Mythenzauber

Der Historiker Herbert Lüthy hätte in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag gefeiert. Seine so kundige wie amüsante Auseinandersetzung mit der mythologischen Nationalgeschichte der Schweiz war schon vor 50 Jahren wertvoll. Eine ähnliche Herangehensweise täte aber auch der aktuellen Debatte zum Thema sehr gut.

Mythenzauber
Jakob Tanner, zvg.

Die mythologische Nationalgeschichte einer Eidgenossenschaft, die sich durch ihre Verankerung in der Tiefe der Jahrhunderte einen mentalen Stabilitätsanker zu geben versucht, wurde in der Zeit der Aufklärung, also seit der Mitte des 18. Jahrhunderts, erstmals kritisch reflektiert. Der Berner Pfarrer Uriel Freudenberger veröffentlichte damals anonym die Schrift «Der Wilhelm Tell: ein dänisches Mährgen»: im Jahr 1760 wies er mit seiner Tell-Abhandlung nach, dass der eidgenössische Armbrustschütze und Fronvogttöter eine Legendenvariante der bereits im 12. Jahrhundert vom dänischen Chronisten Saxo Grammaticus verfassten Toko-Sage war.

Freudenberger hatte durchaus seine Freude an der Tell-Geschichte: er bewunderte den Sachverhalt, dass diese Erzählung von Freiheitsdurst und Tyrannenmord über grosse Räume und Grenzen hinweg zu zirkulieren vermochte. Es lag ihm deshalb fern, den Mythos implodieren zu lassen, gleichwohl ging es ihm darum, zu zeigen, dass es einen Unterschied gibt zwischen einem solchen fiktiven Narrativ und historischen Forschungsbefunden. Damit hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht: in der Urschweiz löste das Pfarrerpamphlet nämlich heftige Proteststürme aus, es ertönte die Forderung, der Renegat sei zu bestrafen, und in Altdorf kam es zur ostentativen Verbrennung eines fanzösischen Exemplars der Schrift. Selbst Anhängern der Aufklärung wie dem Berner Patrizier Gottlieb Emanuel von Haller, dem eigentlichen Spiritus rector Freudenbergers, ging dessen wissenschaftliches Wahrheitsstreben zu weit, so dass er sich wider alle Evidenz und erfolglos bemühte, Tells «Geschichtlichkeit» nachzuweisen.

Das Ganze entwickelte fortan ein Eigenleben und blieb bestimmend auch für die moderne Schweiz: Der Glaube an die staatstragende Kraft von Mythen verfestigte sich im 19. Jahrhundert in einer Weise, dass es ohne Tell überhaupt nicht mehr zu gehen schien, wobei die Figur gerade deshalb so breite Resonanz und Zustimmung fand, weil sie politisch für alles Mögliche instrumentalisiert werden konnte; die vor drei Jahren verstorbene Berner Historikerin Beatrix Mesmer hielt einmal fest, im Fin de siècle hätten sich Bundesräte davor hüten müssen, als «Berner Gessler» dazustehen, und die Furcht vor «Tells Geschoss» hätte nicht zuletzt deshalb auch einen Einfluss auf den schweizerischen Regierungsstil gehabt. Das zeigt, dass Mythen, die aus historischer Sicht einer Faktengrundlage entbehren, nichtsdestotrotz einen starken Impact auf die Wirklichkeitsvorstellungen, auf Ängste, Hoffnungen und Erwartungen von Menschen haben: Sie stellen produktive Fiktionen und damit geistige Wirkfaktoren und politische Gestaltungskräfte dar, mit denen sich gerade auch eine wissenschaftlich fundierte Geschichtsschreibung intensiv auseinandersetzen muss.

Mythos Mythenzerstörung

Aus diesen knappen Ausführungen lassen sich zwei Schlussfolgerungen ziehen, die bis heute von Bedeutung sind: erstens ist es nicht so, dass die «bösen» Kritikaster der Jahre um 1968 die ersten waren, die am glänzenden Lack des schweizerischen Nationalmythos zu kratzen begannen. Die Kritik des Mythos ist nämlich viel älter. Als Otto Marchi 1971 seine wuchtige «Schweizergeschichte für Ketzer oder Die wundersame Entstehung der Eidgenossenschaft» herausbrachte, hielt die kritische Auseinandersetzung mit hiesigen Mythen schon mindestens 200 Jahre an: immer wieder traten Historiker hervor, die sich darum bemühten – oder: sich ein Gaudi daraus machten –, das sakralisierte Mythenpanorama der schweizerischen Eidgenossenschaft mit oft schelmischem Schalk zu profanieren. Dazu gehörten unter anderem der Zürcher Historiker Hans Nabholz, bei dem Herbert Lüthy 1942 promovierte, dann der Basler Altphilologe, Archivar und Volkskundler Hans Georg Wackernagel, der schon in der Zwischenkriegszeit mit seinen Studien zu den frühen Eidgenossen das Bild der schweizerischen Staatsentstehung verändert hatte. Nicht zu vergessen auch der jüngere Zürcher Mittelalterprofessor Marcel Beck, bei dem ich in den 1970er Jahren noch selbst erlebt habe, wie er direkt an Wackernagel anknüpfend mit heiterer Freude die schweizerische Nationalmythologie nach allen Regeln quellenkritischer Kunst zerpflückte.

Zweitens lässt sich leicht erkennen, dass der Vorwurf, Kritiker würden sich zuvorderst in «Mythenzerstörung» üben, voll danebengeht. Denn Mythenkritik1 ist immer auch eine Arbeit am Mythos. Mythen reproduzieren sich gerade im Medium der Kritik bestens – und es sind manchmal genau die, die ihnen an den Kragen wollen, die ihnen wieder neu auf die Sprünge helfen. Das kann durchaus gewollt sein, wie etwa beim Mittelschüler Herbert Lüthy, bei dem sich ein sprachlich-zeichnerischer Witz mit der schieren Lust an dieser Auseinandersetzung verband. Er zeichnete im 17. Lebensjahr einen 80seitigen Bilderreigen und gab diesem später den treffenden Untertitel «Die glorreiche Geschichte von der schweizerischen Eidgenossenschaft vom Urbeginn bis zur Bundesverfassung von 1848 mit vielen getrewlichen Bildern und vielen wahrhafftigen Abconterfeyungen berühmter Staats- und anderer Männer». Er hielt diese Chronik dann anschliessend fast 30 Jahre unter Verschluss.

Dass dieses Werk bereits Mitte der 1930er Jahre entstand, macht Herbert Lüthy für das 20. Jahrhundert zu einem Pionier nationalmythologischer Lockerungsübungen, der seine Inspirationen aus einem kreativen Umfeld bezog. Man merkt förmlich, dass es dem angehenden Historiker Spass machte, seine zwischen prototypischen Erdmännchen und Reduce-to-the-Max-Kriegern angesiedelten kleinen Eidgenossen auf dem grossen Tableau der europäischen Geschichte aufmarschieren und sie dort ihre perplexen und paradoxen Erfahrungen machen zu lassen. Summa summarum ging es ihm dabei um die Vertreibung nationaler Mystifikationen mittels der ironischen Neuinszenierung des Nationalmythos. Aber: woher nahm der junge Lüthy diese für seinen Werdegang prägende Idee?

Die produktiven Umwege des Herbert Lüthy

Herbert Lüthy war wissensbegierig und lernfreudig. Er liess sich von vielen Leuten inspirieren. In seiner Mittelschulzeit griff er – wie seine geistreich kommentierte Briefmarkensammlung zeigt – die damals zirkulierenden Denkwerkzeuge auf. Als Ideenspender für die Bilderhandschrift besonders wichtig war indessen Alfred Feldmann, den Lüthy später einmal «den ersten und für mich entscheidenden meiner Geschichtslehrer» bezeichnen sollte. Es handelte sich dabei um den jüngeren Bruder des später in der Schweiz berühmt werdenden Politikers Markus Feldmann, der ab 1951 für die BGB (die heutige SVP) im Bundesrat sass. Alfred verfügte über eine dezidiert andere politische Ausrichtung als sein Bruder: er hatte in Berlin gelebt, wo er an der von Fritz Karsen gegründeten Karl-Marx-Schule unterrichtete. Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde diese Schule 1933 geschlossen und Feldmann reiste in die Schweiz zurück, wo er eine Stelle als Altphilologe und Geschichtslehrer an der Höheren Stadtschule Glarus fand. Hier zählte Herbert Lüthy zwischen 1933 und 1935 zu seinen Schülern.2

Alfred Feldmann hatte in der Schweiz, die auf die geistige Landesverteidigung zusteuerte, einen schweren Stand: obwohl er kein parteipolitischer Aktivist, sondern primär bildungspolitisch interessiert und staatsbürgerlich aktiv war, wurde er 1935 in Glarus entlassen, insbesondere wegen seines Einsatzes für die gewerkschaftlich-sozialdemokratische «Kriseninitiative». In der Folge blieb er permanent auf dem Überwachungsschirm des Staatsschutzes; ein erstes Mal stiess ich auf ihn, als ich vor einigen Jahren ein Seminar über «Staatsschutz und politische Polizei im Kanton Zürich» durchführte. Im Zürcher Staatsarchiv tauchte ein Beschwerdedossier auf, das zeigte, dass sich Feldmann gegen seine fortgesetzte Bespitzelung zu wehren versuchte. Sieht man sich seine späteren Publikationen und insbesondere seine instruktive Studie «Abc der Wirtschaft: eine schweizerische Einführung in die Grundfragen moderner Wirtschaft» aus dem Jahre 1940 an, so zeigt sich, dass sich die marxistische Orientierung des Autors in seinem grossen Wissen um ökonomische Zusammenhänge und einem Sensorium für die Machtballung bei global operierenden Grossunternehmen erschöpfte.

Dafür interessierte sich auch Herbert Lüthy und die beiden blieben sich später verbunden: In der 1944er Neuausgabe seines Abcs zitiert Feldmann denn auch die Dissertation seines früheren Schülers. Es wäre abwegig, sich im Glarus der Jahre 1933/34 eine Indoktrinationssituation vorzustellen, viel eher ist es so, dass damals der Lehrer seinem Schüler viele Details und Episoden aus der Geschichte der Eidgenossenschaft auf neue Weise zugänglich machte. Letzterem, dem Schüler Lüthy, gelang es dann, seinen jugendlichen Übermut mit einer doch bewundernswerten staatspolitischen Weisheit synergetisch zu verschränken.

Mythen und Nationalismus

Es fällt auf, welch flexiblen Umgang Herbert Lüthy mit Mythen pflegte. Nach 1945 war für ihn klar, dass die Nationalstaaten ihre festgefahrenen Mythenerzählungen überholen mussten, um einen Ausweg aus dem Katastrophenzeitalter zu finden. Dies liess ihn zu einem überzeugten Anhänger des europäischen Integrationsprozesses werden. Seine Kritik an der «kommerziellen Froschaugenperspektive», welche die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft mit ihrer Fixierung auf einen Binnenmarkt einnahm, und seine Ablehnung einer technokratischen Elite, die Europa top down organisieren wollte, verband er mit einer Zurückweisung der Ideologie des «souveränen Nationalstaates». Er trat gegen «nationalistische Geschichtsklitterung» an – unter anderem mit einer positiven Haltung zu einem europäischen Mythos. So stellte er 1953 die Frage, ob es heute einen solchen gäbe, und fährt dann weiter: «Hoffen wir, es gebe ihn. Ganz ohne Vision einer Zukunft kann nur der abstrakte Homo oeconomicus in der Retorte der Wirtschaftstheorie leben. Man mache diesem noch gar zaghaften, aber lebensfähigen ‹Mythos› den Garaus […], und man wird sehen, welche Perversionen und Gespenster dann die Leere füllen werden.»

Als Herbert Lüthy 1962 beschloss, seine «Bilderhandschrift von Ennenda» doch noch zu veröffentlichen, hatte er eine beeindruckende journalistische, publizistische und akademische Karriere hinter sich. Kurz zuvor, im Jahre 1961, er war bereits angesehener Professor an der ETH Zürich, veröffentlichte er seinen bis heute vielzitierten Essay «Die Schweiz als Antithese». Darin wird die Schweiz als das «archaischste Land des Westens» beschrieben: «Gewisse Züge ihrer Mentalität und ihrer Einrichtungen wären vielleicht einem Kongolesen, dem sein Stamm oder Dorf die Welt ist, leichter verständlich als einem Nachbarn aus der einen und unteilbaren Französischen Republik.» Lüthy kämpfte damals mit offenem Visier gegen einen noch immer virulenten Nationalismus, und zwar sowohl gegen die eindimensionalen nationalen Integrationsideologien aus dem 19. Jahrhundert wie auch gegen deren Neuauflage als antikolonialer Befreiungsdiskurs.3 Ihm war klar, dass das unbedingte Andersseinwollen des Nationalismus zu einer «Reihe von Negationen» führen musste, und er zählte auf: «die Leugnung der Universalität, die Leugnung der menschlichen Gleichheit und der menschlichen Ratio». Lüthy gerät in diesem Text auf sehr ernsthafte Weise in Fahrt und schreibt: «Der Nationalismus ist eine terroristische Ideologie, die den Angehörigen der von ihr erfassten oder beanspruchten Bevölkerungsgruppe Konformität der Gesinnung und des Verhaltens auferlegt. […] Wo nationalistische Ideologie herrscht, ist auch die Hexenjagd immer zum Aufbruch bereit: in Krisenzeiten oder gar in Kriegszeiten wird jede Nonkonformität zum Nationalverrat, und wie wirksam dieser Gesinnungsterror jede rationale Überlegung ausschalten oder diffamieren kann, haben die Bürger aller europäischen Nationen in diesem Jahrhundert bis an die Grenzen des Selbstmords erlebt.»4

In seinem 1964 in den «Schweizer Monatsheften» veröffentlichten Essay «Vom Geist und Ungeist des Föderalismus» kritisierte Lüthy die «muffige Museumsideologie», die den Föderalismus «zur Parole eines untätigen Treibenlassens, des Neinsagens und des Barrikadenbaus gegen die Zukunft» machen wolle. Für Lüthy war Föderalismus gerade das Gegenteil des Zelebrierens von Folklore nach dem Motto «Kulturelle Vielfalt, nationale Identität», nämlich ein effizientes System der Machtteilung und der durchaus konflikthaften, aber zukunftsfähigen gesellschaftlich-politischen Selbstorganisation von unten.

Diese Kritik des Nationalismus ging einher mit einer enormen Wertschätzung der Schweiz. Die Attraktivität der Eidgenossenschaft als Staatswesen resultierte für Herbert Lüthy gerade daraus, dass sie auf all die nationalen Mystifikationen, die sie mit solcher Inbrunst kultivierte, schlicht nicht angewiesen ist. Aus seiner Sicht hatten gerade jene, die andauernd diesen Mythenzauber mobilisierten, nicht begriffen, was die Schweiz eigentlich ausmacht. Umgekehrt erkannten solche, die über die unfreiwillige Komik der eidgenössischen Gründungslegende so richtig lachen konnten, die strukturelle Stärke der Schweiz: die Unfähigkeit des Landes zu einer grandiosen nationalen Synthese und zur Top-down-Organisation des Staatswesens.

Der Einsatz für einen «europäischen Mythos» und die Kritik schweizerischer Nationalmythen passten für Herbert Lüthy also problemlos zusammen. Sie bedingten sich geradezu. Heute gilt es wohl auch gegen Mystifikationen rund um die Chiffre «Europa» anzukämpfen, dem nationalistischen Gerede um das «christliche Abendland» Einhalt zu gebieten und stattdessen wieder an den Wert des Bottom-up-Föderalismus zu appellieren. Lüthy wollte mythische Erzählungen nicht zum Verschwinden bringen, sondern ihnen den nationalistischen Bierernst austreiben und neuen Schwung in diese abgestandenen Geschichten bringen. Dieses Bestreben ist bis heute intellektuell erfrischend. Der frivole, freie und leichte Geist, der der «Bilderhandschrift von Ennenda», ja dem Gesamtwerk Herbert Lüthys entsteigt, stünde vielen Debatten um die Schweiz und ihre Zukunft gerade heute wieder ganz gut an.


1 Vgl. den Beitrag «Die Mythenschlucker» des Schriftstellers Daniel Goetsch in der letzten Ausgabe dieser Zeitschrift.
2 Vgl. dazu die «Biographische Notiz zur Entstehungsgeschichte der ‹Bilderhandschrift von Ennenda›» von Christoph Lüthy. In: Herbert Lüthy: Die Bilderhandschrift von Ennenda. Bern (u.a.): Peter Lang, 2018, S. 10.
3 Letzteres sollte ihn später auch in einen heftigen Gegensatz zur neuen Linken und namentlich zu Jean Ziegler bringen.
4 Herbert Lüthy: Rehabilitation des Nationalismus? (1960). In: Der Monat, Nr. 141.


Der vorliegende Text ist die gemeinsam mit der Redaktion leicht gekürzte und überarbeitete Fassung einer Rede, die Jakob Tanner anlässlich der Vernissage der Neuauflage von Herbert Lüthys «Bilderhandschrift von Ennenda» am 12. Januar 2018 in der Allgemeinen Lesegesellschaft Basel gehalten hat. Der Beitrag führt an dieser Stelle die Debatte um den politischen Umgang mit Mythen, die der Schriftsteller Daniel Goetsch in seinem Beitrag «Die Mythenschlucker» der letzten Ausgabe angestossen hatte, indirekt weiter.

 


Jakob Tanner
ist emeritierter Professor für Geschichte der Neuzeit und Schweizer Geschichte an der Universität Zürich.