Mindestens 777 mal zuviel

Vor sechs Jahren, so ist der Damenzeitschrift «Amica» zu entnehmen, bemächtigte sich die Langeweile des erfolgreichen Managers Rolf Dobelli. Also begann er zu schreiben und hat seitdem nicht mehr aufgehört. Nach drei Romanen liegen nun zwei Bände mit jeweils 777, mehr oder weniger einleuchtenden, Gedankensplittern vor.

«Wer bin ich?» – so der Titel der ersten Lieferung – ist eine Frage, die sich wahrscheinlich auch Nichtphilosophen gelegentlich stellen, um darüber zu grübeln zu beginnen. Wem das nicht genügt, der findet in Dobellis Büchlein reichlich weiteres Material. «Was konkret erwarten Sie von der Liebe?», heisst es da, oder «Gibt es Hass auf den ersten Blick?» Gerne bedient sich der Ex-«CEO verschiedener Tochtergesellschaften des Swissair-Konzerns» (Klappentext) auch modernen Wirtschaftsjargons, um den Weg zur Selbsterkenntnis zu erleichtern. «Wie regelmässig führen Sie Mitarbeitergespräche mit Ihrem Lebenspartner?», ist so ein Denkanstoss, der seinen Reiz aus der Zusammenführung zweier gewöhnlich strikt getrennter Sphären bezieht, dessen Potential aber kaum über einen milden Provokationswert hinausgeht. Glaubt man Dobelli, so handelt es sich bei Fragen dieser Art, um eine «Kunstform», die «subversiver sein kann als der Aphorismus». Dabei beruft er sich auf Vorbilder wie Max Frisch oder auch Marcel Proust, dessen bekannter Fragebogen jahrelang fester Bestandteil der Magazinbeilage einer grossen deutschen Tageszeitung war. Hier bestand der Unterhaltungswert darin, von den persönlichen Wünschen und Obsessionen unterschiedlichster Personen des öffentlichen Lebens zu erfahren. Dobellis Fragen hingegen sind zumeist rhetorischer Art und manchmal ziemlich banal oder kindisch. «Glauben Sie, es gibt Menschenfresserfresser?» zum Beispiel zeigt, dass der Autor auch an reinem Blödsinn seine Freude hat, die der Rezensent aber leider nicht immer zu teilen vermag.

Vielen wird es anders ergangen sein, denn man liest, das Büchlein sei ein Bestseller. Grund genug also für den studierten Betriebswirt, noch einmal nachzulegen. «777 bodenlose Gedanken» verspricht der zweite Band, also keine Fragen mehr, sondern klassische Aphorismen. «Der Aphorismus», so heisst es in einem Wörterbuch, ziele durch seine «konzise Formulierung und Pointierung» auf «überraschende Erkenntnis». Bei Dobelli liest sich das so: «1938: Österreich wäre mit einem Internet-Anschluss besser gefahren.» Kalauer dieses Niveaus als Geistesblitz verkaufen zu wollen, erfordert schon eine bemerkenswerte Chuzpe. Was nicht heissen soll, dass sich unter all den geistreichelnden Sentenzen, die besser im Notizbuch des Autors verblieben wären, nicht auch einige fänden, über die sich nachdenken lässt. Wenn er beispielsweise behauptet, «rhetorisch glanzvoll nichts» zu sagen, sei «besser als andersherum», fragt man sich durchaus, was «andersherum» bedeuten könne. Und kommt rasch zu dem Ergebnis, dass Dobelli schlicht falsch liegt. Aber das ist schon fast egal angesichts des Umstands, dass er mit Sprüchen ein ganzes Buch gefüllt hat, denen es sowohl an sprachlicher Eleganz wie auch an inhaltlicher Substanz mangelt.

vorgestellt von Joachim Feldmann, Recklinghausen

Rolf Dobelli: «Wer bin ich? 777 indiskrete Fragen». Zürich: Diogenes, 2007.

Rolf Dobelli: «Turbulenzen. 777 bodenlose Gedanken». Zürich: Diogenes, 2007.

«MONAT für MONAT
eine sinnvolle Investition.»
Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
über den «Schweizer Monat»