Daniel Rohr

Daniel Rohr
Daniel Rohr als Edgar Allan Poes Erzählerfigur, photographiert von Toni Suter / T + T Fotografie.

Der Mann steht blass auf der Bühne, der Saal schwarz bis auf einen geisterhaften, auf ihn gerichteten Lichtkegel. Ich schwitze auf meinem Theaterstuhl. Es ist, wie so oft in diesem Haus, kein Platz leer geblieben. Ich halte die Luft an und starre nach vorne: Wird er es schaffen? Diesen unfassbar langen, dichten Text, ohne Souffleuse und ohne Netz?

Es ist ein Abend Anfang November, viel zu warm für die Jahreszeit, und Daniel Rohr, der Mann auf der Bühne, begrüsst uns drei Stunden vor Vorstellungsbeginn im Foyer des Zürcher Theaters Rigiblick. Er hat halblange dünne Haare, darunter einen wachen Blick, schnelle Augen. Wir sind hier aus Neugier. Erstens, weil über Rohr im ganzen Land verblüfft gesprochen wird – er sei ein Genie, heisst es –, zweitens, weil die Fakten für sich sprechen. Das «Rigiblick» machte, als Rohr es 2005 übernahm, einen Jahresumsatz von 120 000 Franken, heute sind es 3 Millionen. Die Vorstellungen sind durchschnittlich zu über 80 Prozent ausgebucht. Rohr selber, für Kenner fast unglaublich, agiert als unternehmerischer Gesamtleiter wie als Programmchef, konzipiert die meisten Stücke und steht oft auch noch selbst als Schauspieler und Musiker vor dem Publikum. Wie heute. «Pink Floyd Meets Edgar Allan Poe» heisst die Produktion, und auf der Bühne sollen gleichzeitig eine Pink-Floyd-Coverband, ein Bläserorchester und ein Cello spielen, ein Chor singen und Rohr selber als Allan Poes Erzählerfigur den Untergang des Hauses Usher beschwören. Doch jetzt sagt Rohr, nachdem er uns herumgeführt hat, erzählt und erklärt hat, uns Essen und Kaffee auftischte, jetzt also sagt er plötzlich: «Ich weiss nicht, ob ich das heute schaffe.» Migräne. Es dauert nur noch eine knappe Stunde bis zur Vorstellung, und seine Stellvertreterin schickt ihn mit besorgter Miene in sein Schreibzimmer. «Jetzt lege ich mich da drin auf den Boden», sagt er, «und dann hoffe ich, dass es gut kommt.» Bevor er sich zurückzieht, entschuldigt und bedankt er sich bei uns.

Das Theater Rigiblick hat unter Rohr einen Ruf entwickelt, der Gäste aus der ganzen Schweiz und aus dem Ausland nach Zürich zieht. Er verbindet in seinen Produktionen jeweils Musik und Text zu einem neuen, kraftvollen Ensemble: Pink Floyd und Edgar Allan Poe, David Bowie und Walter Travis, Frédéric Chopin und George Sand. Die Produktionen laufen nicht einmal am Stück, sondern handverlesen, manchmal über Jahre hinweg immer wieder. Rohr pumpt seine Energie in das System, zieht, feuert und formt. Er bringe seine drei Lieben auf die Bühne, schrieb jüngst der «Tages-Anzeiger»: «Die Liebe zur Rockmusik, die Liebe zur Literatur und die Liebe zu sich selber.»

Wir trinken nun ohne Rohr einen Kaffee im Theaterfoyer, das mit seinen langen Holztischen, dem warmen Licht und der Theke gleichzeitig Eingangsbereich, Ticketschalter und Restaurant ist. Ausserdem auch Aufenthaltsraum für die Mitarbeitenden und Künstler, die jetzt vor dem Auftritt noch hausgemachte Pastinaken-Sellerie-Suppe, Salat oder Wurst mit Brot essen. Fast als erstes hatte uns Rohr an diesem Abend erzählt, dass seiner Ansicht nach Gastfreundschaft einer der wichtigsten Gründe für den Erfolg des «Rigiblicks» sei. Tatsächlich hatte er vor seinem Rückzug noch die Gästeliste studiert, Fördermitgliedern einen Platz im Saal reserviert, mehrere Besucher persönlich begrüsst. Als eine Mitarbeiterin mit ihm die Proben der nächsten Tage durchspricht, fragt er nach, wann die Musiker Zeit frei hätten zum Essen. «Er braucht Menschen um sich», sagt seine Stellvertreterin. Rohr hat sie heute, ausnahmsweise, wie sie sagt, gebeten, in Bühnennähe zu bleiben.

Nun beginnt er, über ihm im Lichtkegel hängen dunkle Nebelschwaden. «Ich war den ganzen Tag lang geritten», ächzt er, «einen grauen und lautlosen, melancholischen Herbsttag lang.» Ich weiss sofort, dass heute alles gut sein wird. Mehr als gut. Poes Erzähler spricht stundenlang, klagend, verzweifelt, am Rande…