Mentale Standortfähigkeit

Der rasante Fortschritt sorgt für Risikoaversion und Beharrung auf Hergebrachtem. Was tun gegen diesen Trend? Der Soziologe Thomas A. Becker besichtigt ein populäres Rezept – und gibt unbequeme Antworten.

Mentale Standortfähigkeit

Ein Jahr vor seiner berühmten «Ruck-Rede» von 1997 prägte der damalige deutsche Bundespräsident Roman Herzog den Begriff «mentale Standortfähigkeit». Was damit gemeint war, blieb unklar. Zu unterstellen ist immerhin der gut gemeinte Versuch, eine politisch korrekte Alternative zur Kohl’schen Klage über den «kollektiven Freizeitpark» zu liefern, bzw. jenes «Unwort» durch ein sozialverträgliches Edelsubstantiv zu ersetzen. Seither lässt der ehemalige Vorsitzende der FDP und inzwischen Nur-Aussenminister Guido Westerwelle keine Gelegenheit aus, das Herzog’sche Zauberwort sowohl auf sozialpolitische Ärgernisse als auch auf aussenpolitisch relevante Entwicklungen wie den unaufhaltsamen Aufstieg Asiens anzuwenden, wie etwa dieses Jahr am Swiss Economic Forum in Interlaken: «Wir dürfen das Neue nicht fürchten, wir müssen ein dynamisches Land bleiben und dürfen keine ältliche Republik werden, die sich zu allem, was neu ist, tendenziell erst mal skeptisch bis ablehnend aufstellt. Es braucht Investitionen in die mentale Standortfähigkeit.» Das Zauberwort soll offenbar nach zwei Seiten Schärfe entfalten: gegen Sozialstaatsmentalität einerseits, mangelnde Bildungsbeflissenheit im «Krieg der Köpfe» andererseits. Dass wir uns in einer «ältlichen Republik» wiederfinden könnten, in der Risikoaversion und Beharrung auf Hergebrachtem vorherrschen, ist Menetekel genug, um die Frage aufzuwerfen, ob unsere Denkstrukturen und mentalen Modelle den sich immer rascher wandelnden gesellschaftlichen und ökonomischen Bedingungen noch angemessen sind. 

 

Mentale Überalterung der Gesellschaft?

Der Gedanke, wir könnten in eine mental veraltete Gesellschaft hineingeraten, ist nicht neu. Denker wie der Management-Guru Peter F. Drucker («The Next Society», 2001), der Kybernetiker W. Ross Ashby («The Brain of Yesterday and Today», 1981) oder der Biologe und Erkenntnisphilosoph Gregory Bateson («Time is out of Joint», 1978) haben schon früh den Verdacht geäussert, dass sich die Gesellschaft auf Umwälzungen einzustellen hat, die unser kognitives Gefüge, unseren Wahrnehmungsapparat und unsere mentalen Modelle bald einmal überfordern könnten. Der Kultursoziologe Dirk Baecker hat versucht («Studien zur nächsten Gesellschaft», 2007), die kulturellen Implikationen der durch die Informations- und Kommunikationstechnologien immer weiter angeheizten Beschleunigungsdynamik auszuloten, und kommt zu dem Schluss, dass die Grundfesten der modernen Gesellschaft durch diese Dynamik in einer nie dagewesenen Transformation begriffen sind. Die «nächste Gesellschaft» wird sich in all ihren Formen der Verarbeitung von Sinn, in ihren Institutionen, ihren Theorien, ihren Ideologien und ihren Problemen von der modernen Gesellschaft unterscheiden. Die nächste Gesellschaft wird sich nicht mehr auf die soziale Ordnung von Status und Hierarchie und auch nicht mehr auf die Sachordnung von Zuständen und ihren Funktionen verlassen, sondern sie wird eine «Temporalordnung» sein, die durch die Ereignishaftikgkeit aller Prozesse gekennzeichnet ist, und die jedes einzelne Ereignis als einen nächsten Schritt in einem prinzipiell unsicheren Gelände definiert. Dazu passt, dass der Internetgigant Google in Berlin ein neues «Forschungsinstitut für Internet und Gesellschaft» finanziert. Ziel ist unter anderem, die vom Internet ausgelösten und verstärkten Veränderungen der Gesellschaft besser zu verstehen. Es wäre nicht verwunderlich, wenn Google diesen Schritt aus dem Gefühl heraus tun würde, dass die überkommenen Kulturformen, an denen unser Herz und unser Verstand hängen, nur sehr zögerlich, im Zuge einer nachhinkenden Entwicklung, zu überwinden sind, während die technologische Entwicklung uns vor sich hertreibt. Es scheint daher an der Zeit, unser Selbstbild einer kritischen Prüfung zu unterziehen, ja, den Menschen grundlegend neu zu definieren.

 

Neufassung des Menschen

Eine Neubestimmung des Menschen wird nicht aus einer von Institutionen (Religion, Erziehung, Politik) anzuregenden Ethik-Debatte erwachsen, in der man sich über Wert- und Normsetzungen verständigt, die den angedeuteten Veränderungen angemessen erscheinen, sondern sie wird Ergebnis von Prozessen sein, die sich schon heute in jenen Organisationen abzeichnen, die wissen, worauf sie sich einzustellen haben, wenn sie in der nächsten Gesellschaft überleben wollen. Innovative Organisationen haben sich drei Herausforderungen zu stellen: dem Computer, dem Menschen und der Gesellschaft. Zum Leidwesen vieler Manager wird die Betriebswirtschaftslehre dabei keine grosse Rolle mehr spielen. Sie ist es ja gewohnt, das Unbestimmte auszuschliessen, statt es in Rechnung zu stellen. Und damit nimmt sie sich selbst aus jenem Spiel, das in der nächsten Gesellschaft gespielt wird. Die innovativen Organisationen der nächsten Gesellschaft werden nämlich nach der Massgabe der Sozialpsychologie gestaltet und gelenkt. Und sie werden nach dem Modell von high-reliability-organizations funktionieren – wie Flugzeugträger, Intensivstationen oder Ölbohrplattformen. Denn kein noch so ausgeklügeltes Controlling kann in derartigen Organisationen die Ausführung jener Abläufe herstellen oder überwachen, die für absolut zuverlässiges Arbeiten unerlässlich sind.  Hier hilft nur der Rechner Mensch, als jene hochgradig komplexe Einheit, die wahrnehmungsfähig und kommunikationsfähig ist, die trainiert und ausgebildet werden kann und die bei all dem zusätzlich in der Lage ist, ihre eigenen Bedingungen zu beobachten, zu reflektieren und zu beschreiben. In der nächsten Gesellschaft, die ohne Zweifel eine Netzwerkgesellschaft sein wird, werden freilich alle Organisationen unter den Ansprüchen höchster Zuverlässigkeit operieren müssen. Und sei es nur, weil sie andernfalls keine Netzwerkpartner finden. Es geht also um mindfulness. Dabei handelt es sich wohlgemerkt nicht um die Einlösung moralischer Erwartungen, sondern um jene hochspezifische Kombination mentaler und sozialer Aufmerksamkeit, zu der nur der Mensch fähig ist – unter bestimmten Bedingungen. Zu diesen Bedingungen gehört, dass die Individuen von der «Zumutung des Organisiertseins» so weit befreit werden, dass sie ihre Geistesgegenwart, ihre mindfulness, zur Geltung bringen können. Dies bedingt, dass die Unternehmen aufhören, Innovation «managen» und entsprechende Prozesse etablieren zu wollen. Stattdessen müssen sie sich auf die Menschen konzentrieren und deren Imaginationsfähigkeit nutzen: «We need to get the organisation out of the way, and let people bring their creativity to work.» (Gary Hamel) Nur wenn Organisationen versuchen, nicht nur zu überleben, sondern die Bedingungen ihres Überlebens selbst zu gestalten, können sie evolutionsfähig im engeren Sinne werden. Wollen sie sich wirklich auf die nächste Gesellschaft einlassen, müssen sie in der Lage sein, Nein zu sich selber (nicht zu ihrer gesellschaftlichen Umwelt!) zu sagen und sich permanent in Frage zu stellen. Diese Erkenntnis ist der Startpunkt jeder sozialen Evolution.

 

Resilienz

Für den Einzelnen stellt sich der Übergang in die nächste Gesellschaft als eine Herausforderung dar, die nur durch die Fähigkeit gemeistert werden kann, Nein zur eigenen Identität sagen zu können. Der Entwicklungsform der nächsten Gesellschaft ist eine neuartige existenzielle Logik angemessen, die der Soziologe Uwe Schimank treffend mit dem Begriff des «reflexiven Subjektivismus» belegt hat. Während vormoderne Identitätsformen sich als Entwicklung der Person auf etwas Bestimmtes (z. B. auf ein möglichst sündenfreies Leben) hin darstellen, bedeutet reflexiver Subjektivismus eine ständige Bewegung von der eigenen Identität weg. Diese Identitätsform ist die einzige, die sich in der nächsten Gesellschaft überhaupt stabilisieren lässt. Der reflexive Subjektivist macht die je eigene Subjektivität zum Bezugsrahmen all seines Erlebens und Handelns, was jedoch keineswegs Beliebigkeit allen Urteilens und Entscheidens bedeutet. Denn seine Subjektivität wird durch Reflexion im Zaum gehalten. Gleichzeitig wird die Reflexion (die wie das Erleben immer auch anders erfolgen kann) durch die Subjektivität gezügelt, um nicht in grüblerische Entscheidungsunfähigkeit zu versinken. Auf beiden Seiten, sowohl auf der Seite der Subjektivität, als auch auf der Seite der Reflexion herrscht Kontingenz, das heisst, es bestehen im Prinzip unendliche Möglichkeiten, die Dinge anders zu erleben und daraus je andere Schlussfolgerungen für das weitere Handeln zu ziehen. Subjektivität und Reflexion greifen ineinander und erhöhen dadurch, dass die Subjektivität als veränderbar erfahren wird, die Resilienz einer Person. Personen, welche die Merkmale einer solchen selbstreferenziellen Identität aufweisen, legen sich nicht auf Kontinuitäten fest. Sie halten sich offen für Brüche, Kurskorrekturen und Zufälle. Sie schöpfen das Kontingenzpotenzial ihrer Subjektivität aus, indem sie versuchen, Zufälle reflexiv abzuarbeiten und sich in immer neue Gelegenheitsstukturen einzufädeln. Jede Selbstbeschreibung oder Selbstfestlegung kann von der Person jederzeit selbstreflexiv problematisiert und geändert werden. 

 

Kreatives Potential entfalten

Ständiges Nein-sagen-können zu sich selbst, die Fähigkeit zur Stabilisierung des permanenten Übergangs, setzt beträchtliche Energien frei. Von den reflexiven Subjektivisten können entscheidende Impulse für Innovation und gesellschaftliche Evolution erwartet werden. Nur sie weisen jene ungebrochene Lernfähigkeit auf und sind stets bereit, Selbstfestlegungen, die sich angesichts neuer Erfahrungen nicht länger aufrechterhalten lassen, zu verwerfen. Ohne diese freilich zu verdrängen – als stetige Aufforderung zur persönlichen Weiterentwicklung werden sie sorgsam aufbewahrt. Naturgemäss kann nicht jeder Mensch Träger dieser Identitätsform sein. Reflexiver Subjektivismus steht vor allem jenen «Identitätsvirtuosen» der modernen Gesellschaft offen, die besonders intensiv mit ihrem Selbstverständnis ringen, während die grosse Mehrzahl der Gesellschaftsmitglieder sich mit individueller Sinnstiftung durch Erhebung und Befriedigung von Ansprüchen und Konsumwünschen begnügt. Die meisten werden sich auch in der nächsten Gesellschaft von ihren Chancen auf Konsum, Bildung, Einkommen, Gesund-heitsversorgung usw. leiten lassen und nicht vom unbändigen Willen der reflexiven Subjektivisten, das Neue in die Welt zu bringen und das Alte lernend zu hinterfragen. Vor allem, wenn dieser Wille mit persönlichem Verzicht und intellektueller Anstrengung verbunden ist. Reflexive Subjektivisten besitzen jene kognitive Widerstandskraft, die sich aus reflexiver Distanz zu den geltenden Regeln, herrschenden Paradigmen, Zeitgeistströmungen und dominierenden Semantiken speist. Resilience ist die Fähigkeit zum Wandel eigener Strukturen, bevor man vom Wandel auf dem falschen Fuss erwischt wird. Ziel ist eine Strategie, «…that is forever morphing, forever conforming itself to emerging opportunities and incipient trends». Reflexive Subjektivisten gehen nicht vom courant normal aus, sondern nehmen frühzeitig feinste Unterschiede im ansonsten routinierten Ablauf wahr. Sie besitzen jenen sechsten Sinn für Anomalien, an denen sich sowohl potenzielle Problemsituationen und Problemdynamiken als auch Gelegenheitsstrukturen erkennen lassen. Sie erfassen Entwicklungen in einem Frühstadium als chancenreich oder virulent, bevor diese aufgrund ihrer eigenlogischen Entwicklung nicht mehr zu steuern sind. Damit wäre ein theoretischer Rahmen skizziert, in dem die Rede von der «mentalen Standortfähigkeit» ihren ernsten Sinn entfalten könnte. Bislang hängen die politischen Erwartungen an diesen Begriff völlig in der Luft.

 

Thomas A. Becker ist Soziologe und selbstständiger Berater von Unternehmen und Institutionen der öffentlichen Verwaltung. Zuletzt von ihm erschienen: «Kreativität – Letzte Hoffnung der blockierten Gesellschaft?» (Uvk). 

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Rainer Hank, «FAZ»-Kolumnist,
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