Monte Verità im Spiessermuff

Im Inflationsjahr 1923 hat der Verlagsbuchhändler Werner Ackermann genug von Berlin und zieht mit Freunden gen Süden, um die Sehnsucht nach einem freien, besseren Leben nicht zuschanden gehen zu lassen. Er landet dort, wo 1905 schon die vor dem Wilhelminismus geflohenen Naturapostel aus Schwabing gelandet waren, in Ascona. Zwei Jahre kann er sein unter Opfern und mit Finanztricks auf dem Monte Verità erworbenes Gelände halten; dann verkauft er es an den Bankier von der Heydt, der dort ein Luxushotel im Bauhausstil errichten lässt, wodurch die Siedlung der Künstler und Lebensreformer endgültig verschwindet.

1930 hat Werner Ackermann unter dem Pseudonym «Robert Landmann» eine Geschichte des Monte Verità als eines Berges der Schwärmer und Aussteiger verfasst und sich als letztes Glied einer auf den belgischen Industriellensohn Henri Oedenkoven zurückgehenden Idealistenkette geschildert.

Landmann verlässt sich mitunter aufs Hörensagen und kommt zu Urteilen, die seltsam anmuten. So ist der Kohlrabiapostel Gusto Gräser bei ihm ein arbeitsscheuer Querulant, der seinem Bruder das Leben sauer macht; Erich Mühsam, der über die Idealisten am Lago Maggiore boshafte, aber sympathiegetragene Aufzeichnungen hinterlassen hat, wird oft als Kronzeuge dafür beigezogen, dass es sich um Spinner handelt; und die Notizen über Franziska zu Reventlows Lebenswandel wirken scheeläugig – man ahnt, dass Neid Landmanns Informanten böse Bemerkungen über die Gräfin machen liess.

Nicht nur inhaltlich ist das Buch problematisch. Auch sein Aufbau ermüdet. Der Autor reiht unablässig Neuansätze aneinander und seine Erzählung der Konflikte in der Gründer- und jeder nachfolgenden Generation von Bergbewohnern ist oft redundant, wobei sein Faible für biedere Figuren wie Oedenkoven, der ständig Familienvermögen in das Unternehmen schiesst, und seine Abneigung gegen vollbärtige Künstler zu vorhersehbaren Wertungsstereotypien führen. Anderseits kultiviert Landmann mitunter einen Spott, der durchaus Reiz hat. Wenn Oedenkovens Eltern – Grossbürger aus Antwerpen – den aus der Art geschlagenen Sohn besuchen, heisst es von der Mutter: «Allerdings war ihr, solange sie sich auf offener Strasse befanden, die auffällige Kleidung unangenehmer als die freie Liebe. Der Anblick von Henris lang herabhängenden Haaren schnitt ihr tief ins gesellschaftlich genormte Herz.»

Solch elegante Sottisen bleiben aber die Ausnahme, und gerade im zweiten Teil des Buchs verzettelt Landmann sich in der Beschreibung defekter Wasserleitungen. Der Inflationsflüchtling war weniger Künstlernatur als Stadtverweigerer und hätte sich im bürgerlichen Sommerfrische-idyll vermutlich wohler gefühlt als unter Lebensreformern radikalerer Couleur. Daher gerät ihm die Schilderung des Monte Verità zur Desillusionsfabel. Mit jeder Generation dünnt der utopische Impetus am Berg mehr aus. So liest sich seine Darstellung als Verfallsgeschichte eines romantisch-unbedingten Aufbruchs. Man könnte aber auch sagen: sie dünstet ein nicht unerhebliches Quantum Spiessermuff aus.

Leider wird bei der Neuauflage nicht klar, wer wann für welche Fortschreibung und Ergänzung verantwortlich ist. Der Hinweis, es handle sich um eine «von Ursula von Wiese überarbeitete und ergänzte Ausgabe» «mit einem Nachwort von Martin Dreyfus», jedenfalls genügt nicht, da weder die Überarbeitungen noch das Nachwort kenntlich werden, also undeutlich bleibt, wo man Landmann, wo andere liest. Der Verlag würde sich Verdienste um die Monte-Verità-Forschung erwerben, wenn er den Text philologisch aufbereiten würde. Noch verdienstvoller aber wäre der Neudruck des legendären Katalogs der von Harald Szeemann 1978 kuratierten Ausstellung «Monte Verità. Berg der Wahrheit. Lokale Anthropologie als Beitrag zur Wiederentdeckung einer neuzeitlichen sakralen Topographie».

vorgestellt von Andreas Heckmann, Schriftsteller, München

Robert Landmann: «Ascona – Monte Verità. Auf der Suche nach dem Paradies». 2. Aufl. [erstmals 1930]. Frauenfeld: Huber, 2009

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