Mythos Medienvielfalt

Der Bundespräsident hält eine Rede, und alle hören weg. Ich war persönlich nicht anwesend, aber dem Vernehmen nach sollen auf den Vortrag gar Buhrufe gefolgt sein. So geschehen am Kongress der Zeitungsverleger Mitte September in Interlaken, an dem Gastredner Ueli Maurer die Gelegenheit ergriff, den Medienvertretern den Spiegel vorzuhalten. Jene, die sonst von Berufes wegen […]

Der Bundespräsident hält eine Rede, und alle hören weg. Ich war persönlich nicht anwesend, aber dem Vernehmen nach sollen auf den Vortrag gar Buhrufe gefolgt sein. So geschehen am Kongress der Zeitungsverleger Mitte September in Interlaken, an dem Gastredner Ueli Maurer die Gelegenheit ergriff, den Medienvertretern den Spiegel vorzuhalten. Jene, die sonst von Berufes wegen anderen den Spiegel vorhalten, sind sich die Kritik eines bewährt Kritisierten nicht gewöhnt. Was eigentlich reichlich Stoff für skandalträchtige Tagungsberichte in Tageszeitungen böte («Bundespräsident attackiert Verleger!», «Verleger buhen Bundespräsidenten aus!»), war den von den Verlegern angestellten Journalisten kaum eine Zeile wert. Als hätten sie es darauf angelegt, Maurers Hauptthese zu bestätigen: In der Schweiz herrscht ein Meinungskartell. Dabei würden die Aussagen des Bundespräsidenten zweifellos eine vertiefte Auseinandersetzung verdienen –  auch und gerade durch jene, die sie nicht teilen.

Ironischerweise schlagen Maurers Aussagen zum medialen Status quo in der Schweiz in dieselbe Kerbe wie die Analysen des Mediensoziologen Kurt Imhof, dessen Jahrbuch «Qualität der Medien» von Me­dienvertretern zwar intern wahrgenommen, doch in den eigenen Publikationen weitherum ignoriert wird.* Imhof beklagt eine zunehmende Konvergenz der Berichterstattung und eine Oligopolisierung der schweizerischen Medienlandschaft. Im Imhofschen O-Ton klingt das so: «Im Licht dieser Diagnose ist nicht der Mythos von der besten Zeitungslandschaft aller Zeiten bemerkenswert, der vor allem von Verlegerseite, aber auch von Chefredakteuren kolportiert wird, sondern dass diesem Mythos innerhalb der Branche nicht, und wenn, dann nur ‹off the record›, widersprochen wird.»

Zurück zur Rede des Bundespräsidenten. Sie ist mittlerweile auf der Website des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerungsschutz und Sport aufgeschaltet (www.vbs.admin.ch), und zwar unter «Medienmitteilungen», mit Datum des 13. Septembers 2013. Wie also klingt die Schelte von oberster staatlicher Instanz an der «vierten Macht» im Lande? Gefordert wird nicht mehr staatsmännischer Sinn, sondern – erfreulich – mehr (Staats-)Skepsis unter Journalisten.

Ich möchte hier einige Absätze in extenso daraus zitieren: «Vielfalt fehlt. Es herrscht weitgehend ein mediales Meinungskartell. Einerseits durch eine wirtschaftliche Konzentration, andererseits aber auch durch eine thematische und eine ideologische. Es gibt in der Schweizer Medienlandschaft so etwas wie eine selbstverfügte Gleichschaltung. Es ist ja jeweils von Titelvielfalt die Rede. Diese sei wichtig und gefährdet. Darum brauche es Förderungsmassnahmen. Da widerspreche ich. Ideenvielfalt wäre wichtig, Meinungsvielfalt wäre wichtig. Titelvielfalt ist so lange reine Maskerade, als wir unter verschiedenen Titeln das Gleiche zu lesen bekommen. Sie fühlen sich vom staatlichen Fernsehen konkurrenziert, weil dieses im Online-Bereich ähnliche Informationsangebote aufschaltet wie Sie. Selbstverständlich bin ich der erste, der auf der Seite der privaten Unternehmen ist. Aber so muss ich leider resi­gniert feststellen: Für die Meinungsvielfalt macht es auch keinen grossen Unterschied mehr, ob uns staatliche oder staatsnahe Medien mit Einheitskost abspeisen… Denn Sie sehen sich dieselben Themen mit derselben Brille an; Sie haben Ihre Thesen, nach denen Sie die Welt beurteilen. Und diese Thesen stellen Sie kaum je in Frage. Man könnte sie auch das Glaubensbekenntnis der Schweizer Medien nennen. Ich nenne Ihnen einige Ihrer Glaubenssätze: Der Klimawandel ist dem Menschen anzulasten. Atomenergie ist böse, Alternativenergien sind gut. Einwanderung ist eine Bereicherung, auch dann noch, wenn in einem kleinen Land die Nettozuwanderung um die 80 000 Personen pro Jahr beträgt. Interna­tionale Lösungen sind immer besser als nationale. Die Schweiz ist immer im Unrecht, die Vorwürfe an unser Land können noch so absurd und durchsichtig sein.  Der Staat ist verantwortungsvoller als der Bürger.(…) Damit hat sich die ursprüngliche Rolle der Medien ins Gegenteil gewendet: Anstatt gute Diskussionen zu fördern, werden gute Diskussionen verhindert.»

Wir würden gerne eine gute Diskussion, ja Debatte über die Diskussionsarmut in den Schweizer Printmedien führen, am besten gleich mit dem Bundespräsidenten und dem Mediensoziologen. Fortsetzung folgt (hoffentlich).


*Gespräch mit Kurt Imhof, in: SM, 1006, S. 14-21.

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Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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