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Rapper Nas im August 2023 bei einem Auftritt am «Hip-Hop 50 Live» im New Yorker Stadtbezirk Bronx, wo 50 Jahre Hip-Hop gefeiert wurden. Der Rapper wurde im September 50 Jahre alt. Bild: Scott Roth/AP Invision/Keystone.

Nachsitzen mit Orwell

An amerikanischen Schulen hat sich ein ganzer bürokratischer Apparat dem Kampf für Diversität und gegen Rassismus verschrieben. Das geht nicht nur auf Kosten der Bildungs­qualität, sondern treibt zuweilen auch absurde Blüten, wie mein Sohn erfahren musste.

«Warum der kleine Johnny nicht lesen kann» interessierte Hannah Arendt wenig. In ihrem Essay «The Crisis in Education» (1954) ging es ihr mehr darum, einen Keil zwischen Erziehung und Politik zu treiben. Erziehung sollte der nächsten Generation nicht wie in Autokratien und Diktaturen üblich als politisches, revolutionäres oder utopisches Instrument aufgezwungen werden, sondern Kindern ein neues und zeitgemässes In-der-Welt-Sein ermöglichen.

Das ist auch fast 70 Jahre später noch relevant. Derzeit allerdings ist Klein Johnnys (und Joans) Leseschwäche aktueller: Gemäss Standardtests und Studien1 stagniert oder sinkt die Lehrqualität im öffentlichen US-Schulsystem vielenorts. Absolventen der öffentlichen Schule lesen und rechnen immer schlechter – trotz alljährlichen Ausschüttungen von über einer Dreiviertelbillion Dollar.

Man mag das als Spätschäden pandemischer Lockdowns und des Fernunterrichts sehen oder die Schuld Smartphones und Social Media in die Schuhe schieben. Auch sollte man wie immer nicht die ganzen USA über einen Kamm scheren: Zwischen verschiedenen Gliedstaaten und gar innerhalb desselben Schuldistrikts bestehen grosse Unterschiede bezüglich Finanzierung und Lehrerfolg (bis zur Hälfte des Schulbudgets basiert auf Immobi­liensteuern und Spenden der lokalen Elternschaft). Aber Fakt bleibt, dass das den Schulen hinterhergeschmissene Geld in puncto akademischer Ergebnisse eine bescheidene Wirkung hat.

Anekdotisch kann ich das bestätigen: In den District of Columbia Public Schools sind Lehrmittel und Lehre schwach. Das gilt selbst in der für ihre «Exzellenz» preisgekrönten früheren Schule meines Sohns in einer Nachbarschaft Washingtons (neben San Francisco eine linksliberale Hochburg der USA), wo das Durchschnittseinkommen rund 190 000 Dollar beträgt. Ich kenne Eltern, die im Schulbezirk eine Immobilie kauften, um automatisch in die betreffende Schule zu kommen, weil das billiger kam als die Privatschule vom Vorkindergarten bis zur 8. Klasse. Dennoch: Selbst an einer «guten» Schule wie unserer sind Lehre und Lehrkörper mittelmässig, die Logik des Lehrplans löchrig, weil soziale Gerechtigkeit Grammatik und Naturwissenschaften ausbootet.

Zwar gehen gemäss dem National Center for Education Research landesweit 80 Prozent der Schulausgaben ans Personal. Allerdings sind viele Lehrkräfte jung und unerfahren. Nicht wenige geben nach ein paar Jahren auf, unter anderem wegen niedrigen Einstiegssalären, problematischen «inner-city kids» und Schülern mit Verhaltensauffälligkeiten, die im Namen von «Diversity, Equity and Inclusion» (DEI) «guten» Schulen zugelost werden. Immerhin: Schaffen es Lehrer bis in die Schuladministration, winken sechsstellige Saläre.

Aber wofür eigentlich? In meiner Erfahrung hauptsächlich dafür, um Eltern aller Art (nicht nur überfürsorgliche Helikoptereltern) weit weg vom Schulalltag ihrer Kinder zu halten, um DEI und Antirassismus zu pushen beziehungsweise daraus entstehende Probleme zu bewältigen.

Anonyme Beschwerde

Was dies für Blüten treibt, durfte ich selber erleben: Im Frühjahr 2022 summte mein 12jähriger Siebtklässler in der Schule einen Song des Rappers Nas von dessen Album «Illmatic» nach. Quellengetreu repetierte er dabei das auf «Trigger» reimende «N-Word», was ein Klassenkamerad hörte und gleich lauthals kundtat. Die Schulleitung wurde bei den Eltern vorstellig und mein Sohnemann von Kommilitonen wochenlang als «Rassist» gebrandmarkt. Der Einwand, dass es sich um ein Zitat eines Liedtextes eines preisgekrönten afroamerikanischen Künstlers mit sozial gerechter Stossrichtung handle, fruchtete nichts. Die Schule müsse den Vorfall an die Schulbehörde melden. Nach sechs Monaten Stille klingelte das Telefon, und ein Mitarbeiter der CARE-Abteilung («Comprehensive Alternative Resolution and Equity») der Schulbehörde bat, mit meinem Sohn zu sprechen. Es liege eine anonyme Beschwerde vor. In einem 15minütigen «Interview» verhörte der Beamte meinen mittlerweile 13jährigen Achtklässler, ob er oder seine Eltern Rassisten seien, was das Kind eines Schweizers und einer Afrolatina verneinte.

«In einem 15minütigen ‹Interview› verhörte der Beamte meinen 13jährigen Achtklässler, ob er oder seine Eltern Rassisten seien.»

Abgesehen von dem erneut geweckten Trauma meines Sohns, ein Rassist zu sein, und von meiner kochenden Galle ob Denunziations- und Verhörmethoden, die der Stasi alle Ehre machen, geschah danach wiederum: nichts. Bis zum Abschlussbericht des Verfahrens im August dieses Jahres. Auf fünf Seiten breitete die Gleichheitsbehörde der Schulbehörde aus, dass der anonyme Vorwurf rassistischer Diskriminierung beziehungsweise der Strafbestand 5-B DCMR 2405.1 an unserem Sohn und seiner Schule «nicht substantiiert werden konnte». In knapp einem Dutzend Interviews mit beteiligten Schülern, Eltern und Co-Rektorinnen war der Vorfall während beinah anderthalb Jahren aufgerollt worden. Schüler und Eltern wurden rassisch identifiziert («black», «hispanic/latinx» und «white») und anonymisiert – ausser mein Kind, das man mit seinen echten Initialen kennzeichnete. Resultat des Orwell’schen Unfugs war einzig, dass mein Sohn tatsächlich einen Nas-Song gesungen hatte, aber ohne diskriminierende Absicht. Und dass die in ihren Gefühlen verletzten Kinder das N-Wort gar nicht gehört hatten.

Die Farce ging glimpflich aus. Allfällige Konsequenzen einer erfolgreichen Denunziation sind unklar: Man hätte wohl die Schule antirassistisch gerüffelt und zu Heilungsmassnahmen wie Meditationen, Reflexionen und «restorativen Zirkeln» für rassistische 12-Jährige verdonnert. Für meinen Sohn hätte es Disziplinarmassnahmen geschneit, die der Schulkodex jedoch nicht weiter definiert.

Der Wahnsinn hat System

Dennoch bleibt ein Nachgeschmack von Wahnwitz. Und zwar nicht nur, weil wegen eines gemurmelten Wortes ein ganzer Staatsapparat mit Anklängen an Kafka, Orwell oder DDR in Gang gesetzt wird – Hannah Arendts strikte Trennung des «Reichs der Erziehung» von der «diktatorischen Intervention» des politischen Aktivismus lässt grüssen. Der Schweizer in mir denkt auch an die Kosten des administrativen Aufwands: Nur schon für Interviews der «Sachbearbeiter» mit Schülern, Eltern und Rektoren kommt man locker auf 100 Personenstunden – für nichts ausser Nerven. «Your tax dollar at work», wie man hierzulande sagt.

Wirft man, getreu dem Leitspruch «Follow the Money», einen Blick auf das Budget der betreffenden Schule, zeigt sich: Das ist systemisch. Für 755 Schüler erhält das Bildungsinstitut rund 11 Millionen Dollar. Fast 5 davon fliessen in soziale Gerechtigkeit: rund 1,2 Millionen an Schulleitung und Administration (fünf Vollzeitstellen), 1,2 Millionen an «Spezialerziehung» und «Inklusion», also für Schüler mit Lernschwächen, Verhaltensauffälligkeiten oder in Diskriminationsgefahr, zuzüglich 780 000 Dollar für Psychologen und Sozialarbeiter. Weitere 1,6 Millionen ermöglichen zweisprachigen Einwandererkindern, zwecks Integration erst mal Englisch zu lernen. Den Sold für 34 Vollzeitlehrpositionen dagegen lässt sich die Schule nur rund 4,5 Millionen Dollar kosten beziehungsweise 40 Prozent des Gesamtbudgets. Der Rest verteilt sich auf Hilfskräfte und Aufsichtspersonen, Abwarte und dergleichen. Die Bibliothek kriegt gerade mal noch 12 624 Dollar. Lehrmittel, Computer und Schulzeug werden durch Spenden der Eltern finanziert.

«Für 755 Schüler ­erhält das Bildungsinstitut rund 11 ­Millionen Dollar.

Davon fliessen fast 5 Millionen in soziale Gerechtigkeit.»

Marc Neumann, zvg.

Wen wundert es da, kann Klein Johnny kaum lesen, schreiben und rechnen? Aber immerhin konnte ein 12jähriger «N-Wort»-Sager 18 Monate durch die Gerichtsbarkeit der Schulsicherheit strafverfolgt werden.

  1. Megan Kuhfeld, James Soland und Karyn Lewis: Test Score Patterns across Three COVID-19-Impacted School Years. EdWorkingPaper No. 22-521, 2022; National Assessment Governing Board: National Assessment of Educational Progress, 2023. https://www.nagb.gov/naep-subject-areas/long-term-trend/2023-naep-long-term-trend-release.html

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