Ein letzter Sommerabend
an der Limmat

Ein letzter Sommerabend  an der Limmat
Ein Abend muss der letzte sein: Jeder Sommer braucht einen Abschied. Bild: Limmat in Zürich, photographiert von Olivia Kühni.


Seit dem Abschied vom Sommer ist es wie mit dem Abschied von der Jugend, der Liebe oder überhaupt dem Leben. Irgendein Abend ist immer der letzte. Nur weiss man zum Glück meist erst im Nach-hinein, dass er das jetzt war. Wie im Sommer 2013.

Ich sass an der Limmat, erschöpft von der Arbeit und träge von der Hitze. Ich tauchte die Füsse in die grüne Tiefe und trank einen Schluck Bier. Glück! Aufatmen. Dann hörte ich zu meiner Linken -einen Mann, der erst seinen Rucksack und dann sich selbst zu -Boden fallen liess. «Ciao», sagte er. Er hatte wilde Locken und eine scharfe Nase. Ich ärgerte mich und sagte kühl und wohlerzogen «hello». Dann sah ich, dass an seinem Gepäck ein Kochlöffel -baumelte.

Ein Kochlöffel?

Seit die Grenzen innerhalb des Kontinents offen sind, landen ständig junge Menschen in einer der Wirtschaftshauptstädte -Europas, in ihren Koffern Diplome, Praktikumsverträge oder die Telefonnummer eines Büros, das grad dringend Architekten oder Webdesigner sucht. In jeder Wohngemeinschaft lebt vor-übergehend ein Informatikstudent aus Polen oder eine Grafikerin aus Barcelona. Urbane Nomaden sind also nichts Besonderes. Ein junger Mann mit Kochlöffeln aber war mir bis dahin unbekannt.

Drei Stunden später wusste ich, dass Gian ein angehender Sterne-koch aus Bologna war, seine Mutter klassisch gebildet, aber arm. Die Familie hatte zusammengelegt, um ihn an eine der Handvoll traditionellen Küchenhochschulen in Italien zu schicken – -stoisch altmodisch organisierte Eliteschmieden, in denen fast vergessene Meister ein Dutzend Jungen pro Jahrgang das Handwerk lehren. Fast jedes Semester wird durchgearbeitet, in verschiedenen Städten Europas. Gian war nach einer Station in -einer französischen Provinzstadt in Zürich gelandet. In einem Betrieb, dessen Namen ich nie jemandem zu verraten versprechen musste, weil die, wie so oft in diesem Fach, «uns arbeiten lassen wie die Hunde».

Inzwischen hatte ich Gian ein Bier gekauft, ihn auf Facebook gestalkt, während er zur Toilette ging, und mir – leicht verschämt angesichts seines Berufs – eine Bratwurst mit Pommes geholt. Es war Spätsommer, die Limmat warm, aber die Luft nach dem Eindunkeln rasch kühl, und ich trug längst Socken. Er verweigerte eine Zigarette.

«Warum der Rucksack?», fragte ich.

Auf Zimmersuche, sagte er. Grad erst angekommen, bis gerade eben drei Wochen befristet in einer Wohngemeinschaft, jetzt auf Zimmersuche. Werde schon klappen. Jetzt erstmal ein paar Nächte im Hotel ein paar Strassen weiter.

Ich dachte schnell nach. Er hätte ein Scharlatan sein können. Vermutlich war er das auch. Aber von Facebook wusste ich, dass zumindest die Kochgeschichte zu stimmen schien und dass -dieser Herr Gian fast acht Jahre jünger war als ich. Viel jünger noch als meine letzte Schwester. Ausserdem wohnte ich in einer Zwei-zimmerwohnung mit Sofa und hatte im Moment nicht viel zu tun, ausser zu arbeiten. Also bot ich ihm an, in mein Wohnzimmer zu ziehen. «Hast du denn genug Platz?», fragte er. «Ich kann leider wirklich nicht viel zahlen.»

Noch am selben Abend richtete er sich in meinem Wohnzimmer ein – Kleider im Bücherregal, Laptop auf dem Esstisch – und -belegte meine Küche mit Messerblöcken und allerlei Gerät aus Edelstahl und Olivenbaumholz. Wir hatten einen Deal: Herr Gian würde kostenlos bei mir wohnen. Und dafür an seinen freien -Tagen für mich kochen. Ich ass an jenem Sommerabend berauschende Spaghetti, und dann jeden Tag noch einmal bessere. Wir wurden Freunde. Als Gian drei Wochen später auszog, war auch der Sommer zu Ende. Was folgte, war ein grossartiger Herbst. Vielleicht, wer kann es wissen, der beste meines Lebens.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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