Moskau – Kijew einfach

Wem gehört die Krim? Wem die Ukraine? Wer so fragt, muss auch fragen: Wann? Denn: Kijew war schon eine reiche Metropole, als Moskau noch nicht einmal den Rang einer Stadt hatte. Ein historischer Streifzug durch das Dickicht nationaler Besitzansprüche.

Moskau – Kijew einfach
Felix Philipp Ingold, photographiert von Thomas Burla.

«Konstantinopel gehört zu uns!» Mit dieser imperialistischen Devise hat sich in den 1870er Jahren der Grossschriftsteller Fjodor Dostojewskij, der auch ein militanter Natio­nalist war, in den Chor jener eingereiht, denen die «Wiederherstellung der historischen Gerechtigkeit» als Vorwand für militärisches Eingreifen in Bulgarien und auf dem Balkan dienen sollte. Für Dostojewskij und seinesgleichen stand fest, dass Konstantinopel (Byzanz) als «Wiege der russischen Orthodoxie» und damit als integraler Bestandteil der russischen Geschichte wie auch des grossrussischen Weltbilds zu gelten hatte.

«Die Krim gehört zu uns!» Auch dieser – nicht ganz so weit reichende – Slogan, der ja nun in jüngster und kürzester Zeit zu einem politischen Faktum geworden ist, wird mit Rückgriff auf die Geschichte legitimiert – die Halbinsel im Schwarzen Meer habe schon immer «naturgemäss» beziehungsweise «organisch» zu Russland gehört, und man habe das Territorium nun eben, in Übereinstimmung mit dem mehrheitlichen «Volkswillen», heimgeholt. Genau so, wenn auch mit umgekehrtem Vorzeichen, argumentiert die tatarische Minderheit, die sich darauf berufen kann, die Krim einst besiedelt und zu einer blühenden Landschaft gemacht zu haben. Worauf die Grossrussen entgegnen, sie hätten diese Landschaft trotz tatarischer Besetzung als «russische Erde» kultiviert. Die offizielle Ukraine wiederum beruft sich auf die geschichtliche Tatsache, dass ihr die 1783 vom russischen Imperium annektierte Krim zur Sowjetzeit legal via Moskau zugeschlagen worden sei.

Da wie dort, damals wie heute scheint es also tatsächlich in erster Instanz um die «Wiederherstellung» einstiger territorialer Gegebenheiten und eben damit der «historischen Gerechtigkeit» zu gehen. Dass die fraglichen Gegebenheiten vielfach von Mythen- und Legendenbildungen verschattet sind, beflügelt die akuten Querelen um Recht und Gerechtigkeit umso mehr, erschwert aber auch jeden rationalen Problemlösungsversuch. Der gegenwärtige Status der ukrainisch-russischen Beziehungen scheint jedenfalls – auf beiden Seiten – eher von pseudohistorischen Phantasmen bestimmt zu sein als von vernünftigen, zukunftsgerichteten Überlegungen und Argumenten.

Dass die «Wiederherstellung» einer wie immer gearteten geschichtlichen «Gerechtigkeit» durch die Rückforderung oder Rückeroberung von ehemaligen Staatsterritorien, die längst in andere nationale Zusammenhänge eingegangen sind, heute völlig indiskutabel ist, wird auf russischer Seite offenkundig ignoriert. Gleichwohl nimmt die Anzahl prorussischer Sympathisanten in der Ukraine wie auch bei westlichen Rechts- und Linksparteien markant zu, ganz zu schweigen von der ohnehin schon überwiegenden Mehrheit der Gefolgsleute Präsident Putins in der Russländischen Föderation. Die Befürworter einer militanten Reintegration vormaliger russischer Staatsgebiete – nicht nur der ukrainische Osten, auch Warschau und ein Grossteil Polens gehörte einst dem Zarenreich an – berufen sich vorzugsweise auf die sogenannte Kijewer Rus mit der heutigen ukrainischen Hauptstadt als fürstlichem Machtzentrum, um ihre Ansprüche zu begründen und geltend zu machen: Kijew sei die «Mutter Russlands», die «Wiege» der russischen Orthodoxie wie auch der weltlichen russischen Kultur.

Tatsache ist, dass Kijew im 12. Jahrhundert eine der reichsten und grössten Städte Europas war, wirtschaftlicher und geistlicher Mittelpunkt eines mächtigen, international vernetzten Vielfürstentums, das sich von den Steppen des südlichen Dneprgebiets über Minsk und Rjasan bis ins nördliche Nowgoroder Land erstreckte, weit genug, um den wichtigsten Handelsweg zwischen Ostsee und Schwarzem Meer unter Kontrolle zu haben – dies zu einer Zeit, da Moskau noch nicht einmal den Rang einer Stadt, geschweige denn eines eigenständigen Fürstenreichs besass: Die erste Erwähnung der heutigen russischen Metropole ist auf 1147 zu datieren und bezieht sich lediglich auf eine kleine private Burg, die in der Folge ausgebaut und so zur Urzelle des Moskauer Kremls wurde. Da Kijew unter dem «Tatarenjoch» schwer zu leiden hatte und schon um 1240 von den anstürmenden Nomaden in Schutt und Asche gelegt wurde, bot sich dem inzwischen erstarkten und von der Okkupation weniger betroffenen Moskowitischen Reich die Chance, sich als neues Zentrum des Russentums zu etablieren und das Erbe Kijews – vorab die Orthodoxie, aber auch Errungenschaften…

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den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»