17 Männer beim Gleisbau

17 Männer beim Gleisbau
Goldbrunnenplatz, photographiert von Claudia Mäder

Walo. Schon wieder Walo, immer noch Walo, überall Walo, in dieser Stadt geht kein Schritt ohne Walo, will ich zum See, steht Walo im Weg, wählʼ ich den Fluss, ist Walo auch da, gehʼ ich ins Bett, liegt Walo schon drunter, weckt mich seit Wochen, was will Walo, wo ist Walo, wann kommt Walo, warum Walo, warum hier, warum jetzt, warum ich, ich, ach ich werde wahnsinnig. Walo hat viele Gesichter, verbirgt sie aber meist unter orangen Helmen und zeigt lieber seine Bauchmuskeln, mal straffere, mal schlaffere, je nach Tag und Ort und Schicht, nein, mir entgeht nichts, und nichts bleibt mir erspart. Schon wieder beginnt ein Gerät zu dröhnen und der Boden zu beben, ich lege mein Buch aus der Hand und den Kopf an die Wand, wünsche mir Wind um die Nase, rieche Teer oder Beton und schmecke das Salz der Verzweiflung. Wann, wann, wann endlich ist wieder Ruhe?

Natürlich, auch wenn sie in einem nächtlich leichten Nervenkostüm steckt, versteht Frau Mäder die Logik des Tiefbauamts, selbstverständlich müssen die städtischen Infrastrukturen gepflegt und marode Tramschienen ersetzt werden, und auf keinen Fall kann solch eine komplizierte Operation bei offenem Herzen und schon gar nicht bei fahrender Cobra vorgenommen werden. So mögen wenigstens die Schlangen schlafen, während die VBZ des Nachts ihre Gleise entfernen, ersetzen, untergiessen, betonieren und sich bemühen, die «unvermeidlichen Emissionen so gering wie möglich» zu halten. Dieser tiefbauamtliche Euphemismus hat sich Anfang Mai zwischen Pfarrblatt und «Coop-Zeitung» versteckt und geriet mir unbesehen ins Altpapier, aber sei’s drum, Taten sagen mehr als tausend Worte, und so weiss inzwischen auch ich, dass unter meiner Wohnung «Gleisbau» herrscht – und wie so was tönt.

Nie aber würde die verantwortungsvolle Stadt die Sinne ihrer Baustellenanrainer einseitig reizen. Nein, das Auge leidet mit, denn zu den Attraktionen in Zürich 3 gehört neu, Bauplatz sei Dank, eine nächtens betriebene Flutlichtanlage. Dämmerte früher einmal pro Monat der Vollmond durch meine Dachluke, lassen diesen Sommer vier Strahler meine paar Quadratmeter als Tenniscourt erscheinen, und natürlich haben weder die läppischen Lamellen auf meinen Fenstern noch die original japanischen Beruhigungsklappen auf meinen Augen einen Stich gegen solche Kunstkräfte. Auf ähnlich verlorenem Posten stehen übrigens auch die teuer erstandenen Kosmetika zur Verminderung von Augenringen und frühzeitiger Hautalterung: Nacht für Nacht fliehe ich aus dem zitternden Bett, rolle mich auf dem steifen Sofa ein und wache zerknittert auf, wenn ungünstiger Wind den Lärm ums Hauseck drückt.

Immer und immer wieder greife ich dann nach irgendeinem Buch und komme nie auch nur ein Kapitel weiter, schweife stattdessen entschuldigend zu all den Menschen, die mich am Folgetag werden ertragen müssen, denke hasserfüllt an all die Tramschienen, die mir schon blöd gekommen sind im Leben, mir Veloreifen und Schuhabsätze verschluckt, mich zu Fall gebracht und zum Gespött gemacht haben, und stelle mir hundertmal vor, wie ich, die japanische Augenklappe auf der Stirn und eine Wolldecke um die Schultern, in Adiletten meine hundert Treppentritte runtertrippeln, einem Walo auf die Schulter tippen und freundlich zu ihm sagen würde: «Könnten Sie das bitte lassen?»

Ob er mich verstünde, ist ungewiss. 17 Mann aus Portugal, Ex-Jugoslawien und Afrika arbeiten zwischen 23 und 6 Uhr unter meinem Fenster in Wiedikon, erfahre ich heute, da ich den Schritt auf die Baustelle endlich wage – wegen Regens in geschlossenen Schuhen und interessehalber offenen Auges. Schweizer, sagen mir die Verantwortlichen der VBZ, die den Gleisbau hier mit einem eigenen Team durchführen und den zwischen Baggern, Rohren und lodernden Fässern herumstreunenden Zaungast auf einen Kaffee in ihre Baracke einladen, interessierten sich schon lange nicht mehr für diese Arbeit. «Man muss sich dabei ja die Hände schmutzig machen.» Ein Nachteil…