«Müssig geht der Pfau»
Schauspieler Robert Hunger-Bühler im Gespräch.

«Müssig geht der Pfau»

Wie die Kunstform des Schauspiels Texte mittels Körpereinsatzes zum Leben erweckt. Und der Körper sogar als Gedächtnis fungiert.Ein Gespräch über Sprache und Spiel.

 

Herr Hunger-Bühler, Ihr Beruf heisst «Schauspieler». Darin stecken das (Nach-)Spielen und das «Zurschaustellen» vor anderen. Die Sprache fehlt – dabei ist sie doch Ihr täglich Brot.

Indem ich etwas «nach»-spiele, spiele ich dem Zuschauer etwas «vor», also wird Vergangenheit mit Zukunft gemischt, und so ergibt sich beim Schauspieler die unnachahmliche Gegenwart. Der Rhapsode bei den alten Griechen ist der mit Sprache gefüllte Sänger der Sprache. Da ist der Schauspieler der Geschichtenerzähler. Er ist Sänger und Rezitator zugleich. Die Sprache ist ja, bevor sie überhaupt gesprochen ist, eine Körpersprache, sie ist im Körper. Ich hatte das Glück, dies schon weit vor dem Ergreifen des Schauspielberufes entwickeln zu dürfen.

Wie kam das?

Ich hatte die Gnade, eine hochdeutschsprechende Mutter im Haushalt zu haben, dazu einen Vater, der auch sehr sprachaffin war. Wir haben ständig über Wortschöpfungen philosophiert, nicht im akademischen Sinn, sondern eher einfach so aus Lust an der Sprache. Meine Mutter hat mir dann schon vor der Schule das Lesen beigebracht, und so konnte ich leicht mit den Worten umgehen und habe gemerkt: Damit bin ich zumindest bis zum Gymnasium unschlagbar und kann auch meine Schwächen in Mathematik und Algebra wettmachen.

In Ihrem Buch «Den Menschen spielen» erzählen Sie, auch Ihr Deutschlehrer habe eine wichtige Rolle gespielt bei Ihrem Schauspielerwerden.

In der Bezirksschule sollten wir in der sechsten oder siebten Klasse ein freies Referat halten – das konnte ein Gedicht sein, eine Geschichte, ein Essay. Ich habe ein Buch von Hermann Buhl gewählt, der den Nanga Parbat als erster bestiegen hat, ein Österreicher. Diese autobiografische Beschreibung des Gipfelsturms habe ich, ohne es zu wissen, komplett auswendig gekonnt und 20 Minuten lang in voller Länge vorgetragen. Danach war Stille im Raum. Der Lehrer, Heinrich Stirnemann, hat dann gesagt, dafür gebe es einen Beruf. Ich war ganz begeistert, denn Stirnemann war auch Fussballer beim FC Aarau und sowieso der Grösste für mich. Als ich dann in Aarau meine ersten Theateraufführungen gesehen habe, hat mich das so fasziniert, dass ich schliesslich in den Nachtzug nach Wien gestiegen bin, um Schauspieler zu werden.

Der Schauspieler «erweckt den Text zum Leben», heisst es in einer klassischen Umschreibung – sozusagen augmented literature. Sind Sie Literaturvermittler?

Ich würde mal hochtrabend sagen, ich bin der Philosoph des Wortes oder, um es mit Roland Barthes zu sagen, der Verwalter des Wortes, wenn das Wort eine Augenscheinlichkeit bekommt. Selbst wenn ich es lese, ist es noch nicht in sprechbarem Zustand, aber schon da wird das Wort eigentlich einverleibt und gewinnt Gestalt. Und ich mache nichts anderes, als dem durch mein Tönen und durch meine Artikulation nochmals eine andere Höhe zu geben, eine Höhe der Verständlichkeit oder sogar des Genusses.

Manchmal beschleicht einen das Gefühl, Verständlichkeit sei im heutigen deutschsprachigen Theater nicht immer das oberste Gebot. Einverstanden?

Ja, wir sind in einem endlosen postmodernen Prozess, dessen Ende immer noch nicht abzusehen ist. Es ist, als habe man Angst vor der leeren Bühne und dem von mir schon oft zitierten einen Scheinwerfer. Ein Schauspieler darunter, allein mit der Macht des Wortes. Dann würde die sogenannte Verständlichkeit sofort viel höher. Man braucht auch keine Angst zu haben, dass das zu trivial wird, im Gegenteil. Genau das würde die Magie wiederbringen.

Ihr Theater hätte also weniger Bühnenbild, weniger Action, weniger Musik, weniger Video?

Das kann alles sein, aber immer rückgeführt und gesichert durch die lebendige und vitale Zeitgenossin, die da auf der Bühne steht. Das ist das Unschlagbare am Theater. Die ersten Aufführungen, die Sie in Ihrem Leben gesehen haben, da tauchen doch Urbilder auf – ein Geschmack, ein Geruch, eine Farbe, ein Klang einer Stimme.

Kann nicht auch der Text…

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