Mit den Füssen abstimmen

Die grossen asiatischen Räume und Reiche unterscheiden sich so tiefgehend voneinander wie Europa, Afrika und der Mittlere Osten zusammen. Entsprechend vielfältig ist auch, wie die einzelnen Zivilisationen in der jahrtausendealten Geschichte mit Immigration, Auswanderung und Integration umgegangen sind. Die unterschiedlichen Erfahrungen spiegeln sich heute in der Einwanderungs- und Bevölkerungspolitik der modernen asiatischen Nationalstaaten wider.

Mit den Füssen abstimmen
Bild: Hanspeter Schiess

Bild: Hanspeter Schiess

Japan als Inselnation hat zwar eine Bevölkerung, die aus einem sehr breiten Gemisch von Zuwanderern besteht, gibt sich aber spätestens seit der nationalstaatlichen Selbstfindung während der Meiji Restauration im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts als eine ausserordentlich kohäsive Nation. In der Tat gibt es keine wirklichen Minderheiten, obschon natürlich, wer sich die Gesichter der Japaner etwas näher ansieht, leicht erkennt, dass sich die Ursprünge der Japaner von Zentralasien über China und Korea bis in die philippinische und pazifische Inselwelt erstrecken.

China wiederum hat in seiner reichen Geschichte sich stets als eine starke ethnisch-kulturelle Einheit gesehen. Zwar anerkennt die heutige Verfassung der Volksrepublik China Dutzende von nationalen Minderheiten, doch handelt es sich in der Regel um kleine oder sehr kleine Volksgruppen, derweil über neunzig Prozent der chinesischen Bevölkerung der Gemeinschaft der Han angehören. Zu berücksichtigen ist auch, dass vor allem unter dem Einfluss des Konfuzianismus, der keine Religion, sondern eine Ethik und Weisheitslehre ist, traditionell der Grossfamilie, dem Clan eine zentrale Rolle in der sozialen Orientierung der Chinesen zukommt. Man identifiziert sich über die Familie, die Ahnen und nicht über eine grössere Gemeinschaft. Dies hat unter anderem auch dazu geführt, dass in Südostasien, wo die Überseechinesen traditionell die bedeutendste und auch wirtschaftlich potenteste Zuwanderungsgemeinschaft stellen, sie mit viel Misstrauen über ihre wahren Loyalitäten, ja zuweilen gar mit Pogromen zu rechnen hatten.

Indien, das der bedeutende Kulturhistoriker Nirad Chaudhuri als den «Kontinent der Circe» bezeichnet hat, ist im Laufe seiner langen Geschichte immer wieder von auswärtigen Mächten und Völkern überfallen und invadiert worden. Wir denken an die arischen Zuwanderer, an die ursprünglich aus Zentralasien stammende Mogulherrschaft und zuletzt an die Briten. Als Folge einer bewegten Geschichte ist die heutige Indische Union viel vielgestaltiger als die Volksrepublik China. Man denke allein schon an die sprachliche Vielfalt und die Tatsache, dass letztlich die Sprache der letzten Kolonialmacht, das Englische, auch im unabhängigen Indien seine Stellung als wichtigste Verkehrssprache des Riesenlandes behalten hat.

In erster Linie haben natürlich Demographie und Einwanderung viel miteinander zu tun. Blicken wir auf die drei Hauptkulturen Asiens, Indien, China und Japan, so erkennen wir drei verschiedene demographische Entwicklungen. Seit 1979 gilt in China die sogenannte Ein-Kind-Politik. Sie zeitigt weitreichende Wirkungen,  vor allem eine ungesunde Entwicklung der Bevölkerungspyramide und einen substanziellen Männerüberschuss.  Die Befürworter einer Fortsetzung dieser Politik scheinen nach wie vor Oberwasser zu haben, indem sie argumentieren, dass ohne Ein-Kind-Politik die chinesische Bevölkerung kräftig wachsen würde, mit weitreichenden Konsequenzen für die Umwelt und die Gesellschaft.

Indiens Bevölkerung wächst demgegenüber weiterhin und es lässt sich absehen, dass in einer nicht allzu fernen Zukunft Indien China als das bevölkerungsstärkste Land der Erde ablösen wird. Ohne Zweifel ist das starke Bevölkerungswachstum für Indien ein Problem, anderseits sind viele Demographen der Meinung, dass der indische Weg, der auf eine freiwillige Beschränkung der Familiengrösse setzt, längerfristig erfolgversprechender ist. Immerhin zeigt sich in Indien, dass höhere Alphabetisierungsraten bei Frauen, geringere Kindersterblichkeit und eine gute allgemeine Gesundheitsversorgung dem Bevölkerungswachstum einen kräftigen Dämpfer aufsetzen können.

Zweifellos die gravierendsten demographischen Probleme hat Japan. Im wahrsten Sinne des Wortes stirbt das Land aus. Steigende Lebenserwartung und eingebrochene Geburtenzahlen sorgen für eine  rasante Überalterung der japanischen Gesellschaft. Die Bevölkerungspyramide ist katastrophal und gibt für die kommenden Jahre zu den schlimmsten Befürchtungen Anlass. Vor allem die ländlichen Präfekturen entvölkern sich in alarmierendem Masse. Heute  liegt das Durchschnittsalter der japanischen Bauern bereits bei über sechzig Jahren. Japan gleicht, was die demographische Entwicklung betrifft, den westeuropäischen Staaten, hat aber im Gegensatz zu diesen nicht den korrigierenden Einfluss von Zuwanderern. Ungeachtet einer prekären Bevölkerungspyramide will Tokyo keine Zuwanderung aus dem Ausland. Gemäss Statistiken sollen zwei Prozent der japanischen Gesamtbevölkerung Ausländer sein, wovon drei Viertel allerdings nach in der Schweiz massgeblichen Kriterien nicht als Ausländer kategorisiert würden.

Blicken wir also auf die drei grossen asiatischen Zivilisationen, so sehen wir, dass demographische Veränderungen von sehr unterschiedlicher Bedeutung sind. Im Falle Chinas haben wir es ausschliesslich mit Binnenwanderungsbewegungen zu tun. Die rasante wirtschaftliche Entwicklung der vergangenen drei Jahrzehnte hat zu erheblicher Landflucht und Urbanisierung geführt. Da die Industrialisierung sich zunächst auf einige Regionen beschränkte, erfolgte die Zuwanderung sehr punktuell. Die Menschen zogen aus dem Landesinnern und den rückständigen Gegenden in die Küstenregionen sowie in die Grossagglomerationen Schanghai-Hangzhou, Guangzhou-Shenzen und Beijing- Tientsin. Ein substanzieller Teil der Migration besteht aus den sogenannten «Wanderarbeitern». Diese besitzen keine permanente Niederlassungsberechtigung für ihren Arbeitsort, sondern dürfen dort nur temporär und in der Regel ohne Familienanhang leben. Da sie keine unbegrenzten Arbeitsverträge besitzen und meist in einem informellen Arbeitsverhältnis stehen, bilden sie aus makroökonomischer Sicht willkommene Arbeitskontingente, die auf die vorhandene Arbeitsmarktlage sehr flexibel reagieren. Natürlich sind damit auch zahlreiche Härten verbunden, die das Potenzial sozialer Unrast beinhalten. Wir denken an die Reperkussionen von Arbeitslosigkeit für die vom Einkommen von Wanderarbeitern abhängige ländliche Bevölkerung, wir denken aber auch an die eklatante Benachteiligung der Wanderarbeiter bei der Verfügbarkeit von kommunalen Dienstleistungen. So sind etwa die Kinder von Wanderarbeitern vom Besuch gebührenfreier Staatsschulen ausgeschlossen.

Indien, das bei seinen sozio-ökonomischen Strukturen eine ähnliche Modernisierungsphase durchläuft wie China hat als erstrangige demographische Herausforderung ebenfalls die Landflucht. Lange Zeit war die Abwanderung auf die vier grossen Metropolen Kolkatta, Chennai, Delhi und Mumbai konzentriert, doch inzwischen erweisen sich auch zweit- und drittrangige Provinzstädte als Migrations-Magneten. Natürlich hatte der Indische Subkontinent bei der Teilung nach dem Abzug der Briten im Jahre1947 die grossen Wirren und eine gigantische humanitäre Katastrophe erlebt. Aus der «Partition» gingen zwei unabhängige Nationalstaaten hervor, die einem weltlichen Staatsverständnis verpflichtete Indische Union und der islamische Staat Pakistan. In der Folge sollte sich die Religion indessen nicht als dauerhafte Bindung erweisen und 1971 erfolgte mit kräftiger indischer Geburtshilfe die Sezession des ehemaligen Ost-Pakistan als neue Heimat der Bengalen, Bangladesch. Dieses sollte sich für die Indische Union als Zuwanderungsland herausstellen und zwar in solchem Ausmasse, dass Delhi die einst «grüne Grenze» mit einem Drahtverhau versehen liess. Weiterhin eine poröse Grenze besteht zwischen Nepal und Indien, während selbstverständlich die Grenze zum Rivalen Pakistan hermetisch verschlossen ist. Wichtig ist, dass die externe Zuwanderung nach Indien, sei sie nun während der «Partition» oder später erfolgt, in der Mehrheit Menschen umfasst hat, die ethnisch mit einheimischen Bevölkerungsgruppen verwandt sind.

Kommen wir auf Japan zurück, dessen demographischen Nöte wie auch dessen sozio-ökonomischer Entwicklungsstand das Land eigentlich zu einer klassischen Einwanderungsdestination machen müssten. Wir haben erwähnt, dass die Japaner einerseits aufgrund der Jahrtausende zurückliegenden Immigrationswellen eine vielfältige ethnische Durchmischung aufweisen, dass sie aber anderseits in ihrer heutigen Inkarnation als Staatsvolk eine bemerkens- und aus mancher Sicht beneidenswerte Kohäsion aufweisen. Auf dieser Kohäsion beruht ein in dieser Form einzigartiger Gesellschaftsvertrag. Dazu gehört unter anderem auch eine Sozialordnung, die frei ist von Kastenvorurteilen, die nicht nur Indien, sondern, in verschleierter Form, auch Europa plagen. Sichtbar ist dies natürlich vor allem im Dienstleistungssektor. Obschon Japan wie Westeuropa eine hochentwickelte Industriegesellschaft ist, werden hier noch praktisch alle Dienstleistungsfunktionen von Einheimischen ausgeübt, auch wenn es sich um sehr einfache und sozial gering geschätzte Verrichtungen handelt. Ganz offensichtlich herrscht in Japan der alle politischen Parteien und auch die Sozialpartner übergreifende Konsens, dass man sich nicht zu einer Helotengesellschaft entwickeln will, die abhängig wird von der Zufuhr von ausländischen Arbeitskräften, die zudem häufig einer anderen Religion oder Ethnie und, im Falle Japans, einem ganz anderen Gesellschaftsvertrag entstammen. Es ist vorhersehbar, dass Japan bei Knappheit gezielt Arbeitskräfte aus dem Ausland holen wird und dass es diesen den Status gewährend wird, den einst die saisonalen Gastarbeiter in der Schweiz oder in Deutschland gehabt hatten.

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Francis Cheneval, Professor für politische Philosophie,
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