. Statt Wohlfahrt erzeugt er für (fast) alle das Gegenteil: Terror, Armut, Unfreiheit. Heute war nur ein Spiel. Im realen Sozialismus jedoch gibt es bekanntlich kein Opt-Out und also auch kein Ende. Nur die Flucht in ein kapitalistisches Land.

«Sympathisch elitär, aber nie hochnäsig!
Die Kollegen beim MONAT wissen,
dass der liberalen Haltung ein Schuss Ironie gut bekommt.»
Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
über den «Schweizer Monat»