Alma Redzic

Alma Redzic
Alma Redzic, photographiert von Olivia Kühni.

Vor dem Tessiner Rustico stand eine Palme, den Fuss noch im Schnee. Drinnen sassen Alma und ich bei Kerzenlicht und Wein und feierten: sie. Alma Redzic. Tags darauf würde sie als erste in ihrer Familie, weit und breit und über Generationen zurück, ein Universitätsdiplom verliehen bekommen. Und diese Nacht, der eine Tag und ein paar davor waren Almas erste freie in Jahren.

Alma ist einer der stärksten Menschen, die ich kenne. Sie wird, so glaube ich, eine der besten Juristinnen des Landes werden. Das hat auch mit ihrer Grossmutter zu tun. Mit einem Mäuerchen in einem kargen bosnischen Dorf und mit drei Paar farbigen Socken.

Unsere Freundschaft begann mit einem Streit. Ich hielt sie für eine verkopfte linke Feministin und sie mich für eine oberflächliche Tussi. Wir stritten auf Twitter. Dann lud sie mich zum Essen ein. Wir teilten uns auf ihrem Balkon Spaghetti mit Butter und eine Packung Zigaretten. Es regnete. Wir sprachen über die Selbstbezogenheit der urbanen Zürcher Mittelschicht. Ihr ständiges Jammern. Die Heuchelei mancher Feministinnen, sich angeblich für Frauen einzusetzen und dann abzuwerten, was nicht in das eigene Weltbild passte. Oder auf eigenen Privilegien zu bestehen und Männer zu Zahlvätern zu degradieren. Über die verbreitete Anmassung, für Migranten sprechen zu wollen – nein, zu müssen, ohne irgendeine Ahnung von ihrer Lebenswirklichkeit zu haben. Alma schimpfte wirklich noch besser als ich. Ich war beeindruckt.

Wir hatten unsere Einkäufe vom Dorf über die Maggia bis hoch in den Hang geschleppt. «Schau mal», sagte Alma nun und zeigte auf einen Container. «Das ist für Abfälle, und gleich daneben ist der Friedhof. Das ist doch pietätlos.» Natürlich war es das. Dann brachen wir in Gelächter aus. So sind viele unserer Gespräche: Wir fluchen auf die Welt, dann lachen wir über sie, und wenn Tiere putzige Dinge tun, kommen uns manchmal die Tränen. Wir sind, sagte ich später in der Nacht zu Alma, ein wenig wie alte Leute. «Älterwerden ist toll», sagte sie und schlief auf dem Sofa ein.

Alma Redzic ist in Bosnien aufgewachsen. Ihre Familie ist muslimisch, bosnische Muslime mitten im Jugoslawienkrieg. Alma ist 11, als sie mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder in die Schweiz flieht. Die Mutter bringt sich und die Kinder mit Gelegenheitsjobs durch, bis Alma ein Teenager ist.

Als sie die Matura hinter sich hat, studiert Alma erst Islamwissenschaft und Geschichte. Sie hält einen Vortrag über den «European Council for Fatwa and Research», eine Organisation islamischer Gelehrter, die für europäische Muslime Fatwas, Richtersprüche, erlässt. Alma prangert das an. Sagt, dass die Urteile im Bereich des Eherechts Frauen stark benachteiligen. Die Mitstudenten sind, nach Almas Aussage, empört über ihren angeblich zu harschen Blick. Dass sie nicht einfach beschreibt, sondern ein Urteil fällt. Die Professorin auch. Eines Tages sagt ihr ein Vertrauter vom Gymnasium: «Du bist keine Geisteswissenschafterin, Alma. Wann akzeptierst du das?»

Alma bricht ab. Sie jobbt in Tankstellen, im Altersheim, auf Ämtern. Irgendwann beginnt sie, nebenher Recht zu studieren. Vor zwei Jahren fängt sie im Zürcher Massnahmenvollzug an, dort, wo psychisch kranke oder in ihrer Entwicklung gestörte Straftäter begleitet werden, wenn sie vom Richter eine Massnahme kassieren. Sie brilliert, von Anfang an.

Eine einzige Person reicht, so die Wissenschaft, damit ein Kind auch dunkle Zeiten unbeschadet überstehen kann. Eine Person – die aber unbedingt, ohne geht es nicht. Almas Grossmutter hiess das Mädchen jeden Abend nach der Schule ihre eigenen Socken waschen und zum Trocknen aufhängen, abwechselnd das rote, das grüne und das gelbe Paar. Jeden Tag. Am Morgen liess sie die Enkelin die Socken wieder anziehen, setzte sie auf die Steinmauer vor dem Haus und flocht ihr langsam die Haare. Das Band…