Christian Gamp

Christian Gamp
GDS.FM-Gründer Christian Gamp, photographiert von Serena Jung.

Das Leben ist keine Pralinenschachtel. Es spielt nicht immer dieselbe Tonfolge zu einer Feder, die im Sonnenlicht tanzt. Und auf der Bank neben mir sitzt auch nicht Forrest, sondern Christian Gamp. Obwohl, wir stehen unter der Brücke, die das Parkhaus mit der Talstation in Surlej verbindet, und drehen unter deren Obdach unsere Zigaretten, denn es regnet – und die Bank ist nass. Es ist eines der letzten Wochenenden der Wintersaison 2015/16 und das Skigebiet Corvatsch hat beinahe unbemerkt zum «Play Engadin» geladen, einem Festival, das Sport, Kunst und Musik vereint. Gekommen sind vor allem Zürcher Lokalgrössen, Bands, die wie Pablo Nouvelle zwar vereinzelt auch auf den analog zu empfangenen Radiosendern gespielt werden, aber viel zu wenig. Eine stete Plattform bietet ihnen hingegen das Webradio GDS.FM, das hier jeden Tag acht Stunden live aus der «Hossa Bar» sendet und das übliche Après-Ski-Gedöns mit Musik ersetzt, die diesen Namen auch verdient.

Mein Hunger nach neuer Musik war lange Zeit unersättlich. Das tägliche Pendeln während des Studiums verlangte nach stetem Nachschub, wie ein musikalischer Bandwurm, nimmersatt, mit Ohrwurmunverträglichkeit. Ein Quell des tönenden Desiderats waren und sind, nach wie vor, Radios. Was für Schweizer mit erlesenerem Musikgeschmack als 105- und energy-Rotationen erstaunlich klingen mag, ist so anachronistisch nicht: mit Couleur 3, Kanal K, 3fach, Radio X und dem im Osten der Schweiz empfangbaren österreichischen Sender FM4 ist hierzulande gut Musik hören – aber eben nur per Roadtrip. Abhilfe verschafft das Digitale. Über Internet lässt es sich in Programme von BBC 6 Music und NTS aus England oder Radio Nova aus Paris einschalten – und seit zwei Jahren auch in den Stream von GDS.FM. Auf keiner anderen Plattform erfährt der geneigte Hörer mehr über die lokale alternative Musikszene als auf dem Zürcher Webradio: DJs und kleine Labels präsentieren eigene Sendungen, Bands treten in den Livesendungen auf.

35 000 Hörer schalten sich pro Woche in den Stream ein, rund 35 000 Stunden pro Woche läuft der Player auf Browsern, vor allem in Zürich. «Das macht für jeden Hörer im Schnitt eine Stunde», rechnet Chrigi G. us Z., wie sich Gamp als DJ und Radiohost nennt, vor – «und das ist ziemlich viel!» Das Studio sendet offiziell aus dem Wohnzimmerstudio des 29-Jährigen, wie heute aber werden die Radiomacher immer öfter an Veranstaltungen oder in Bars eingeladen, um vor Ort zu senden. Sie hätten es geschafft, als Act gebucht zu werden, statt nur als Medienpartner aufzutreten. Das bringe ein bisschen Geld, das neben den Mitgliederbeiträgen das Radio am Laufen halte, d.h. Serverkosten, Suisa-Gebühren und den Lohn der einzigen Mitarbeiterin Alisha zu decken. Angefangen habe alles mit einem Hang zum Sammeln und Sortieren. Über 100 000 Lieder nach Interpret, Herkunftsland und Stimmung archiviert Gamp digital, und nach eigenen Sendungen beim ETH-Campusradio und der Onlineplattform Audioasyl wollte er mehr, nämlich durchsenden: 24 Stunden, 7 Tage die Woche.

Im Zelt an der Talstation drückt Kevin Wettstein aka «Melodiesinfonie» auf geschätzt 100 000 Knöpfe. Der Produzent ist zwar noch jünger als Gamp, aber bereits eine kleine, feste Grösse in der Hip Hop à la Low End Theory Gemeinde – und einer der Radiogäste, die bereits bei den ETH-Sendungen mit dabei gewesen seien. Dass heute auch bekanntere Namen wie Kalabrese, Sterneis oder Lexx für GDS hinter den Plattentellern stehen, hat viel mit Mund-zu-Mund-Propaganda zu tun, spricht aber auch für die Nische, die da lange klaffte. Von Beginn weg seien sie auf viel Wohlwollen gestossen: Grafik wie Webplayer hätten sie umsonst bekommen, viele Künstler verlangen keine Gage – auch weil ihnen die «Airtime» ebenso Hörer verschaffe wie dem Radio. Als Vorzeigeprojekt der Stadt Zürich reist das Radio im Mai nach London. Am «Zürich meets London»-Festival gehört GDS.FM zusammen mit Dada und Fine Dining zu den offiziellen Exportschlagern.

Zu Recht. In Zeiten der Panverfügbarkeit von Musik über das Internet sind wir auf menschliche Datenverwaltung angewiesen. Wenn wir uns alle nur noch vom eigens angefütterten Streamingdienstalgorithmus leiten lassen, wird es bald nichts Neues mehr zu entdecken geben. Unser musikalischer Horizont würde sich nicht mehr über den Rand der Heavy Rotation erstrecken. Und wir würden uns selbst, abgelenkt von der fliegenden Feder, unnötig mit Einheitskonfekt abspeisen.