Claude Longchamp

Claude Longchamp
Claude Longchamp, photographiert von Ronnie Grob.


Nachdem Claude Longchamp an der Uni Zürich Geschichte, Philosophie und Soziologie studiert hatte, versuchte er, aus seiner Diplomarbeit, die das Leben von Schweizer Ärzten in der Ukraine und in Weissrussland während des 2. Weltkriegs erforschte, ein Buch zu machen und bei einem renommierten Verlag herauszugeben. «Als ich endlich handelseinig war und in die Ukraine reisen wollte, explodierte der Reaktor des Kernkraftwerks in Tschernobyl. Also entschied ich mich auf der Stelle, Politologe zu werden», sagt der berufsmässige Wahrscheinlichkeitsberechner und lacht. Wie jemand, dem Überraschungen Freude bereiten, sieht er nicht aus. Und so sitzen wir nicht in einem Strassencafé und tingeln auch nicht auf einer Stadtwanderung durch Bern – obwohl es draussen das sonnigste Wetter seit Tagen ist –, sondern sitzen in einem Sitzungszimmer im Monbijou-Quartier, das in seiner Nüchternheit nur durch ein riesiges TV-Gerät und ein paar Zeitungen gestört wird.

«Früher hatte ich sechs Tageszeitungen im Abo», sagt Longchamp, «doch heute bin ich mit der Zeitungslektüre in zwanzig Minuten durch. Die Artikel, die mich interessieren, habe ich meistens schon online gelesen, wenn ich die Zeitung in der Hand habe.» Der Bruch mit seinen bisherigen Mediengewohnheiten fand 2012 während der US-Wahlen statt, als er Twitter entdeckte und damit die Quellen, aus denen Schweizer Korrespondenten abschrieben. Seit er auf drei Kanälen twittert, schaut er weniger lineares Fernsehen – und diskutiert weniger. «Twitter ist eine sehr leistungsfähige Form zur Beobachtung von Elitenkommunikation», sagt er, und schon sind wir bei seinem Business, der Erforschung von Meinungen und Haltungen. Sind Meinungsforscher nach dem Wahlerfolg von Donald Trump überhaupt noch glaubwürdig? Longchamp winkt ab. «Das Geschiss, das die Journalisten machen um diesen einen Prozentpunkt, bei dem die Wahlprognose danebenlag! Die Prognose für das Duell Obama/Romney vor vier Jahren lag noch immerhin drei Prozentpunkte daneben.» Die Meinungsforschung habe aber sicher Fehler gemacht: Die Umrechnung von Umfragen auf Elektorenstimmen war falsch, und ebenso manche Prognosen, die auf Umfragedaten minderer Qualität beruhten. Problematisch sei, so ergänzt Longchamp, nicht nur das aktuelle Zusammenspiel zwischen selbstbewussten Forecastern und Datenjournalisten, sondern vor allem das blinde Vertrauen, das diese neuerdings in den Bayes’schen Wahrscheinlichkeitsbegriff setzten: So wurde Hillary Clinton eine Gewinnwahrscheinlichkeit von 98 Prozent bescheinigt – und nicht von 53 Prozent, wie mit dem bisher üblichen Verfahren.

Hat die Schweiz eigentlich das beste politische System in der Welt? Longchamp gibt eine differenzierte Antwort, an deren Ende ein deutliches «Ja» herauskommt: «Das System hat ganz viele Vorteile: Es ist stark regionalisiert und gibt so der kulturellen Vielfalt Raum; es hängt aber auch mit den anderen Teilen zusammen. Wir haben seit dem 15. Jahrhundert, mit Anstups-Mithilfe der Franzosen im 19. Jahrhundert, ein System von Volksherrschaft entwickelt. Es wird eine grosse Kunst sein, dieses noch zu übertreffen.» Longchamp ist ein Mann mit einer gewissen Konstanz in seinen Tätigkeiten: Seit 1986 erforscht er die Meinungen der Schweizer Bevölkerung. Seit 1991 ist er im Schweizer Fernsehen als Wahl- und Abstimmungsanalytiker zu sehen. Seit 1999 macht er jedes Jahr fünf Wochen Ferien, jedes Jahr in Schweden. Doch nun plant er einen Bruch, der so einschneidend sein wird, dass er vorsorglich einen Bremsweg von einem ganzen Jahr eingeplant hat, um sich und die von ihm aufgebaute Firma gfs.bern, in der er als Verwaltungsratspräsident und Mitglied der Geschäftsleitung tätig ist, vorzubereiten: eine Weltreise. Zusammen mit seiner Partnerin soll es rund um die Welt gehen, ein ganzes Jahr lang, die eingeschlagene Richtung wird Südosten sein. Diese Weltreise ist ein grosses Ding, etwas ganz Neues für einen Mann, der nichts lieber zu machen scheint, als über Wahrscheinlichkeiten zu brüten. Wollen wir hoffen, dass dieses Mal nichts dazwischenkommt.