Modellpflege im Reich der Zeitungen

Medienkritik II Die schweizerischen Leitmedien im Printbereich haben sich im fiebrigen Herbst 2009 zeitgleich erneuert. Es ging vor allem um Kosmetik und Design. Was aber ist mit den Inhalten?

Was war das für ein Zeitungsherbst! «NZZ», «Tages-Anzeiger», «Blick», um nur drei Leitmedien zu nennen, haben sich neueingekleidet. Wollen auf sich aufmerksam, von sich reden machen. Wollen sie auch gelesen werden?

Die Häufung der «Zeitungsrelaunches» (neudeutsch für Neugestaltung) wirft Fragen auf. Ist dieser kollektive Garderobenwechsel im Herbst 2009 zufällig? Gibt es gemeinsame Trends? Und worin bestünden sie? Welches sind die Absichten, welches die Motive? Auch andere Schweizer Tageszeitungen haben sich ja in jüngster Zeit erneuert oder sind daran, sich ein neues Erscheinungsbild zu geben – und zwar in immer kürzeren Abständen. Der Autor dieser Zeilen hatte innerhalb von 15 Jahren bei seiner Zeitung (dem «St. Galler Tagblatt») drei Relaunches zu verantworten. Seine kritischen Bemerkungen schliessen deshalb stillschweigend immer auch ein Stück Selbstkritik mit ein.

Welches sind denn nun die Motive dieses anscheinend ansteckenden Erneuerungsfiebers? Ist es angesichts schrumpfender Leser-, Abonnentenzahlen und Erträge eine Flucht nach vorne mit dem Blick auf neue Märkte und Publikumssegmente? Haben vielleicht die Leser ultimativ nach anderen Zeitungen verlangt? Oder handelt es sich gar um Angsttriebe im vom Waldsterben bedrohten Blätterforst?

Das führt uns zur grundsätzlicheren Frage: Wie steht es eigentlich um die Qualität der Blätter, die sich da erneuern?

Wir wollen hier keine detaillierte Blattkritik der neueingekleideten Titel, keine systematische Musterung ihrer Materialien, Schnitte und Farben betreiben. Wenn man etwas über die Hintergründe der Erneuerungswelle erfahren will, ist für einmal ein Blick auf die Reaktion der Medien selbst aufschluss- und lehrreich. Die Zeitungen haben zwar jeweils postwendend auf die erste renovierte Ausgabe eines Konkurrenzblattes reagiert. Die journalistisch ambitionierteren aufgrund eigener Anschauung und Beurteilung, andere unter Zuhilfenahme von Agenturmeldungen, die ihrerseits hauptsächlich den Selbsterklärungen und -anpreisungen der jeweiligen Chefredaktionen folgten. Da man sich aber anhand einer einzigen Ausgabe kein verlässliches Bild von journalistischen und redaktionellen Konzeptänderungen machen kann, konzentrierte sich die Beurteilung auf Gestaltungsfragen, auf Typographie, Layout, Bundeinteilung – das war, mit einem deutlichen Schwergewicht auf der jeweiligen Titelseite, das Hauptthema der Berichterstattung. Und damit war dann auch schon Schluss.

Eine kritische Analyse der Inhalte, der journalistischen Konzepte fand kaum statt, weder in diesen Sofortreaktionen noch später. Die Presse, der «Bannwald der Demokratie», hat heute anscheinend nur noch Designprobleme.

Die Information über substanzielle Neuerungen in den Medien fand also statt. Rasch – und oberflächlich. Dergestalt wurde ein platter Informationsauftrag erfüllt, aber keine Grundlage für – beispielsweise – eine öffentliche Auseinandersetzung über Wandel, Chancen und Gefährdungen der Presse gelegt. Ein Beitrag zur Meinungsbildung, wie ihn gerade die Zeitungen selbst als ihr Kerngeschäft betrachten, wurde nicht geleistet. Der Marktplatz der Meinungen blieb seltsam leer. Leider ist das kein zufälliger Befund, der die Situation in ein ungerechtfertigt schlechtes Licht rückte. Sondern ein symptomatischer.

Dass auch die Presse im Zeitalter der real-time-Information rascher reagiert, dagegen ist ja nichts einzuwenden. Den Schlendrian früherer Zeiten wollen wir nicht verklären. Aber gerade die Zeitungen dürften es nicht bei der atemlosen Benachrichtigung bewenden lassen. Man kann nämlich auch zu schnell reagieren. Jedenfalls dann, wenn man glaubt, mit der Teilnahme an der Sportart «News-Sprint» seine Pflicht bereits erfüllt zu haben. Wenn man sich nicht die Zeit für etwas zugesteht, wofür den schnelleren Medien ebendiese Zeit und die Kompetenz fehlen: fürs Nachdenken, für die vertiefte, einordnende Analyse des Vermeldeten.

Denn es rauschen heute nicht zuwenige, sondern viel zuviele Bilder und erratische facts & figures am Medienkonsumenten vorbei, von denen wenig und meist nicht das Relevante hängenbleibt. Wenn Zeitungen in diesem Wettbewerb der beziehungslosen Faktenanhäufung mittun, verraten sie ihre eigentliche Aufgabe – und den Wettlauf der medial aufgeschäumten Aktualität verlieren sie trotzdem.

Die Zeitungen sollten sich mit Vorteil an Hertha Sturms kommunikationswissenschaftlich nachgewiesene «fehlende Halbsekunde» des Fernsehens erinnern, die dem Hirn des Zuschauers das Nachdenken systematisch…

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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