Hans Peter Meier

Hans Peter Meier
Hans Peter Meier, photographiert von Ronnie Grob.


Als ich Hans Peter Meier um 9 Uhr morgens an seinem Stammplatz vor der Zürcher Bellevue-Apotheke treffe, hat es endlich aufgehört zu regnen. Meier freut sich darüber noch mehr als ich, denn er verkauft üblicherweise sechs Tage die Woche «Surprise»-Hefte von 6 bis nach 17 Uhr. Am Abend zuvor leitete er den «Sozialen Stadtrundgang» durch Zürich und kam erst um 22 Uhr heim, erledigte dann noch die Abrechnung. Der vom Verein Surprise organisierte Rundgang – von der Bäckeranlage über die Hohl- und Langstrasse bis zur reformierten Kirche St. Jakob – ist zu empfehlen: Meier spricht frei und sicher über die Geschichte der Drogenszene und der sozialen Einrichtungen, auf Wunsch macht er seine Führung auch auf Hochdeutsch oder Englisch. «Pro verkaufter Ausgabe verdiene ich 2.70 Franken netto», erzählt Meier. «Aber wenn es so richtig schüttet, gehe ich nach Hause, das bringt nichts. Sehr viel besser läuft es bei grosser Kälte, da verkaufe ich drei- oder fünfmal so viel wie sonst.»

Insgesamt war der heute 60-Jährige eineinhalb Jahre ohne Obdach, auch als er einen Job bei der Stadtreinigung hatte: sein Schlafplatz damals wurde jeweils erst um 23 Uhr frei, vier Stunden später musste er wieder aufstehen. Heute bewohnt er ein Zimmer am Limmatplatz mit Gemeinschaftsbad für 600 Franken im Monat. «Eine Wohnung wäre mir natürlich viel lieber, ich könnte auch bis 800 Franken bezahlen. Aber bei 5000 Mitbewerbern hat man ohne Beziehungen keine Chancen.»

Nach einer Lehre im Fotoverkauf wechselte er in die IT und verdiente bald fünfstellig. Sein letzter Job im operativen Support von Börsenhandelssystemen war fordernd. Er arbeitete mitunter 16 Stunden am Tag und konnte über viele Jahre kaum Ferien machen. Wenn er mal frei hatte, feierte er eher, als sich zu erholen. Schleichend nahm auch sein Alkoholkonsum zu, schliesslich erhielt er die Kündigung – offiziell aus Gründen der Kosteneinsparung. Meier machte zunächst mal neun Monate Ferien in Südostasien: «Der Schock kam erst, als ich zurück in Zürich war, denn meine Wohnung hatte ich gekündigt. Weil ich vom RAV eine längere Sperre erhielt, ging mir irgendwann das Geld aus. Plötzlich war ich obdachlos. Eine Woche lang hatte ich gar nichts mehr zu essen, bis ich dann Gutscheine erhielt vom Sozialamt.» Das wäre natürlich alles nicht nötig gewesen, wenn er das etwas gescheiter organisiert hätte, sagt er rückblickend. «Am Anfang haderte ich mit meiner Position im Leben. Bis 2013 versuchte ich auch noch, einen Job zu bekommen. Aussichtslos.» Ein halbes Jahr lang lebte er von Sozialgeldern, die dann später das RAV zurückbezahlte. «Mir war es immer ein Anliegen, mich selbst zu finanzieren. Wenn man sich durchbringen kann, soll man das auch machen. Als Abhängiger von diesen Geldern ist man ja auch nicht frei.»

Bereits in seinem ersten Gespräch auf dem Sozialamt wurde Meier gefragt, ob er wirklich noch arbeitsfähig sei und ob er nicht lieber eine Invalidenrente beantragen wolle. Dass man in der Not Wohnraum, Krankenkasse, Gesundheits­fürsorge und eine Ausbildung erhalte, finde er zwar gut, sagt er, es werde aber auch übertrieben. Die Angebote der Stadt seien teils so gut, dass sie Bedürftige aus der ganzen Schweiz, ja aus der ganzen Welt anzögen. «Wenn man weiss, wo man hinmuss, kann man in Zürich Morgenessen, Mittagessen und Abendessen gratis konsumieren, jeden Tag.» Eine vom SEM in Auftrag gegebene Studie von 2015 schätzt, dass es 28 000 Sans Papiers gibt, die sich im Kanton Zürich aufhalten. Meier hält diese Zahl für geschönt: so viele Untergetauchte habe es bereits in der Stadt Zürich, glaubt er. Von den Schweizer Randständigen, die er kenne, verträten viele Haltungen, die an die SVP erinnerten, sagt Meier: «Aber weil sie Angst haben, ihre Gelder könnten gekürzt…