Mises für Millionen

Eine Entgegnung auf die Kritik an Ayn Rands Roman «Atlas Shrugged»

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Michael Wiedersteins Kritik von Ayn Rands monumentalem Roman «Atlas Shrugged»1 arbeitet sich an zwei Befunden ab: (a) Das Buch war und ist immer noch ein Verkaufserfolg und ein Leseerlebnis, das viele Menschen fasziniert. (b) Es ist, gemessen an den zeitgenössischen Standards erzählerischer Prosa der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, ein kaum mittelmässiges Machwerk, das seine Botschaft ohne literarisches Raffinement herausdröhnt. – Wie passen beide Befunde zusammen? Wiedersteins Antwort: «‹Atlas Shrugged› hat […] eine grosse ideologische Lobby, keine qualitative.» Der Roman ist seiner Einschätzung nach ein Stück «Gesinnungsliteratur», in dem ein schöner Stoff miserabel umgesetzt wird.

Man muss kein Randianer sein, um diese Kritik Wiedersteins ungeachtet ihrer richtigen Ingredienzen für ungerecht zu halten. Denn in ihr wird eine wichtige inhaltliche Eigenart des Romans nicht gewürdigt, eine Eigenart, ohne die seine formal-ästhetische Beurteilung eine zu schmale Basis hat. Die folgenden Überlegungen werben für eine weitherzigere Perspektive.

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Die umfassende Würdigung literarischer Werke ist ein heikles Geschäft. Es kann durch Unkenntnis über den Autor und seinen real- wie literarhistorischen Kontext verdorben werden. Eine solche Uninformiertheit ist Wiederstein nicht vorzuwerfen. So weiss er um die biographisch gut belegte Empathielosigkeit Rands im persönlichen Umgang, und ihm ist bekannt, dass ihr selbstgestrickter Versuch einer moralphilosophischen Rehabilitierung des Egoismus (ihr sogenannter Objektivismus) in der akademischen Welt damals wie heute mit guten Gründen nicht ernst genommen wird.

Womit Wiederstein offenbar nicht rechnet, ist der Umstand, dass derartiges Hintergrundwissen im Einzelfall zum interpretatorischen Ballast werden kann, der den Blick auf das einzelne Werk mehr verstellt als erhellt. Manche Werke zeichnen sich nämlich gerade dadurch aus, dass sie die Beschränktheiten ihrer Autoren hinter sich lassen bzw. so überwinden, dass aus ihren Schwächen Stärken werden. Rands Roman ist ein solcher Sonderfall, und sein Erfolgsgeheimnis ist nur zu entschlüsseln, wenn wir auch die Rolle einbeziehen, die er für seine Leser und ihr Wirklichkeitsverständnis spielt.

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Professionelle wie unbedarfte Leser von «Atlas Shrugged» dürften sich einig sein: Die Grautöne der Figurenzeichnung fehlen, die Handlung ist ungelenk konstruiert, die erzählerischen Mittel sind plump. Gleichwohl haben diese Schwächen einen gemeinsamen Fluchtpunkt, von dem aus sie eine eigentümliche Rechtfertigung erfahren: Rand adaptiert das klassenkämpferische Schema von Ausbeutern und Ausgebeuteten und deutet es dadurch radikal um, dass sie es mit anderen als den üblichen Personengruppen besetzt. Sie lässt eine scharfe Linie mitten durch die Unternehmerschaft laufen und trennt so kreative, wettbewerbsfreudige Pioniere von innovationsunfähigen, wettbewerbsscheuen Firmenverwaltern, die zusammen mit Gewerkschaften, politischer Klasse, Intellektuellen und Bürokraten eine grosse Ausbeuterkoalition bilden. Damit stellt Rand das Klassenkampfschema vom Kopf auf die Füsse.

In einer Welt, in der es taxpayers und taxeaters oder (wie es schon in Rands Roman «Fountainhead» von 1943 anklingt) makers and takers gibt, ist Schwarz-Weiss die angemessenste Farbwahl, wenn es zentral um die Darstellung dieser Gegensätze geht. Wo Klassenkampf in literarische Formen gegossen wird, werden nun einmal grobe Klötze mit groben Keilen konfrontiert – das ist bei marxistisch inspirierten Autoren nicht prinzipiell anders und auch nicht anders möglich. Zwar kann man auch noch weitere Themen in eine Romanhandlung einbauen, aber eine Konzentration auf das Ausbeutungsthema ist legitim – zumal, wenn man es so überraschend angeht, wie Rand es tut.

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Schon lange vor 1957, dem Erscheinungsjahr von «Atlas Shrugged», konnte man wissen, dass die ökonomischen Theorien der Sozialisten hoffnungslos falsch sind und dass jede auf diesen Theorien fussende Politik fehlschlagen muss. Dafür war man nicht erst auf den historischen Anschauungsunterricht millionenfachen Elends in den sozialistischen Ländern angewiesen, sondern man konnte die inhärenten Schwächen der kollektivistischen Theorie ganz unabhängig von ihrer desaströsen Praxis erkennen. Die Überlegungen der Nationalökonomen der Österreichischen Schule kulminierten in Ludwig von Mises’ Buch «Die Gemeinwirtschaft» von 1922, das die Undurchführbarkeit des Sozialismus überzeugend darlegte: Die planwirtschaftliche Vereinigung aller Produktionsmittel in staatlicher Hand schaltet nicht nur den freien Markt aus, sondern mit ihm auch die freie Preisbildung, die das grundlegendste Informationssystem über die relative Knappheit gegebener Ressourcen darstellt. Während sich auf der Grundlage von echten, auf dem Markt gebildeten Knappheitspreisen mittels der Wirtschaftlichkeitsrechnung sparsame und weniger sparsame Ressourcenverwendung ermitteln lässt, tappt die sozialistische Ökonomie mit ihren willkürlich festgesetzten Preisen systematisch im dunkeln und kann somit die stetige Fehlallokation bzw. Verschwendung von Ressourcen nicht vermeiden. Da dies selbst dann gelten würde, wenn im Sozialismus alle Akteure Heilige wären, ist seine Art des Wirtschaftens unrettbar zum Scheitern verurteilt.

Wie viele Leser hat dieses gewichtige Buch von Mises erreicht? Welches intellektuelle Niveau musste man aufweisen, um von seiner Lektüre so beeindruckt zu werden wie etwa der junge Hayek? Auch ohne exakte Daten liegt die ernüchternde Tendenz der Antworten auf der Hand.

Wenden wir uns im Lichte dieses Seitenblicks auf Mises wieder «Atlas Shrugged» zu. Wir stellen dann fest, dass es Ayn Rand mit ihrem Roman gelang und immer noch gelingt, ökonomische und politische Probleme einem Millionenpublikum nahezubringen, das von Hause aus weder ein genuines Interesse an wirtschaftlichen Fragen mitbringt noch je eine Zeile Mises gelesen hat: Unser Leben ist von Knappheit gekennzeichnet, und sie ist nur durch ressourcenschonendes Wirtschaften auf freien Märkten erträglich zu machen. Sobald Gruppeninteressen die Politik kapern und zur fortschreitenden Knebelung des Marktes benutzen, bewegt sich das Gesellschaftssystem immer mehr auf einen Kollektivismus zu, der das, was er verteilen will, am Ende nicht mehr produzieren kann. Sein unvermeidlicher Zusammenbruch entlarvt schliesslich auch den sozialismustypischen altruistischen Moraljargon als ideologisches, die ökonomische Realität verfehlendes Wortgeklingel.

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Den Erfolg von «Atlas Shrugged» der blossen Bedienung bereits vorhandener prokapitalistischer «Gesinnung» zuzuschreiben, wie es Wiederstein nahelegt, halte ich für eine Fehldiagnose. Denn der tausendseitige Roman setzt Kolportage, Kitsch und Klischees ein, um ökonomisch unbedarften Lesern die Augen für den kapitalismustypischen Zusammenhang von individuellem Eigennutz und allgemeinem Wohlstand zu öffnen: Wo der Unternehmergewinn gebannt wird, mangelt es – zum Schaden aller – an Initiative, Risikobereitschaft und Kreativität. Dadurch, dass Rand diese elementaren Einsichten ihren Lesern geradezu einhämmert, leistet sie bei manchen von ihnen echte Überzeugungsarbeit und wird auf diese Weise zur Geburtshelferin prokapitalistischer Gesinnungen – das ist etwas ganz anderes, als auf der Klaviatur längst verbreiteter Gesinnungen zu spielen und den Freunden des Kapitalismus nach dem Munde zu reden.

Der Roman reduziert komplexe gesellschaftliche und ökonomische Realitäten auf derart fassliche Nenner, dass seine Lektüre als Erkenntnisgewinn verbucht und als Erkenntnisfreude erlebt werden kann. Nichts spricht dafür, dass zur Erzielung dieser Effekte Rands simple literarische Mittel untauglich oder abträglich sind; eher ist ihnen im Gegenteil eine eigentümliche Angemessenheit zu bescheinigen. Keine subtilere Prosa wäre derselben Leistung fähig. Und wir können hinzufügen: umso schlimmer für die Wirklichkeit, dass ein handwerklich so vierschrötiges Elaborat wie «Atlas Shrugged» sie in ihren politökonomischen Grundzügen derart treffend einzufangen vermag.

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Hätte Ayn Rand in ihren früheren Werken den von Wiederstein angemahnten literarischen Massstäben genügt und bis 1957 auf dem Niveau von «Don Passos, Fitzgerald oder Faulkner» geschrieben, hätte man sie womöglich für die kühne Reduktion ihrer Mittel, für den gekonnten Primitivismus und für die luzide Imitation drittklassiger Autoren mit Blick auf die spezifischen Darstellungsziele von «Atlas Shrugged» gelobt. Man hätte den Roman eventuell als ein mutiges formales Experiment eingestuft, vielleicht als eines, das zu ambitioniert ist, um ganz gelingen zu können, aber als ein Werk von bemerkenswerter Konsequenz. Solches Lob hätte keinem anderen Buch gegolten als dem von Wiederstein gescholtenen «Atlas Shrugged». Es ist nun nicht einzusehen, dass diese Meriten sich nur deshalb in Luft auflösen sollten, weil Rands ansonsten unter Beweis gestellte literarische Könnerschaft kaum mittelmässig war.

So wenig wie gute Autoren nur gute Bücher schreiben, so wenig schreiben schlechte Autoren nur schlechte Bücher. «Atlas Shrugged» scheint mir ein überdurchschnittliches Buch einer unterdurchschnittlichen Literatin zu sein. Seine brachialen Reize verärgern oder langweilen den einen Leser, wohingegen sie für den anderen zum integralen Bestandteil eines Erweckungserlebnisses werden.

 

1 Michael Wiederstein: Wer ist John Galt? Wen interessiert’s? In: Schweizer Monat 1004, März 2013. S. 91.

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