Jürg Ziegler

Jürg Ziegler
Jürg Ziegler, photographiert von Laura Clavadetscher.


Grossmeister Jürg Ziegler oder «The Lightning Fist», wie man ihn in der internationalen Kampfkunstszene nennt, wird von einer Schar übermütiger Kinder in schwarz-gelben Outfits umtummelt, als ich sein Studio in Winterthur betrete. Mit tiefenentspannter Geduld dirigiert der 54-Jährige die Kick- und Dehnübungen seiner jüngsten Shaolin-Schüler. Diese ausgesprochen friedlichen Eindrücke gesellen sich in heiterem Kontrast zu denen eines Internetvideos, das ich kurz vor unserem Treffen gefunden habe: Jürg Ziegler im Jahr 1994, wie er mit blosser Handkante in 65 Sekunden 44 Backsteine zerschlägt und einen Weltrekord aufstellt, der bis heute ungebrochen ist. Um diesem Empa-geprüften Baumaterial beizukommen, werden zweieinhalb Tonnen Druckkraft benötigt, und, so viel ist offensichtlich, unmenschliche Körper- und Willenskräfte. Allerdings auch wortwörtliche physische Abhärtung, erklärt Ziegler. In diesem Fall an den Händen: die Knochen, durch jahrelanges Schlagtraining überstrapaziert, bauen an Dichte und Volumen auf. Amüsiert ob meiner Skepsis hält er mir einen Handrücken hin, dann ein Schienbein; ich ertaste lückenlos knochenharte Oberflächen. In meinem anatomischen Grundverständnis leicht erschüttert, darf ich dem Grossmeister in die Seite pieksen. Wie, denke ich konsterniert, kann ein Mensch an dieser Stelle Muskeln haben, die sich auch noch wie der Brustpanzer eines Ninja Turtles anfühlen? Und: wie auch immer dieser massive Mensch beschaffen sein mag, die im Grunde unmögliche Präzision und Leichtigkeit seiner Bewegungen bleiben rätselhaft.

Ausserordentliche Leistungen mühelos erscheinen zu lassen, schrieb David Foster Wallace in einem Essay über Roger Federer, falle in den Zuständigkeitsbereich der Schönheit. Das Attribut «unmöglich» spielt in seinem Text eine zentrale Rolle, und – hier gleitet er ab ins Metaphysische, wie er zugibt – eine Schönheit kinetischer Art, die von physikalischen Gesetzen momentweise unbelästigt aufzutreten scheint. Er nennt das Matrix-Momente. Der Roger Federer der Kampfkunst bittet nun jedenfalls in sein Büro. Während das Interieur des Studios eine zwanglose Synthese aus fernöstlichem Tempel und Folterkammer evoziert, wirkt dieser winzige Raum behaglich vollgestopft mit Bildern von Zieglers Lehrern, mit Büchern, Töpfchen und Tinkturen und rundum kurioser Gerätschaft. Als Schüler hat er über die Jahre mit den besten Lehrmeistern der Welt trainiert und wurde aufgenommen wie ein Sohn, erzählt er. Auch er, der seit 1992 ununterbrochen mit den weltweit höchsten Auszeichnungen geehrt wird, betrachtet die eigenen Schüler als grösste Auszeichnung. Das Leben des Wilers ist voll von Geschichten, die es verdient hätten, hier nacherzählt zu werden. Über die Entstehung seiner asiatischen Kunstsammlung etwa, über den Shaolin-Orden und die chinesische Mafia, über Begegnungen mit Weisen oder Einflussreichen oder seine Arbeit zur «Kampfkraftsteigerung» von Schweizer Spezialeinheiten. Das Leben in der Schweiz erscheint ihm vor allem als eines: ungemein gemächlich. Vermutlich kommt jemandem, der höchstens drei Stunden pro Nacht schläft, so einiges langsam und ineffizient vor. Und was ist das nun für ein Lebensgefühl, körperlich nahezu unschlagbar zu sein? «Um im Kampfsport zu gewinnen, muss man vor allem Wildsau und Killer sein, zwei Techniken genügen im Grunde.» Ihn selbst hingegen interessierten schon früh fernöstliche Philosophie, Ethik und eine ganzheitliche Lebensweise. Ein Hollywoodfilm, in dem er 2012 mitspielen sollte, bewirkt eine weitere Bewegung in diese Richtung: beim vorbereitenden Reitunterricht wird er abgeworfen, stirbt um ein Haar und ist monatelang gelähmt. Um sich körperlich zu regenerieren, entwickelt er ein Set von einfachen Übungen, die ihn – und andere – wieder aufrichten sollen. Sieht aus, als gelinge ihm das. Paradox aber, denke ich, dass letztlich ein Pferd, das Fluchttier schlechthin, dem Kämpfer fast das Rückgrat gebrochen hat.