Lucy Prader und Michèle Roten

Lucy Prader und Michèle Roten
Lucy Prader und Michèle Roten in ihrem Laden, photographiert von Michael Wiederstein.


Als Lucy Prader im Frühsommer 2013 in Zürich die Strassenseite wechselte, begegnete ihr auf der Verkehrsinsel Michèle Roten, Ex-«Miss Universum» des «Tages-Anzeiger»-Magazins. Die beiden Mütter, die sich flüchtig kannten, tauschten Floskeln aus. Bevor die Ampel auf Grün schaltete, erzählte Michèle, die nach fast zehn Jahren Kolumnistinnendasein genug hatte vom Medienkuchen, noch von einem lang gehegten Traum. «Ich ruf dich an!», rief sie. Dann waren beide schon wieder in Bewegung.

Wenige Monate darauf eröffneten sie – in Spuckweite des Zebrastreifens – ihr gemeinsames Geschäft «The New New», einen Secondhandladen. «Gut, dass wir nie Freundinnen-Freundinnen waren», ruft Michèle, als sie sich um kurz nach 17 Uhr an diesem verregneten Dienstagabend mit den Ellenbogen auf die Kassenauslage lehnt. «Das wäre nicht gutgegangen», ergänzt Lucy, die mit drei Flaschen Bier die Treppe hinunterkommt. Beide lachen. Sie hätten das Geld für die gemeinsame GmbH hinterlegt, sich in einer ehemaligen Videothek eingemietet, Farbe gekauft, die billigsten Hängegestelle aus dem Baumarkt geholt und von der Türglocke bis zum Parkett alles selbst in Schuss gebracht, erzählt Lucy, während Michèle mit einem Pinsel eine Fussleiste ausbessert. Die Basis war ihr Lokal, verwinkelt, schlicht, abseits der Szenequartiere. Der Kern ihres künftigen Geschäfts befand sich allerdings, über die ganze Stadt verteilt, noch in Kisten und Schränken: Klamotten. Tatsächlich sagen die beiden nicht Mode, nicht Kleidung, sondern «Klamotten». Klamotten, die sie selbst gern tragen würden. Klamotten, die sie gerne an ihren Männern sehen würden. Michèle, deren Schuhgrösse mit ihrer Schwangerschaft um eine Nummer grösser geworden war, stellte fast ihr ganzes Schuharsenal als «Startkapital» zur Verfügung, Lucy dagegen verfügte über eine Menge beinahe ungetragener Teile, die sie während ihrer sechs Jahre als Stylistin für den eigenen Fundus gesammelt hatte. Weitere der auf vergoldeten Bügeln drapierten Stücke fanden sie in ihren Freundeskreisen, sagt Michèle: «Wir haben zunächst die angesprochen, von denen wir wussten, dass sie viele schöne Sachen haben – sie aber nie anziehen, weil sie noch schönere Sachen haben.» Die bringen die Kleider nun vorbei, statt sie zu spenden oder wegzuwerfen. Kisten- und säckeweise.

Die Unmengen beinahe tadelloser, zeitgemässer und zum Teil sehr teurer Stücke, die ihnen täglich gebracht werden, müssen Lucy und Michèle direkt bewerten und entsprechend bezahlen, weshalb sie nur Handverlesenes annehmen. Lucys Erfahrung in der Branche zahlt sich aus: sie weiss auf den ersten Blick, ob sich etwas wiederverkaufen lässt. Michèles riesiger Bekannten- und Leserkreis erwies sich derweil als ideales Zielpublikum, sowohl für den An- wie auch den Verkauf. «Natürlich haben wir anfangs auch viel Trash gekauft», lacht sie. Aber als «modische Trüffelschweine», wie die beiden sich selbst nennen, bedienen sie heute ihre Klientel passgenau: zwischen 20 und 40, stil- wie konsumbewusst. «Für viele ist der Laden zu einer Art Treffpunkt, vielleicht sogar zum GZ-Ersatz geworden», sagt Lucy. «Wäre das nicht mein eigener Laden, so käme ich auch mindestens einmal pro Woche her!» Michèle ergänzt: «Und nicht nur zum Biertrinken.»

Touché. Ich blinzle an meiner Bierflasche vorbei auf meine Schuhe. «Könnt ihr davon leben?», frage ich. Die beiden schauen sich kurz an, nicken. «Nicht fürstlich, aber es reicht. Derweil ja auch unsere Ausgaben für Kleider massiv abgenommen haben.» Es wird mittlerweile so oft Ware angeliefert, dass die beiden lernen mussten, öfter mal «Nein» zu sagen. Es sei dabei schon erstaunlich, wie unterschiedlich die Leute reagierten, wenn ihre «besten Stücke» keine Verwendung fänden. «Die einen beginnen ungeniert über unseren Geschmack zu pöbeln, andere meinen, verhandeln zu müssen wie auf dem Basar. Noch andere, das ist neu, nehmen die Stücke einfach mit, ohne zu bezahlen», sagt Lucy. «Das schmerzt dann schon.»

Michèle macht die Tagesabrechnung. Dann wird aufgeräumt, das Licht gelöscht, abgeschlossen. Als wir das Geschäft verlassen, leuchtet nur noch das New-New-Neonlogo im Schaufenster. Wer hindurchschaut, kann ganz hinten an der Wand einen Schriftzug erkennen: NOBILE TUREGUM MULTARUM COPIA RERUM. Die Inschrift des alten Zürcher Stadttores: «Zürich, edel durch Fülle an vielen Dingen».