Moral mit Haut und Haaren

Ökonomen wie Bürokraten, Analysten wie Redaktoren, Politiker wie Banker: Sie alle trachten nach grösstmöglichem Gewinn, ohne für allfällige Schäden zu haften. Leben wir in einer Gesellschaft von «Arschlöchern» (Taleb)? Wir finden, dass der folgende Essay wichtige Antworten liefert und Vorschläge bietet, um Risikoträger zu honorieren. Der anspruchsvolle Text sollte von allen Menschen gelesen werden, die von risikofreudigen Unternehmern profitieren. Also besonders von Ökonomen, Bürokraten, Analysten, Redaktoren, Politikern und Bankern.

Die Chancen, wohlüberlegt zu handeln, steigen deutlich, wenn wir uns mit unserem Nichtwissen auseinandersetzen. Daher ist es für unser persönliches und soziales Leben – von Gesundheits- und Sicherheitsmassnahmen bis zu Politik und Glücksspiel – von höchster Wichtigkeit, dass wir uns mit unserer Ignoranz befassen. Wie aber sollen wir in Anbetracht der ganzen Ungewissheit handeln, die verbleibt, nachdem wir uns unseres Nichtwissens bewusst geworden sind? Von entscheidender Bedeutung ist das Konzept des «Skin in the Game», des Riskierens der eigenen Haut – zumal in einer komplexen und undurchsichtigen Welt, in der die einen die anderen ständig in Ex-tremrisikosituationen mithineinziehen. Gerade in solch opaken Systemen voller Unvorhersagbarkeit haben die Leute heute jedoch Anreiz und Gelegenheit, ihre eigene Haut zu retten, anstatt sie aufs Spiel zu setzen: Zahllose Akteure profitieren heute von allfälligen positiven Entwicklungen, können sich aber im Falle einer negativen Entwicklung schadlos aus der Affäre ziehen.

Ein Beispiel: Ein Prognostiker, der «Skin in the Game» und also eigene Mittel im Einsatz hat, wird aufgeben oder bankrottgehen, wenn er sich als unfähig erweist. Ist er aber wie heute üblich von (finanziellen) Gefahren abgeschirmt, wird er im System verbleiben und weiter zur Anhäufung von Risiken beitragen. Aus diesem Grund ist keine Risikomanagementmethode denkbar, die «Skin in the Game» ersetzen könnte – jedenfalls nicht in Gefügen, wo zur Undurchsichtigkeit der Information noch die Asymmetrie des Wissens verschärfend hinzutritt. Dieses Prinzipal-Agent-Problem entsteht dann, wenn diejenigen, die von Handlungen unter Bedingungen von Ungewissheit im Erfolgsfall profitieren, nicht dieselben sind wie jene, die die Kosten derselben Handlung im Misserfolgsfall übernehmen. So erhalten Banker und Firmenmanager Boni für positive «Leistungen», müssen aber keine Reverse-Boni für negative «Leistungen» auszahlen. Das bietet ihnen einen Anreiz, Risiken – und speziell extreme Risiken – zu kaschieren.

In früheren Zeiten war man sich dieses Anreizes zum Verstecken von Extremrisiken voll bewusst, und folglich wurden einst sehr einfache, aber wirkungsvolle Heuristiken eingesetzt. Vor etwa 3800 Jahren schrieb der Codex Hammurabi vor, ein Baumeister müsse im Falle, dass ein von ihm gebautes Haus einstürzt und der Besitzer des Hauses dabei ums Leben kommt, selbst getötet werden – das ist die beste Risikomanagementregel aller Zeiten; in ihr finden sich die Ursprünge von Moralphilosophie und Risikomanagement konzentriert.1

Die Alten begriffen, dass ein Baumeister die Risiken prinzipiell besser kennt als der Kunde. Daher ist er in der Lage, Fragilitätsquellen zu verbergen und seine Gewinnspanne durch Pfusch zu erhöhen. Das Fundament ist der ideale Ort, derartige Dinge unter den Teppich zu kehren. Ausserdem kann der Baumeister den Bauprüfer zum Narren halten, da ja die Person, die Risiken verschleiert, einen bedeutenden Informationsvorsprung hat gegenüber derjenigen, die solche Risiken aufdecken muss. Dieselbe Abwesenheit persönlichen Risikos bringt Leute zudem dazu, Moralität nur vorzutäuschen, anstatt sie zu leben.

Hammurabis Gesetz ist übrigens nicht unbedingt buchstabengetreu umzusetzen: Schäden können finanziell kompensiert werden. Das Gesetz ist der Ursprung der Lex Talionis («Auge um Auge», siehe unten), welche, anders als man zunächst denken mag, keineswegs wörtlich gemeint ist. Der Mischnatraktat des babylonischen Talmuds etablierte den Konsens, dass «Auge um Auge» bildlich zu verstehen sei: Was nämlich, wenn der Verursacher einer Augenverletzung blind ist? Würden ihm alle Pflichten erlassen, da ihm doch die entsprechende Verletzung bereits zugefügt worden ist? Würde das nicht dazu führen, dass er ungestraft anderer Leute Augenlicht beschädigen könnte? Ganz ähnlich erlaubt die Interpretation des Korans der geschädigten Partei, die Strafe zu erlassen oder abzuändern.2 Dieser nichtwörtliche Aspekt des Gesetzes löst etliche Probleme der Asymmetrie unter Bedingungen der Arbeitsteilung, insofern der Anbieter einer Dienstleistung nicht unbedingt mit einer gleichartigen Schädigung zu rechnen hat, sondern mit einer solchen, die schmerzhaft genug ist, um abschreckend zu wirken.

Für die heutige Zeit sind folgende Grundprobleme –…