Christine Brand, zvg.

Menschen dritter Klasse

Über unfaire Ungleichbehandlung.

 

Den Menschen, die aus der Ukraine flüchten müssen, wurde alles geraubt: das Zuhause, der Besitz, die individuelle Lebensgestaltung und persönliche Freiheit. Die Solidarität, die sie in den europäischen Ländern von den Behörden wie auch von der Bevölkerung erfahren, ist grossartig. Ich freue mich sehr darüber, dass sie mit offenen Armen aufgenommen werden.

Gleichzeitig macht es mich wütend, dass es vor sechs Jahren so ganz anders war. Europa machte seine Grenzen dicht, als Menschen aus Syrien vor den Bomben flohen. Sie wagten sich auf nicht selten tödlich endende Schlauchbootfahrten über das Mittelmeer nach Griechenland, um an der mazedonischen Grenze auf Stacheldrahtzäune zu stossen, hinter denen Panzer ihre Kanonenrohre auf die Flüchtlingskinder richteten. Dort blieben die Flüchtenden hängen in Lagern mit Zelten im Schlamm. Zuerst in Idomeni, danach in schrecklichen, militärischen Flüchtlingscamps, monatelang, teils jahrelang. In jenem griechischen Camp, in dem ich einen Monat lang als Freiwillige arbeitete, waren die Hälfte Kinder. Schule gab es für sie keine. Die Zustände waren katastrophal.

Im Moment wird in den Medien darüber diskutiert, ob die Flüchtlinge aus der Ukraine anders behandelt werden als jene aus Syrien. Es ist keine Frage – die Antwort ist klar. Wer es aus Syrien nach einer teils jahrelangen Odyssee doch in die Schweiz schaffte, landete hier erst einmal in unterirdischen Luftschutzanlagen mit einem kleinen Sackgeld pro Tag, das knapp fürs selbst gekochte Essen reichte. Wiederum sassen die Flüchtlinge monatelang fest. Zu arbeiten war ihnen zu Beginn verboten, ein Zimmer oder eine Wohnung zu finden für viele eine Unmöglichkeit.

Warum diese Ungleichbehandlung, diese masslose Ungerechtigkeit? Ist es die Hautfarbe, der Glaube? Waren und sind die Syrer hier weniger willkommen, weil jener Krieg weiter weg war und uns selbst weniger nahekam? Wo auch immer die Gründe liegen: Dass sich die Staaten und die Bürger der westlichen Welt die Freiheit nehmen, die Erdbevölkerung in Menschen erster, zweiter und dritter Klasse einzuteilen, erscheint mir unerträglich.

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Heinz Zimmermann, Professor für Finanzmarktökonomie,
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