Tim Krohn

Tim Krohn
Tim Krohn, photographiert von Tim Krohn.


Nicht nur die Fassade des Wohnhauses an der Röntgenstrasse in Zürich sieht aus als ob direkt vom Umschlag von Tim Krohns neuem Werk «Herr Brechbühl sucht eine Katze» ans Trottoir gestellt: es fehlen bloss das Pflänzchen auf dem Fensterbrett, die hübsche Nachbarin auf dem Balkon oder jener Schatten mit Hut, der an den Fensterläden steht. Es ist eines jener Déjà-vus, wie sie die Literatur ermöglicht. Kleine Fluchten in den gut beobachteten Alltag, Exkursionen in eine Conditio humana, die sich für einmal nicht um Sein oder Nichtsein dreht, sondern um im Eingangsbereich aufgehängte Hausordnungen und um die tunlichst auf feuerfesten Abtropfschalen zu platzierenden maximal drei Paar Schuhe vor den vielen Wohnungstüren auf dem Weg in den 5. Stock.

Tim Krohn begrüsst mich vor seiner ehemaligen Wohnung. Wir setzen uns an den Küchentisch. Es ist dieselbe Küche, die in seinem neuen Buch wichtig ist. Dort sind es Julia und Mona, die sie mit Leben füllen. Sie sind nur zwei Figuren aus dem ersten Band von Tims Grossprojekt «Menschliche Regungen». Weitere 14 Bände sollen über die Jahre folgen – insgesamt 1000 Geschichten zu 1000 menschlichen Gefühlen und Charakterzügen. Unter www.menschliche-regungen.ch kann sich, wer das Projekt unterstützen will, eine Regung aussuchen und zusätzliche Wörter angeben, die Tim dann ins entsprechende Kapitel einbaut (vgl. «Literarischer Monat» 23/2015).

Als Erstes halte ich Tim den soeben durchgelesenen «Brechbühl» zum Signieren hin. Tim datiert die Widmung einen Tag vor, auf meinen Geburtstag, und er nimmt in der Widmung die Krux unseres Treffens vorweg: am Samstagvormittag eine Nacht des Monats zu fälschen, und das bei nur einer Stunde Zeit.

Als Zweites stelle ich eine Packung Truffes du jour auf den Tisch. Tim pickt sich eine und steht auf:

«Jetzt sollten wir aber schauen, dass es einnachtet!», sagt er und schliesst die vom Buchumschlag her bekannten Fensterläden. Zur Verstärkung des Effekts stellt er eine Kerze auf den Tisch. Wir trinken Tee und essen Truffes du jour.

«Hast du eigentlich nie kalte Füsse bei deinem Projekt?», frage ich vor der nächsten Dürrenmattkugel.

«Es ist eine Frage von Konzentration und Improvisation. Meine Erfahrungen aus dem Freejazz helfen. Ich spielte Saxophon und Bassklarinette. Meine Herangehensweise ist streng geregelt, das Schreiben selbst hingegen völlig frei. Ich habe strikte Abläufe, die ich einhalte, egal, ob es sich gut anfühlt oder nicht. Am Morgen habe ich die Kinder und mache Büro, während meine Frau Michaela schreibt. Am Nachmittag schreibe ich. Jeden Tag eine Geschichte. Abends überarbeite ich, lese die Geschichte ein und gebe sie meiner Frau Michaela zum Hören. Sie gibt mir Feedback.»

«Ein enormes Pensum», meine ich, während unsere Zeit tiefer in die Nacht entwischt, bald gen Morgen sich erstreckt und unter Truffes du jour und Seidenpapier Karton sichtbar wird.

«Wegen den Kindern sind unsere Nächte sowieso kurz, und wir kämpfen uns durch den Tag», sagt Tim. «Da macht man sich weniger Gedanken. Das ist produktiv.»

«Und deine älteren Bücher», will ich wissen, «… die ‹Quatemberkinder›  …» – das jähe Aufflackern bocksfüssig-knorriger Gestalten vor dem schreibenden Auge! – «… oder ‹Vrenelis Gärtli›  …» – Nächte fiebriger Lektüre zwischen stotzigen Bergen und Sofakissen! – «… sind die auch hier entstanden?»

«‹Quatemberkinder›, ja. ‹Vrenelis Gärtli› teils hier, teils in Berlin. Ein Buch in Rom und Venedig, eines in Stuttgart und London», sagt er, bevor er es, fast noch etwas schneller, als er es zuvor hat eindunkeln lassen, Tag werden lässt: Nacht oder Nichtnacht? Truffes du jour? Truffes de la nuit? Was spielt es für eine Rolle, wenn man zusammen in einer Küche sitzen, Tee trinken und sich der Literatur widmen kann? Keine. Jedenfalls nicht in dem Mietshaus, in dem Herr Brechbühl eine Katze…