Mit der Zuckerdose wider das Schlechte

Zu den musealen Juwelen in Winterthur gehört die Villa Flora. Sie beherbergt eine hochkarätige Kunstsammlung, die das Ehepaar Hedy und Arthur Hahnloser in den ersten Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts aufgebaut hat und die ausgezeichnete Werke des ausgehenden 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts umfasst, namentlich auch solche des französischen Nachimpressionismus. Zusammen mit Kontext und Ambiente, eben der Villa Flora, ihren Interieurs und ihren Gartenanlagen, bilden diese Werke ein Gesamtkunstwerk.

«Die Seele einer Zuckerdose» ist der Katalog zu einer bis September 2009 zu sehenden Ausstellung über Stillleben. Es geht um Blumen und Früchte, um Tassen und Zuckerdosen, angeblich leblose Gegenstände, die jedoch alle eine Seele haben, glaubt man Cézanne. Dem Betrachter dieses Buches fällt dies nicht schwer. Denn dessen Auslegeordnung von Stillebenrequisiten führt mitten in die Magie einer farbig beseelten, symbolisch aufgeladenen Dingwelt. Eine sensible Deutung dieser Wirkung gibt Angelika Affentranger-Kirchrath, die als Herausgeberin zeichnet, in einem längeren Essay. Henriette Hahnloser, Urenkelin des Gründerpaars, beschreibt sodann den Zauber der Villa Flora, den auch viele Fotos evozieren. Ihre stupende Unverändertheit ist nicht Erstarrung, sondern widerstandskräftige Leistung und Bewahrung des Kostbaren. Nie wendet sich die gelungene Musealisierung spätbürgerlicher Kultur ja gegen das Neue, sondern immer nur gegen das Schlechte und das Seelenlose.

vorgestellt von Thomas Sprecher, Zürich

Angelika Affentranger-Kirchrath (Hrsg.): «Die Seele einer Zuckerdose, Stillleben und Interieurs in der Villa Flora». Bern: Benteli, 2008

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