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Mein zweiter Frühling

Mein Liebster und ich haben trotz grosser Unterschiede zueinander gefunden. Aufgewachsen sind wir beide mit linken Ideen. Heute sehen uns andere als Nazis.

Mein zweiter Frühling
Joyce und ihr Verlobter. Bild: zvg/ChatGPT

Machen wir es kurz: Ich bin verliebt. Und verlobt. Der Nachrichtenwert dieses Ereignisses ist an sich nicht überwältigend, ausser natürlich für meinen Liebsten und mich. Aber der Redaktor meiner Kolumne überzeugte mich vom Gegenteil. Ich zögerte ein wenig, diese Zeilen zu verfassen, auch weil mein Verlobter sich bis vor kurzem in den Kreisen der Südkurve bewegte, wo die aktivsten und leidenschaftlichsten Anhänger des FC Zürich mitfiebern. Alles, was in dieser Szene Aufmerksamkeit erregt, wie dieser Text, sollte vermieden werden.

Irgendwann folgte er mir auf X. Aber erst vor ein paar Monaten wechselten wir die ersten Worte. Er war von meinen kulinarischen Kreationen begeistert, die ich auf Anregung eines Followers gepostet hatte.

Nach intensiven Telefonaten – an einem Tag waren es 6,5 Stunden – trafen wir uns. Nach einer Woche hielt er um meine Hand an – entgegen all seinen früheren Überzeugungen. Okay, Jordan Peterson und seine Ansichten zur Ehe haben auch etwas damit zu tun. Peterson sieht die Ehe als eine Chance, Verantwortung zu übernehmen und über sich selbst hinauszuwachsen, indem man sich einer anderen Person verpflichtet. Ein Schritt weg vom Egoismus und hin zu einem sinnvolleren Leben.

«Nach einer Woche hielt er um meine Hand an – entgegen all seinen
früheren Überzeugungen. Okay, Jordan Peterson und seine Ansichten zur Ehe haben auch etwas damit zu tun.»

Wie aber kommt ein Ex-Südkürvler zu Jordan Peterson?

Wir sind fast gleich alt, er ein 83er, ich eine 84erin. Wir haben ähnliche politische Einflüsse erlebt und teilweise dieselben Bücher in der Kindheit gelesen, darunter «Der kleine Prinz» und «Die Möwe Jonathan»; er auf Deutsch, ich auf Portugiesisch. Die Liebe zum Hip-Hop packte uns schon jung. Seine Abschlussarbeit in der handwerklichen Lehre drehte sich um den ermordeten Rapper Tupac. Mein erster Hip-Hop-Song war «Changes» von Tupac. Ich war hingegen weniger begeistert vom Kiffen. Er hörte erst vor wenigen Monaten damit auf – ganz ohne meinen Einfluss.

Als Versagerin gefühlt

Trotz Gemeinsamkeiten gibt es auch grundlegende Unterschiede in unserer Erziehung. Seine Eltern waren spirituelle Agnostiker, nie verheiratet und trennten sich früh. Sein Vater, ein Alt-68er, arbeitete als Grafiker, seine Mutter engagierte sich in der SP. Meine Eltern hingegen waren fromme Baptisten im pulsierenden Rio de Janeiro. Beide waren Lehrer und gründeten zusammen eine Privatschule. Sie liessen sich jedoch früh scheiden – da sind die Protestanten grosszügiger.

Meine Mutter blieb bürgerlich, während mein Vater mich zu Demonstrationen und Konferenzen mitnahm, wie etwa zur ersten Konferenz der Vereinten Nationen über Umwelt und Entwicklung, auch bekannt als Rio-Erdgipfel. Von da an wusste ich, dass ich für etwas einstehen muss, auch wenn es mir nicht ausdrücklich befohlen wurde.

Heiraten, geschweige denn Kinder zu haben, war für meinen Verlobten nie ein Thema. Bei mir war das ganz anders: Ich träumte schon als Kind von einer Strandhochzeit, die ich dann auch erleben durfte. Neun Jahre gab ich mich vollständig hin, doch am Ende passte es nicht. Kinder bekam ich keine – wegen einer stark ausgeprägten Endometriose. Als Scheidungskind wollte ich es besser machen als meine Eltern. Am Ende fühlte ich mich wie eine Versagerin. Es dauerte Monate, bis ich mich wieder aufrappelte.

Bob Marley beim Abwaschen

In der Pandemie passierte einiges mit uns beiden. Ich ging auf Demos und setzte mich gegen die Corona-Massnahmen ein. Mein Verlobter konnte mit dem Corona-Regime genauso wenig anfangen. Doch in seinem Bekanntenkreis konnte er kaum darüber sprechen. Aufgewachsen sind wir beide eher links – heute gelten wir wegen unseren Ansichten zu Corona und kontrollierter Migration als Nazis. Im Prinzip hat die Verschiebung des politischen Koordinatensystems uns zusammengeführt.

Nun hören wir zusammen Joe Rogan, und beim Abwaschen läuft Bob Marley. Zum Abschalten streamen wir die Sitcom «The Neighborhood», eine eher woke Comedy-Serie über eine weisse Familie, die in eine schwarze Nachbarschaft zieht. Und wenn wir Tiefgang wollen, schauen wir «The Chosen» – die moderne Jesus-Serie. Er isst alles, was ich koche, und deswegen koche ich nun öfter.

Wünscht uns Glück. Jede Beziehung kann das heutzutage gebrauchen. Etwas Glück hatten wir bereits, als der Follower, der mich animierte, die kulinarischen Bilder zu posten, anbot, den Wein für die Hochzeit zu spendieren.

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