Middle Income Trap

China droht in dieselben Wachstumsfallen zu tappen wie manch anderes Schwellenland. Vor allem das enorme Stadt-Land-Gefälle bei Löhnen und technologischer Entwicklung erweist sich als strukturelles Hindernis beim weiteren Aufstieg.

Middle Income Trap
Elisabeth Tester, zvg.

«Ich habe meiner Frau letzten Monat einen Tesla gekauft», erklärt Liu Kang. Er selbst bleibe bei seinem Lexus; da wisse er, was er habe. Der 40jährige Chemiker, der für ein börsenkotiertes Unternehmen in Schanghai arbeitet, ist in Sachen Luxusautos kein Einzelfall. Dass China jedes Jahr reicher wird, zeigt sich nämlich sehr direkt im Strassenbild. Und der Tesla spiegelt gleich auch die Umweltbemühungen der Regierung: kostenlose Ladestationen für Elektroautos sind in den vergangenen zwei Jahren stadtweit wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die Zulassungsschilder für Elektro­fahrzeuge sind sofort und gratis erhältlich.

China hat eine beeindruckende wirtschaftliche Entwicklung hinter sich. Die Einkommen sind nominal seit Ende der 1990er Jahre um rund zehn Prozent pro Jahr gestiegen. Immer mehr Chinesen haben immer mehr Geld für den Konsum nicht lebensnotwendiger Güter und Dienstleistungen zur Verfügung. Das 2010 von Präsident Xi Jinping erklärte Ziel, bis 2020 die Einkommen landesweit zu verdoppeln, wurde bereits Ende 2017 erreicht. Das neue Ziel heisst nun: keine Armut mehr bis 2020 sowie der Aufbau eines modernen Chinas bis 2035. Wer in China lebt, hat wenig Zweifel, dass auch diese Ziele erreicht werden.

Zwei Chinas

Im internationalen Vergleich ist das Land weiterhin vergleichsweise arm. Gemäss dem Internationalen Währungsfonds dürfte Chinas Pro-Kopf-Jahreseinkommen 2018 rund 11000 US-Dollar betragen, was einem Achtel der Schweiz entspricht. Brasilien und Russland – um den Vergleich zu den anderen BRICS-Staaten zu machen – weisen pro Kopf eine ähnliche Wirtschaftsleistung wie China auf. Doch während China sein Bruttoinlandsprodukt in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdoppelte, stagnierten Brasilien und Russland. In Zukunft dürfte sich diese Entwicklungsschere noch weiter öffnen. Südafrika und Indien hinken mit einem Pro-Kopf-Einkommen von 6500 respektive 2100 Dollar weit hinterher.

Dass China binnen weniger Jahre – seit der volkswirtschaftlichen Öffnung unter Deng Xiaoping ab 1978 – so weit gekommen ist, ist beeindruckend. Zum grossen Teil verantwortlich für diese unglaubliche Leistung sind die von der chinesischen Regierung gesetzten Rahmenbedingungen. Peking hat in vielen Märkten Schritt um Schritt und mit raschen Korrekturen bei Fehlentwicklungen Marktwirtschaft und Wettbewerb zugelassen. Es wurden hohe Investitionen in eine ausgezeichnete Infrastruktur getätigt, und in den 1990er Jahren erfolgte die grösste Privatisierung, die die Welt je gesehen hat: die des chinesischen Wohnungsmarkts. Zudem wurden die Eigentumsrechte bislang respektiert. Die Entwicklung ist aber bei weitem noch nicht abgeschlossen. Grosse Gebiete im Inneren Chinas warten darauf, die gleiche wirtschaftliche Entwicklung wie die dynamischen und prosperierenden Küstenregionen zu durchlaufen. Einem vom Nationalen Chinesischen Statistikbüro ausgewiesenen Pro-Kopf-Einkommen von gut 20 000 Dollar in Schanghai stehen magere 4000 Dollar in der nordwestlichen Provinz Gansu gegenüber.

Kritische Schwelle

Die zentrale Frage ist: kann China der sogenannten «Middle ­Income Trap» (Einkommensfalle), dem einkommenstechnischen Gefangensein zwischen der Konkurrenz aus armen Tieflohnländern und reichen Hochtechnologieländern, entkommen? China könnte hineintappen, wenn es seinen Wettbewerbsvorteil für den Export von Gütern verliert, weil die Lohnkosten steigen. Wenn es den Sprung vom einen ins andere Lager schaffen will, muss es in der Übergangsphase zwei Strategien gleichzeitig verfolgen. Nach einer anfänglich raschen wirtschaftlichen Entwicklung bleiben viele Schwellenländer stehen. Sie können zwar zunächst von ­einem Industrialisierungsschub profitieren, da die Arbeiter in den Fabriken produktiver sind als in der Landwirtschaft, ihr Pro-Kopf-Einkommen wächst schnell. Doch sobald der Pool günstiger Arbeitskräfte vom Land erschöpft ist und in der Folge die Löhne in der Landwirtschaft und für ungelernte Arbeiter in den Städten steigen, sind andere Eigenschaften gefragt. Von diesem Moment an müssen effizientere Produktionsverfahren angewandt, hochwertigere Güter produziert und die eigene Forschung und Entwicklung vorangetrieben werden, um die nächste Entwicklungsstufe zu meistern.

China muss also nicht nur massive Einkommensunterschiede zwischen Stadt und Land ausgleichen und grosse ländliche Re­gionen entwickeln, sondern zugleich die Wirtschaft insgesamt aufwerten. Die jüngst sinkenden Wachstumsraten sind dabei kein Problem: Einerseits zieht die Reifung einer Volkswirtschaft automatisch niedrigere Zuwachsraten nach sich, andererseits ist die Qualität des Wirtschaftswachstums ausschlaggebend, nicht die absolute Zahl. China hat diesbezüglich schon viel erreicht: Der Dienstleistungssektor ist seit mehreren Jahren der Wachstums­treiber der chinesischen Wirtschaft, das Land ist deutlich weniger abhängig von Exporten als früher, und der Konsum – und mit ihm der Binnenmarkt – wächst kontinuierlich. China als Tieflohnland und Produzent von Billigprodukten ist ein Konzept der Vergangenheit, das Land produziert immer hochwertigere Güter. In Sachen Innovationen, die einen Nobelpreis verdienen, sind die Chinesen noch nicht weit vorne, im Hinblick auf neue Geschäftsmodelle und die Implementierung neuer Technologien jedoch schon.

Weltmarktführer und Innovator

In einzelnen Branchen – zum Beispiel Hochgeschwindigkeitszüge und E-Commerce – ist China nun Weltmarktführer. Diese Situation gründet auf dem rasanten technologischen Fortschritt und auf chinaspezifischen Strukturen – etwa der enormen Bevölkerungsdichte und -masse –, die eine rasche Finanzierung und Markteinführung von neuen Produkten und Geschäftskonzepten ermöglichen. Nirgendwo sonst auf der Welt rechtfertigt die Auslastung die enormen Investitionen in Hochgeschwindigkeitszüge so sehr wie im Osten Chinas. Nirgendwo sonst auf der Welt ist E-Commerce nur annähernd so erfolgreich wie in China, da die Distribution in den Ballungszentren äusserst effizient umsetzbar ist – im Gegensatz zu zersiedelten Wohngebieten in den USA oder Europa. Auch in Sachen Smartphones und Batterien für Elektroautos ist China an die Weltspitze gerückt. Die Fintech-Branche ist bezüglich Technologie und Breite des Angebots dem Westen um Jahre voraus – wobei sie von einem grundlegend anderen Umgang der chinesischen Bevölkerung mit dem Thema Daten­schutz profitieren kann und die Möglichkeiten der fortschreitenden Öffnung der Finanzmärkte rasch nutzt.

Rückständige Institutionen bremsen

Das alles spricht für eine erfolgreiche weitere Aufwertung der Wirtschaft und somit für einen nachhaltigen Wachstumspfad. Den Beweis, dass China den Sprung von einem exportorientierten Tieflohnland zu einem technischen Innovator schafft, hat das Land in den Küstenregionen und vor allem auch in Shenzhen erbracht, das mit dem kalifornischen Silicon Valley verglichen wird und inmitten der «Chinese Greater Bay Area» liegt, die sich zwischen Guangdong, Hongkong und Macau erstreckt. Für ein weiteres Upgrading der Wirtschaft sprechen auch die Stabilität der Regierung, die Leistungsbereitschaft der Arbeitnehmer, die ausgezeichnete Infrastruktur und die grosse Schar an Konsumenten, die eine schnelle Kommerzialisierung innovativer Produkte ermöglichen.

Was spricht gegen eine weitere Aufwertung der chinesischen Volkswirtschaft? Allen voran der ungenügende Schutz geistigen Eigentums und die Benachteiligung privater Unternehmen gegenüber Staatskonzernen. Der mangelhafte Patentschutz hält viele brillante Köpfe davon ab, überhaupt in China tätig zu werden – und er demotiviert ausländische Unternehmen, Arbeitsplätze mit hoher Wertschöpfung anzusiedeln. Private Unternehmen, die den grössten Teil an echter Wertschöpfung liefern und für mehr als 80 Prozent aller neuen Arbeitsplätze verantwortlich sind, werden auf verschiedensten Ebenen benachteiligt: von der Aufnahme finanzieller Mittel bis zu Bewilligungen und anderen administrativen Prozessen. Die nach wie vor herrschende Rechtsunsicherheit und die Tatsache, dass die Regierung über Nacht die Rahmenbedingungen für ganze Wirtschaftszweige auf den Kopf stellen kann, verunsichern und bremsen Investoren und Unternehmer. Die institutionellen Rahmenbedingungen für private Unternehmen müssen also verbessert und gestärkt, das Rechtssystem weniger personen-, dafür normenbezogener werden. Die Regierung muss ihren Machtanspruch in einzelnen Subsektoren der Wirtschaft zurücknehmen. Ob dies geschehen wird, ist fraglich.

«China als Tieflohnland und Produzent von Billigprodukten ist ein Konzept der Vergangenheit.»

Kann China also der Einkommensfalle entkommen, bevor die hohen Kosten für den wachsenden Sozialstaat, die alternde Bevölkerung und die Bedienung der Schuldenlast das Land erdrücken? Die Entwicklung der Küstenregionen legt es nahe. Weil aber riesige ländliche Gebiete im Westen und im Nordosten Chinas zu weit zurückliegen und es ganze Industrien gibt, die ihre Schuldenberge und Produktivitätsdefizite möglicherweise nie abbauen werden können, sind die Aussichten keineswegs so rosig, wie es oft den Anschein macht. Die Stahlindustrie, viele Basisgüterhersteller und andere Wirtschaftszweige bleiben vorerst am Tropf des Staates, der darauf wartet, bis die Angestellten pensioniert sind und er viele Fabriken schliessen kann. Die chinesische Regierung wird eine Schadensbegrenzungspolitik verfolgen und hoffen, dass der Rest der Wirtschaft parallel dazu stark genug wächst. Das Zünglein an der Waage ins Positive lenken könnte die Tatsache, dass die Regierung in Peking äusserst erfahren – und erfolgreich – im langfristigen Lenken der Wirtschaft ist.

Kurzum: Chinas weiterer Weg wird nicht ohne Stolpersteine und Verwerfungen verlaufen. Es wird weiterwachsen, aber langsamer. Gleichwohl hat China den Westen in vielen Bereichen bereits überholt, was in den USA und Europa kaum jemand weiss: Wer heute in der Schweiz vom Erwerb eines Teslas träumt, ahnt nicht, dass die Marke auf Schanghais Strassen längst allgegen­wärtig ist.

«Der beste Journalismus ist der,
den man liest, obwohl einen das Thema bis dahin gar nicht interessiert hat.
Beim MONAT passiert mir das ständig.»
Niko Stoifberg, Schriftsteller und Redaktor bei «getAbstract», über den «Schweizer Monat»