Monika Mann (1/2) Das Gerümpel von Capri

Monika Manns Begegnung mit U. Angeregt durch das Buch «Monika Mann. Eine Biografie», meldete sich im Herbst letzten Jahres bei Karin Andert, der Autorin dieses Buches, einer der letzten Zeitzeugen, der Monika Mann noch persönlich gekannt hat. U., der anonym bleiben möchte, hatte die mittlere Tochter Thomas Manns im April 1986 auf Capri erstmals getroffen. Vier Monate später begleitete er sie von ihrem Aufenthalt in den Dolomiten nach Kilchberg.

Ein Verehrer Thomas Manns, nennen wir ihn U., entdeckte im Laufe des Jahres 1985 in einem Münchner Antiquariat zufällig Monika Manns 1956 erschienenes Buch «Vergangenes und Gegenwärtiges. Erinnerungen». Bislang hatte er über sie nur die abfälligen Bemerkungen in den Tagebüchern ihres Vaters gelesen, ihre feuilletonistischen Beiträge kannte er nicht. Die Qualität des Buches überraschte ihn, es gefiel ihm sogar ausgesprochen gut. Von seinen regelmässigen Reisen nach Capri wusste er, dass die Autorin dort lebte, und er nahm sich vor, das Buch während seines nächsten Aufenthalts im April 1986 signieren zu lassen.

Am Ort angekommen, dachte er nicht an eine persönliche Begegnung, dafür war er zu diskret; er wollte Monika Mann eine Nachricht hinterlassen, fand jedoch am Eingang der Villa keinen Briefkasten. Zufällig begegnete ihm ein Freund des Hauses, der ihn ohne Umschweife in den ersten Stock führte, wo die Schriftstellerin seit mehr als dreissig Jahren in einer kleinen Wohnung lebte. Sie empfing den fremden Mann sehr freundlich; er war fast dreissig Jahre jünger als sie und hätte ihr Sohn sein können. Man kam gleich ins Gespräch, über die Werke des Vaters, über Kindheit und Jugend in München. Am Ende lud sie den Fremden ein: «Besuchen Sie mich in Kilchberg.» U. notierte sich die Adresse, Monika Mann fragte nach seiner Pension auf Capri.

Zwei Tage später erreichte U. die telefonische Einladung zu einem Abendessen bei Monika Mann. Dieses Mal schaute er genauer hin, sah Photographien von Klaus, Thomas, Katia und Michael Mann, ein Aquarell von Kokoschka, Bücherregale. Ein Schild an einem kleinen Sideboard mit den Werken Monika Manns fiel ihm ins Auge: «non toccare» (nicht berühren). Das Gespräch war angeregt, der Raum gemütlich, ein grosses Sofa mit vielen Kissen, das Essen wurde in der Küche eingenommen. Alles war sauber und ordentlich, wenn auch einfach.

Vor U.s Abreise trafen die beiden noch einmal zusammen, U. begleitete Monika Mann zum Grab Antonio Spadaros, ihres langjährigen Lebensgefährten, der im Dezember 1985 an einem Herzversagen gestorben war. Aus diesem Grund musste sie die Wohnung räumen; das Haus gehörte einem Neffen Antonios, Monika Mann wusste das seit langem. Deshalb hatte sie sich, sehr zum Unwillen ihres Bruders Golo, ihren Erbanteil am Elternhaus nach dem Tod ihrer Mutter im April 1980 nicht auszahlen lassen. Auch wenn sie wusste, dass es nicht funktionieren würde, bewahrte sie sich doch die Hoffnung, dort einen letzten Zufluchtsort zu haben. Sie erzählte U., dass der Haushalt bald aufgelöst würde, eine Transportfirma sei bereits beauftragt, alles einzupacken und nach Kilchberg zu bringen. Am Ende ihrer Begegnung schenkte sie U. einige Kleidungsstücke Antonios. Ein Zeichen ihres Vertrauens, aber auch ihrer Sparsamkeit, die sich trotz ihrem Vermögen in solchen Momenten äusserte.

Vier Monate später, Anfang August 1986, erhielt U. einen Brief von Monika Mann aus dem Schlosshotel Mirabell in Seis. Darin fragte sie unverblümt: «Wären Sie geneigt, ‹Kumpan› zu spielen in meinem Kilchberg-Haus (Vaterhaus) auf eine Probierzeit?» Sie fürchtete sich vor dem Alleinsein im Elternhaus und brauchte einen Menschen, der sich ständig um sie kümmerte, der sie im täglichen Allerlei, auf Spaziergängen oder ins Konzert oder Theater begleiten würde. Von ihrem Bruder hatte sie nichts zu erwarten, das war ihr bewusst. Er wollte sie nicht, sei auf «Isolierung» eingestellt. Selbstverständlich, so schrieb sie weiter in dem Brief, würde sie ein Honorar zahlen. Monika Mann betonte die gegenseitige Distanz und Unabhängigkeit, wünschte sich ein gegenseitiges Verstehen.

Das klang zwar etwas unheimlich, doch auch verlockend, U. antwortete und kündigte seinen Besuch für Ende September an, zwei Wochen würde er Urlaub nehmen, um die Lage zu testen. Ihre Antwort kam umgehend: «Gut, daß Sie (ein Mensch) hören ließen. Wie sehr ich’s brauche!!» Zwei Telegramme mit der…

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