«…mir ist bis heute noch nichts Geileres begegnet als gute Literatur.»

Schriftsteller Markus Bundi über sein Schaffen, seine Schweiz-Tour und den Sexappeal guter Bücher.

«…mir ist bis heute noch nichts Geileres begegnet als gute Literatur.»
Markus Bundi, photographiert von Urs Heinz Aerni.

Markus Bundi, wir sitzen im Zürcher Hauptbahnhof – und auf dem Bistrotischchen liegt Ihre Novelle «Emilies Schweigen». Darin: Eine schweigende Angeklagte vor Gericht. Ein unüblicher Stoff für Markus Bundi, oder?

Das dachte ich anfangs auch. Aber die Ausgangslage eines sogenannten Indizienprozesses, dass also niemand Genaues über den Tathergang weiss, war für mich doch auch ein Augenöffner. Denn eigentlich ist er ja Grundlage jedes literarischen Textes. Das heisst, immer wenn man nicht weiss, was war, muss man die Lücken füllen, die Geschichten dazu erfinden, die Übergänge schaffen. So gesehen ist der Indizienprozess eine fast allegorische Vorlage für einen literarischen Text.

Emilie schweigt also, der Prozess dreht sich um sie herum, sie wird ja verdächtigt, ziemlich viele Leute umgebracht zu haben, man weiss es nicht. Und das Schweigen löst viele Gespräche aus, hinzu kommen Theorien und Thesen. Was war zuerst: die Geschichte des möglichen Tötens, das Thema Sterbehilfe oder wirklich eben die Schweigende?

Das Thema Sterbehilfe ist mir dann irgendwann entgegengekommen, stand aber nicht am Anfang der Geschichte. Mir ging es darum, eine Situation zu kreieren, in der es ums Ganze, also um Schuld oder Nicht-Schuld geht. Was machen Sie, wenn Ihnen jeder Anhaltspunkt fehlt, um in die eine oder andere Richtung zu tendieren – insbesondere jeder Beweis? Allzu leicht verurteilt man ja vorschnell, deshalb braucht man medial und zwischenmenschlich so viele Sündenböcke. Wenn etwas unklar ist, dann wollen wir damit Klarheit schaffen Ursachen ausloten und dann auch die Leute bestrafen, die sich «falsch» verhalten haben. In „Emilies Schweigen» gibt es aber fast keine Informationen, es bleibt alles in der Vorstellung der Leute.

Bei medialen Schauprozessen ist das ja meist nicht anders. Hatten Sie realen oder künstlerischen Anschauungsunterricht für Ihre Geschichte?

Beim Schreiben ist mir wirklich zufällig der Kachelmann-Prozess untergekommen, was mich im ersten Moment irritiert hat, weil ich dachte: Scheisse, jetzt hat jemand meinen Plot in die Realität gesetzt, bevor ich ihn zuende schreiben konnte. Glücklicherweise war es dann doch ein vollkommen anderer Fall. Aber sehen Sie: dass bis heute niemand weiss, was in diesem Kachelmann-Prozess wirklich die Wahrheit ist, das hat mich auch im Schreiben bestärkt…

Inwiefern?

Interessant war, zu sehen, dass einige Medienmechanismen tatsächlich genau so funktionierten, wie ich mir das vorgestellt hatte: Erschreckend einerseits, andererseits auch bestätigend. Denn dass man tatsächlich so einen Prozess aufrollt, von dem man ja fast nichts sicher weiss, ist ja schlimm genug. Dass solche Fälle, sobald Prominente beteiligt sind, dann von den Medien zur Not eben ausstaffiert oder ganz neu erfunden werden, ist schlimmer. Pervers wird es, wenn jeder Zeitungsleser das aufsaugt, als gäbe es nichts anderes mehr.

Auf Ihrem Buch steht nun nicht Kriminalroman, sondern Roman. Wieso?

Man will als Schriftsteller wohl nur ungern in diese Schublade hineingesteckt werden. Hat man einmal das Etikett Krimi-Autor, besteht die grosse Gefahr, dass man es nicht mehr loswird. Ich bin vielleicht auch Krimi-Autor, aber ganz bestimmt nicht nur. Es geht ja in meinen Büchern nicht darum, einen Täter zu entlarven. Es geht – in diesem Fall – um das Reflektieren des Wertungsverhaltens des Lesers. Ich frage mich aber natürlich als Autor aber auch: Ist es spannend genug, um dranzubleiben? Es muss ja irgendwie auch die Neugier der Leser geweckt werden – er muss mitdenken, mitfühlen können.

Dazu muss man ihn geschickt anleiten. Und man muss als Autor an den richtigen Stellen auch schweigen, also Platz lassen können.

Völlig richtig. Wer das nicht kann, ist beim Roman falsch.

Sie haben ja auch Bücher besprochen im Radio, in den Zeitungen, Sie sind Lyriker, Sie machen eigentlich den Spagat zwischen Produzieren und Kommentieren. Wie befruchten sich diese beiden Tätigkeiten, das Rezensieren das Schreiben und umgekehrt? Gibt es da eine Schnittstelle, die auch manchmal hemmend sein kann fürs eigene kreative Wirken?

Es ist mal so und mal so, mal Befruchtung, mal Blockade! Immer wieder wahrzunehmen, was möglich ist, was andere bieten, sich davon überraschen und begeistern lassen, das kann ungemein befruchtend sein. Wenn man denkt: ok, es ist schon so lange immer gute Literatur geschrieben worden, aber uns gehen offensichtlich die Ideen nicht aus, das setzt sich fort. Der Spagat hat selbstverständlich aber auch eine beklemmende Komponente, weil man merkt: es werden schon so viele grossartige Bücher geschrieben, warum überhaupt noch schreiben? (lacht) Sich da einmischen zu wollen und quasi mit der Behauptung «ich habe jetzt auch so ein Teil hingelegt, das bitte alle lesen sollen, weil es das Beste überhaupt ist», das wird dann ganz ganz schwierig.

Wie muss man sich das vorstellen?

Es gibt bei mir auch immer wieder Schreibphasen, in denen muss ich mich von anderen Büchern auch ein bisschen fernhalten, so prophylaktisch, weil ich da den Verdacht habe, das könnte mich jetzt irgendwie irritieren auf eine negative Art. Dann lass ich das Lesen und Rezensieren lieber bleiben.

Sie sind u.a. Herausgeber des Gesamtwerkes von Klaus Merz. Färben andere Lieblingstexte auch auf den eigenen Stil ab? Ergänzen sie sich? Oder besser: Wie findet man seine eigene Musik?

Man muss mit dem grösstmöglichen Bewusstsein genau für diese Problematik an die Sache herangehen. Es gibt wohl keinen Schriftsteller, der nicht von andern in irgendeiner Weise beeinflusst worden ist – Literatur ist immer eingebettet in Literatur. Selbstverständlich, jeder trachtet danach, seinen eigenen Stil zu finden, den eigenen Klang, die eigenen Farben und ich meine, das lässt sich nur mit der Zeit erarbeiten.Ich hege aber die Hoffnung, dass ich inzwischen alt genug bin, um zu sagen: Ok, ich habe so ein bisschen meinen Weg gefunden, da ist auch noch vieles offen, hoffentlich auch!, aber ich habe jetzt mir gegenüber nicht den Verdacht, dass ich da jemandem nacheifere, gar etwas kopiere.  

Kopieren ist ein gutes Stichwort, um den Schwenk in Richtung Buchproduktion und Verlagswesen zu machen. Wie sehen Sie als Autor und Rezensent die Zukunft der Buchbranche? Lehnen Sie sich zurück und machen einfach Ihre Bücher und die Buchbranche soll machen, was sie will? Oder leidet man da auch ein bisschen mit?

Nein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die Menschen aussterben werden, die sich für interessante Literatur begeistern lassen, in welcher Form auch immer. Vielleicht ist es tatsächlich auch eine Aufgabe, nicht nur einfach im eigenen Kämmerchen seine Bücher zu schreiben, sondern eben die Begeisterung nach aussen zu tragen, von anderen Büchern zu erzählen, Leute anzufixen. Offen gestanden: Ich bin jetzt fast 45 Jahre alt, mir ist bis heute noch nichts Geileres begegnet als gute Literatur. Und von meiner Sorte gibt es wahrscheinlich noch ein paar mehr auf dieser Welt.

Und schon liegt ein neues Buch und eine Hör-CD von Ihnen vor, «Mona kussecht». Es geht darin um eine Rezeptionistin in einem Hotel, bei der man nicht so recht weiss, was sie will – so wie bei der Mona Lisa, bei der niemand ihr Lächeln deuten kann?

Ja, hm, geht es uns nicht allen so? Einerseits eine perfekte Fassade, für deren Instandhaltung je länger, je mehr Menschen richtig viel Geld ausgeben, andererseits das inwendige Rumoren, all die Ängste, Unsicherheiten und Begierden, die gut verwahrt sein wollen. Die Stimme Lisas, die sich in Träumen Monas Bahn bricht, wohl aber auch tagsüber versucht, an die Oberfläche zu gelangen, war lediglich der Versuch, den alltäglichen Wahnsinn, dem sich jeder Einzelne im Umgang mit sich selbst ausgesetzt sieht, zur Darstellung zu bringen. Das kann zu furchterregenden Grimassen führen oder dann zu einem unergründlichen Lächeln.

Die Lesung auf dem Hörbuch wird musikalisch umrankt von Nic Niedermann an der Gitarre. Text und Klang – wie wichtig ist Ihnen die Verbindung?

So wichtig, dass ich die Bezeichnung «Lesung» gar nicht mehr gelten lassen möchte. «Mona kussecht» war vom Beginn weg als Klangreise angedacht, und nicht als zu Erzählendes mit musikalischer Begleitung. Es handelt sich – wie bei der Figur selbst – um einen zweistimmigen Versuch. Viele Teile der Geschichte erzählt einzig Nic Niedermann mit seiner Gitarre, andere fasse ich in Worte, ein Dialog zweier gleichwertiger Partner entsteht, und in den stärksten Passagen gelingen uns intensivste Momente der Stille. Auch deswegen enthält die klassische Erzählung, die unter dem Titel «Die Rezeptionistin» erschienen ist, einen anderen Text, eine Geschichte mit wesentlich mehr Figuren. Das war vielleicht das Erstaunlichste für mich: Wie aus einem Stoff zwei ganz unterschiedliche Formen entstanden sind.

Sie beide gehen auf Tournee, auf was freuen Sie sich dabei am meisten?

Gewiss darauf, dass jeder Auftritt wieder ein wenig anders sein wird – wir werden also nicht nur alles Künstlerische daran setzen, um dem Publikum zu einem Trip zu verhelfen, sondern daran, jedes Mal selbst wieder einen Trip zu erleben. 

«Der Entkalker fürs Hirn:
Nicht links, nicht rechts –
einfach intelligent!»
Dominik Imseng,
Managing Partner bei smartcut consulting,
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