Nacht des Monats
mit
Jennifer Jans

Nacht des Monats  mit  Jennifer Jans
Jennifer Jans, fotografiert von Thom Nagy.

Es ist gar nicht so einfach, einen Termin mit Jennifer Jans zu organisieren in diesen Frühsommertagen, in denen sie sich von einem Festival zum nächsten hangelt.

Ich treffe sie an einem Montag in ihrer Kreativzentrale im Basler Gotthelf-Quartier, wo die Grenzen zwischen Büro, Studio und Zuhause fliessend sind. Sie wirkt noch etwas müde vom Marathon-Wochenende im freiburgischen Düdingen, wo sie an der Bad-Bonn-Kilbi – einem der renommiertesten Festivals für alternative Musik – drei Tage lang hinter der Bar gestanden hat. «Mein grösster Respekt für die Menschen, die im Nachtleben für das leibliche Wohl sorgen: Harasse schleppen, kopfrechnen, verdurstende Konzertbesucher, laute Musik und dazu noch freundlich sein – ein anstrengender Job.»

Zusammen mit ihren Kollegen vom Luzerner B-Sides-Festival hat sie diese Anstrengungen auf sich genommen, weil sie damit ihren Beitrag zu einem funktionierenden Netzwerk leistet: Zwei Wochen später, wenn ihr eigenes Festival über die Bühnen geht, wird ein Teil der Bad-Bonn-Crew mit anpacken. Man kennt, man inspiriert, man unterstützt sich in der Welt von Jennifer Jans. «Ich bringe Menschen zusammen, weil im gegenseitigen Austausch Positives entsteht», sagt die 30-Jährige und bringt damit das verbindende Element ihrer zahlreichen Aktivitäten auf den Punkt. Ob als Leiterin des besagten B-Sides-Festivals, als Mitbegründerin der nationalen Vernetzungsplattform «SAY HI!» oder als Kopf hinter dem Musikprojekt «Bleu Roi»: Jennifer Jans schafft Kommunikationsräume, in denen im Miteinander Neues, Unerwartetes passieren kann, passieren soll.

«Ich weiss: mit nichtkommerzieller Popmusik wird in der Schweiz niemand reich. Aber das, was wir machen, steht für etwas, hat einen Inhalt und eine Botschaft», antwortet Jennifer auf die Frage, weshalb sie sich mit Haut und Haar einer der am wenigsten lukrativen Branchen überhaupt verschrieben habe. Diese Botschaft erreicht dank der digitalen Umwälzungen im Musikbusiness – Stichwort Streaming – vermehrt auch ein internationales Publikum. «Der schweizerische Mainstream funktioniert im Ausland überhaupt nicht. Aber Künstler mit eigener Handschrift wie Sophie Hunger oder Zeal+Ardor haben in den letzten Jahren bewiesen, dass eine internationale Karriere auch für Schweizer Musiker nicht ausgeschlossen ist.

Was sie als im Musikbusiness tätige Frau freut, lässt sie als Musikerin mitunter zweifeln. In einer Welt, in der undurchsichtige Algorithmen darüber bestimmen, ob die eigene Kunst in einem endlosen Meer von Inhalten hell genug strahlt, um wahrgenommen zu werden, braucht es eine dicke Haut. «Jeden Tag werden 20 000 Songs veröffentlicht, viele davon sind wahnsinnig gut. Wieso soll sich jemand genau meine Musik anhören? In solchen Momenten fühlt man sich mit seiner Kunst schnell sehr, sehr klein.» Dieses dunkle Gefühl der eigenen (musikalischen) Bedeutungslosigkeit verarbeitete sie im Song «Darkest Hour» und schöpfte daraus neue Hoffnung für ihr kreatives Schaffen. Ein neues Selbstbewusstsein wohnt dieser Musikerin inne: ohne hohe Erwartungen keine grosse Enttäuschung. Im Zentrum steht nicht primär, die Herzen des Publikums zu erobern, sondern ihm eine Botschaft mitzugeben. Wie diese interpretiert wird, ist jedem selbst überlassen.
Nach zwei Drinks und einem Ortswechsel ins Café «La Diva» an der Ahornstrasse kommt die Sprache auf ein Thema, das im letzten Jahr die Öffentlichkeit im Allgemeinen, die Musikszene aber im Besonderen bewegt hat: die Rolle von Frauen in einem männlich dominierten Feld. «Natürlich ist das für mich ein wichtiges Thema, ich bin ja als Frau in meinem Metier nach wie vor in der Minderzahl und würde das gerne ändern. Ich bin der festen Überzeugung, dass ein ausgeglicheneres Geschlechterverhältnis zu mehr Vielfalt führt und damit ein Gewinn für alle ist.»
Um diese Vision Realität werden zu lassen, will Jennifer junge Frauen inspirieren, einen ähnlichen Weg einzuschlagen – und rackert sich dafür, ganz gutes Vorbild, an allen Fronten des nichtkommerziellen Musikbetriebs ab.