Mythos: Gender

Die humorlosen Debatten über Geschlechterfragen gehen mittlerweile allen auf die Nerven – und zementieren die Idee von der Frau als Sonderling. Hören wir endlich auf, um das Frausein ein solches öffentliches Drama zu machen.

Mythos: Gender
Olivia Kühni, fotografiert von Michael Wiederstein.

Es vergeht keine Woche ohne Gender. Mal geht es um die Frauenquote, mal um frauenfeindliche Fernsehserien oder beleidigende Photographien, um dumme Sprüche, dünne Models oder freche Affären. Um Frauen, die nicht aufsteigen, und um Männer, die im Beruf mobben und zuhause keine Verantwortung übernehmen. Und immer wieder um die Frage, ob Geschlecht nicht einfach nur ein Konstrukt sei und eine überflüssige Kategorie. Frauenfeindlichkeit! Misogynie! Projektionen, Denkmuster, Rollen! Uff.

Ich finde, es reicht. Wir wiederholen das Mantra jetzt seit über vierzig Jahren: Wir haben alle ganz schlimme Vorurteile im Kopf. Männer sind machtversessen, Frauen benachteiligt. Darum müssen wir alle dringend reden, reden, reden. Und darum muss der Staat die Frauen fördern: mit Kampagnen, mit Programmen, mit Gleichstellungsbüros. Und das tut er auch. Doch irgendwie ist es noch immer nicht genug.

Mir geht diese Debatte sehr auf die Nerven. Ich finde sie abgehoben, frustrierend und vor allem kontraproduktiv. Sie dreht sich um Detailfragen, die mit der Lebenswirklichkeit der meisten jungen Menschen nichts mehr zu tun haben. Sie setzt Frauen und Männer unter Druck mit allerlei Konzepten. Und nicht zuletzt ist sie zutiefst unlogisch: Sie will im öffentlichen Leben den Sonderfall Frau abschaffen – während ausgerechnet sie ihn an vorderster Front ständig zelebriert. Damit machen ausgerechnet Gender-Debattierende gemeinsame Sache mit jenen Ewiggestrigen, die Frauen im öffentlichen Leben noch immer als Sonderlinge behandeln. Es ist wirklich deprimierend.

Es interessiert mich nicht!

Es interessiert mich nicht, ob Mütter Teilzeit erwerbstätig sind, Vollzeit oder gar nicht. Ich traue den heutigen jungen Frauen und Männern zu, das selber zu entscheiden. Sie haben sowieso meist andere Sorgen als die, wer jetzt genau wie viel zum Familieneinkommen beiträgt (falls es sich überhaupt um ein Paar handelt): Ihre Frage ist, wie sie es überhaupt schaffen, ihre Existenz zu sichern, sich gleichzeitig um ihre Kinder zu kümmern, allenfalls noch um alte oder kranke Eltern und auch noch um sich selber.

Die spannende gesellschaftliche Frage wäre allenfalls, wie es weitergeht, jetzt, wo der ökonomische Ausnahmezustand der breiten europäischen Mittelschicht langsam zu Ende geht. Ob insbesondere das heutige Lebensmodell – Mann und Frau und Kleinkind erschöpfen sich alle in der gemeinsamen kleinen Stadtwohnung zu Tode, gleichzeitig langweilen sich Alte reich und einsam im Häuschen – überhaupt noch sinnvoll ist. Ich persönlich glaube es nicht. Aber das wird jeder Mensch für sich selber entscheiden.

Es interessiert mich nicht, wenn in gemütlichen Zürcher Cafés beim Milchkaffee darüber diskutiert wird, dass es immer noch so wenige Frauen in Chefpositionen gibt. Ich denke dann an all die klugen Ingenieurinnen, Managerinnen, Informatikerinnen, die ich bei Google oder ABB kenne – Inderinnen, Deutsche, Amerikanerinnen, Iranerinnen, nur leider kaum eine Schweizerin, und rege mich heimlich sehr auf. Wo ist das Thema? Tut es oder lasst es! An dieser Stelle muss auch einmal klar gesagt werden, dass das Konstrukt der diskriminierten Frau in diesem wohlhabenden europäischen Rechtsstaat absurd ist. Weisse, bürgerliche Frauen der Schweizer Mittelschicht sind nicht benachteiligt. Wir sind unfassbar privilegiert. Ein wenig mehr Mut würde uns darum wirklich gut anstehen.

Ganz besonders interessiert mich weiter nicht, wenn wieder irgendwo behauptet wird, Frauen seien sexuell weniger frei als Männer. Das ist für weite Teile der heutigen Schweizer Gesellschaft einfach Quatsch. Mühe habe ich auch, wenn Abtreibung – ich bin für deren Legalität und finanziere sie selbstverständlich über die Krankenkasse mit – wie anno 1971 als ultimative Befreiung der Frau gefeiert wird und als deren alleiniges Entscheidungsrecht. Der Entscheid, ein Kind abzutreiben, ist ein schwieriger, und er geht nach meinem modernen Beziehungsverständnis den Vater genauso etwas an wie die Mutter – was nach meiner Erfahrung die meisten heutigen Männer genauso sehen.

Die wirklichen Themen sind also auch in der…

Mythos: Gender
Olivia Kühni, fotografiert von Michael Wiederstein.
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Die humorlosen Debatten über Geschlechterfragen gehen mittlerweile allen auf die Nerven – und zementieren die Idee von der Frau als Sonderling. Hören wir endlich auf, um das Frausein ein solches öffentliches Drama zu machen.

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Wolf Lotter, Autor und Mitgründer von «brand eins»,
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