Mitten ins Denken

Allgemeinbildung, Gymnasium und Latein: ein Plädoyer für mehr klassisch-kritischen Geist.

In allgemeinen Worten von Allgemeinbildung zu reden, hat keinen Sinn. Wer sie hört, wird zwar einverstanden sein, aber ohne zu wissen, womit genau, und ohne die gebotenen Folgen dieses Einverständnisses zu kennen. Ich zeige an einem Beispiel, was unter Allgemeinbildung zu verstehen ist, einem Matura-Aufsatz, den ich vor Jahren las und dessen Grundgedanken sich mir eingeprägt haben.

Eine Deutschlehrerin stellte ihren Maturanden unter vier Prüfungsthemen einen Satz aus dem Film «Judgment at Nuremberg» (1961) zur Wahl. Dieser Filmklassiker von Stanley Kramer schildert an verschiedenen Schicksalen und Typen die juristischen, menschlichen und philosophischen Schwierigkeiten, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in der Auseinandersetzung mit dem deutschen Verbrecherstaat zu bewältigen waren; er zeichnet den Prozess nach, der 1947 in Nürnberg nationalsozialistischen Juristen gemacht wurde.

Macht vor Gerechtigkeit
Unter dem Vorsitz von Richter Dan Haywood (gespielt von Spencer Tracy) verurteilt das Gericht die vier Angeklagten zu lebenslänglichem Zuchthaus. Bevor Haywood in die Heimat aufbricht, sucht ihn der unterlegene Verteidiger Hans Rolfe (Maximilian Schell) noch einmal auf und bietet ihm die Wette an, dass in fünf Jahren alle Verurteilten frei seien. Haywood hält diese Annahme mit Blick auf die politische Lage für logisch – er weiss, dass im beginnenden Kalten Krieg Amerika auf Deutschlands Unterstützung angewiesen ist und dass es politisch falsch scheint, deutsche Bürger harten Strafen zu unterwerfen. Politik und Macht bedrohen die Gerechtigkeit. Der siegessicheren und im Kern zynischen Logik Rolfes entgegnet der Richter mit dem Satz: «But to be logical is not to be right, and nothing on God’s earth could ever make it right!» Ihn sollten die Prüflinge besprechen.

Eine Maturandin erkannte, dass in diesem Satz eigentlich der Kampf zwischen positivem Recht und Naturrecht gefochten wird. Diesem Kampf widmete sie ihre Gedanken, erklärte Namen und Begriff des Rechtspositivismus mit Herleitung aus dem lateinischen «ponere» (setzen) und nannte als Prinzip des Naturrechts die «regula aurea», die Goldene Regel, und zwar in der Form des Sprichworts «Was du nicht willst, dass man dir tu, das füg auch keinem andern zu». Mit ihrem Aufsatz bewies die Schülerin, dass sie während ihrer Zeit am Gymnasium eine Welt grundlegender Gedanken aufgenommen hatte und fähig war, an ihnen mündig und selbständig weiterzudenken. Die Lehrerin nun, die in dieser Welt nicht auch zu Hause ist, und zwar noch tiefer und bewusster als die Schülerin, hat ein Problem: sie kann diese Gedanken nicht beurteilen und versagt in ihrem Beruf. Allgemeinbildung sichert das gemeinsame Fundament. Sie ist die Gegend, in der wir uns treffen, wenn wir über die menschlichen Grundfragen reden. Sie verbindet die Schulfächer zu einem Ganzen und ist Voraussetzung für jedes Studium. In dieser Gegend stehen für Europäer auf besonders stolzen Hügeln die Städte Jerusalem, Athen und Rom. Das Gymnasium lehrt die Topographie dieser Gegend, und zwar so, dass Zusammenhänge spürbar und mit den Begriffen auch die Menschen lebendig werden, die mit ihnen umgingen. Was jedoch trägt das Fach Latein im besonderen bei?

Subkultur Latein
Jedes lateinische Wort und jeder Satz führt, oft schön und unterhaltsam, mitten ins Denken. Das lateinische Adjektiv «positivus» bedeutet «gesetzt», und der Rechtspositivismus ist die Haltung dessen, der das von Menschen gesetzte Recht anerkennt und nicht in Frage stellt. Neben diesen Setzungen, äusseren Gewissheiten, denen ich mich beuge, gibt es das Gewissen, eine innere Gewissheit, die mich Sätze wie die Goldene Regel unmittelbar als gerecht verstehen lässt. Der Römer Seneca nennt sie in dieser Form: «Ab alio exspectes, alteri quod feceris!» (Erwarte vom anderen das, was du ihm getan hast!) und fügt bei, dass Sätze wie dieser uns wie mit einem Schlag treffen und niemand nach ihrer Begründung fragen darf. In der Bibel lautet die Regel so: «Liebe deinen Nächsten…

«Ein Sprudelbad fürs Hirn!»
Monique Bär, Philanthropin und Gründerin der Arcas Foundation,
 über den «Schweizer Monat»