Monologe des Betagten

Christoph Simon hat sich mit seinem neuen Roman, obschon nicht ganz neu, so doch ziemlich neu erfunden. Vor allem aber hat er (nach Franz Obrist) einen neuen, wunderbaren Helden geschaffen. Der 87jährige Lukas Zbinden war einst ein passionierter Spaziergänger, melancholischer Witwer, gutgelaunter Betagtenheimgenosse, ehemaliger aufmüpfiger Lehrer und schon viel zu lange unversöhnter Vater. Die mitunter durchaus forsche Landspaziergängerin Emilie war die Liebe seines Lebens. Mit ihr unterhält er sich in Gedanken noch immer, ihr schreibt er, von ihr erzählt er.

Zbinden bekommt den Zivildiener-Frischling Kâzim in die Hände, bittet diesen um Begleitung nach draussen und führt ihn so gleich ordentlich ein in sein persönliches Leben und in das des Betagtenheims. Bei der Vorstellung des Heims ist Lukas Zbinden zuversichtlich: «Sie werden bestimmt bald alle in Ihr Herz schliessen: die ehrbaren Damen und exzentrischen Herren, die gesprächigen Witwen und die schweigsamen Junggesellen, die routinierten Gehbockbenützer, schlurfenden Stubenhocker mit dörrfleischigen Gesichtern. Die Verwirrten, deren Gedanken durcheinanderrollen wie Erbsen auf einem Teller. Die medizinisch Betreuten mit einem Cocktail in den Adern, bei dem Blut eine nebensächliche Zutat ist.» Ein geübter Redner fürwahr!

Vor allem anderen fliesst Zbindens Energie jedoch in die Definitionen des Spazierens, denn darüber reden, das kann er ja noch. Das verhält sich im übrigen auch mit der Liebe so. An sich ein trauriger Sachverhalt, aber mit beherzten Erklärungen über den Wert des Spazierens und einer harmonischen Beziehung tröstet Zbinden sich und die Lesenden darüber hinweg und versucht – Jahrzehnte nach seiner Pensionierung – Kâzim ein guter Lehrer und vielleicht auch Vater zu sein. Zbinden stellt unverblümt Fragen und hat sich offenbar mittlerweile zu vielen von ihnen eine patente Antwort zurechtgelegt. So hat er für sich erkannt, dass das grösste Problem unseres Lebens die «Dumpfheit» sei. Über die Schule doziert der Lehrer a.D. so: «In der Schule geht es nicht ums Rechnen und Rechtschreiben, es geht darum, dass man lernt, mit seinen Mitmenschen klarzukommen. Sehr schade, dass in vierzig Jahren das niemand begriffen hat.» Nur gut, dass Zbinden auch die Grösse hat, sich einzugestehen, dass er selbst auch sein Leben lang gebraucht hat, um zu begreifen, dass sich sein Sohn Markus eben für andere Dinge als Rechnen und Rechtschreiben interessiert, dass seine Talente anderer Natur sind.

Es geht also in diesem Roman um grosse Themen: um die Liebe des Lebens, um Vater-Sohn-Konflikte, Schuldgefühle, um Versöhnung und um die Leidenschaft, die einen aufrecht erhält. Das Spazieren, so will es die Leidenschaft, wird offensiv, unermüdlich und überschwenglich propagiert, die anderen Themen werden subtil eingeflochten in den Text. Dass das Ganze nie schwer, langatmig und moralisch belehrend wird, dafür sorgen nicht nur spannungsgeladene Altenheim-Action-Einlagen (Fahrstuhlbefreiung!), die hinreissend naive Enkelin Angela (die Fachfrau für Party-Catering und nicht Lehrerin werden will) sowie die zahlreichen stets für Unterhaltung sorgenden anderen Nebenfiguren (vertrocknete Menschenfeinde, dauergrantelnde Irre), sondern auch die sprachliche Konzeption des Textes.

(P.S.: Wem diese Besprechung nicht gefällt, dem sei eine Weisheit Zbindens mitgegeben; denn vieles, was für das Spazieren spricht, trifft auch auf das Lesen zu: «Ich will Ihnen etwas sagen, da es mein Sohn nicht hören will: die Kunst, sich auf Spaziergängen nicht zu langweilen, besteht darin, den gleichen Gegenstand wie gestern zu betrachten, sich aber etwas anderes dabei zu denken.»)

vorgestellt von Markus Köhle, Sprachinstallateur, Wien

Christoph Simon: «Spaziergänger Zbinden». Zürich: Bilger, 2010

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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